1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Kafka trifft Gogol in China

Erstellt: Aktualisiert:

Schon Susan Sonntag urteilte über jene unter dem Pseudonym Can Xue schreibende Chinesin, sie sei eine Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis. Und auch, wenn die chinesische Literatur in Europa immer noch ein Schattendasein fristet, so kann man sich nach Lektüre von »Liebe im neuen Jahrtausend« dem Urteil der US-Essayistin nur anschließen. Was freilich impliziert, dass auch das neueste Werk Xues naturgemäß weit entfernt davon ist, einen Lesegenuss im Sinne leichter Kost darzustellen.

Nein, in Can Xues poetischer Prosa treffen sich Dostojewski, Gogol (nicht umsonst hat sich die 68-Jährige zunächst mit russischer Literatur befasst) und Kafka auf einer chinesischen Provinz-Bühne, wagen ein avantgardistisches Tänzchen. Und Aldous Huxlex klatscht im Takt dazu.

Ebenso berückend wie bedrückend geistert der Protagonist Wei Bo durch eine ferne Zukunft oder zukünftige Vergangenheit, einen repressiven Staat, der alles kontrolliert oder eine an Kafka geschulte geSCHLOSSene Welt, in der ihm alle (erotischen) Möglichkeiten offenstehen, dabei sich stets verlierend. Die Frauen geben den Ton an in dieser surrealen Szenerie, in der Männer durch Abwässerkanäle in Wellness-Oasen gelangen.

Verbirgt sich darin und dahinter das China von heute? Ist Wei Bo auf dem halsbrecherischen Pfad nach Utopia? Oder zu sich selbst? Die groteske Roman-Welt Can Xues kennt keine (literarischen) Grenzen und fordert den europäischen Kopf doppelt und dreifach heraus. Am Ende bleibt aber: große Literatur.

Can Xue: Liebe im neuen Jahrtausend. 400 Seiten. 26 Euro. Matthes & Seitz.

Auch interessant