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Kakapo vor Aussterben bewahren

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Veterinärmediziner Prof. Michael Lierz von der JLU Gießen hilft dabei, die seltene neuseeländische Papageienart zu retten. Sein Verfahren zur Assistierten Reproduktion zeigt bereits gute Erfolge.

Gießen . Wie er da gemächlich auf seinen relativ großen Krallen durchs Unterholz stapft, bietet der Kakapo einen doch recht ungewöhnlichen, zugleich aber auch drolligen Anblick. Der ausschließlich in Neuseeland beheimatete Vogel mit seinem moosgrünen Gefieder, der bis zu 65 Zentimeter groß und vier Kilogramm schwer werden kann, ist der bislang einzig bekannte flugunfähige Papagei der Welt. Seinen Namen hat er von den Maori, den neuseeländischen Ureinwohnern, erhalten. Auf Deutsch übersetzt lautet dieser Nacht-Papagei. Und tatsächlich streift der Kakapo zumeist nachts durch sein Revier. Überhaupt ist er selten in freier Wildbahn anzutreffen, denn der Vogel steht auf der Roten Liste und gehört zu den am stärksten vom Aussterben bedrohten Tierarten der Welt.

Mitte der 90er Jahre waren nicht einmal mehr 50 lebende Exemplare bekannt. Lange sah es sehr schlecht für den Kakapo aus. Mittlerweile aber konnte seine Anzahl wieder auf mehr als 200 gesteigert werden. Dass es nun regelmäßig Nachwuchs gibt, ist auch dem Gießener Tiermediziner Prof. Michael Lierz zu verdanken. Der Leiter der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische der Justus-Liebig-Universität (JLU) hat mit seinem Team ein Verfahren zur sogenannten Assistierten Reproduktion entwickelt, das nun auch dem Kakapo zugutekommt.

Gleich 70 Küken

»2019 sind 70 Küken geschlüpft. Das ist absoluter Rekord«, berichtet Lierz im Gespräch mit dem Anzeiger. In den mehr als zwei Jahrzehnten davor hätten selbst die bis heute andauernden »intensiven Schutzmaßnahmen« in den Reservaten und die Einzelbetreuung durch Wildhüter keine nur annähernd so großen Erfolge gebracht. Der Nacht-Papagei macht es einem aber auch nicht leicht, denn er zeigt ein höchst ungewöhnliches Brutverhalten: »Nur wenn der Rimu-Baum alle paar Jahre Früchte trägt, brütet der Kakapo«, erklärt der Forscher.

Die Weibchen legen bis zu mehrere Kilometer zurück, um zu den Balz-Plätzen der Männchen zu gelangen, die kontinuierlich die ganze Nacht rufen. Um sich dort mit ihnen zu paaren und dann alleine um die Eier zu kümmern. Diese Strecken bewältigen sie ebenfalls zu Fuß, denn die kleinen Flügelchen des Vogels dienen nur zum Balancieren oder um den Fall abzubremsen, wenn sie aus größerer Höhe herunterspringen.

Obwohl der Kakapo durch sein Gefieder in der Natur eigentlich gut getarnt ist, half ihm das kaum, als in früheren Jahrhunderten Menschen in seinen Lebensraum eindrangen und Katzen, Ratten und andere Tiere mitbrachten, die Jagd auf den flugunfähigen Vogel und seinen am Boden nistenden Nachwuchs machten. Sei er »vorher in Neuseeland sehr weit verbreitet« gewesen, dezimierten sich so die Bestände dramatisch.

Als man das Problem endlich erkannte, wurden Maßnahmen ergriffen, um die Gebiete, in denen Kakapos in Freiheit leben - heute nur noch auf der Südinsel Neuseelands - »absolut raubtierfrei« zu bekommen. Die Regierung lässt sich den Schutz der nur in ihrem Land vorkommenden Papageienart einiges kosten. »Ranger kümmern sich ständig um die Kakapos und schlafen manchmal sogar in ihrer Nähe«, schildert Lierz. »Alle Vögel tragen Sender. Daher merkt man schnell, wenn einer von ihnen fehlt.«

Aufgrund der Corona-Pandemie und des langen Einreiseverbots in Neuseeland war es Michael Lierz leider 2020 und 2021 nicht möglich, erneut dorthin zu reisen. Doch weiß er die Kakapos und ihren künftigen Nachwuchs in guten Händen. »Wir haben bei unserem letzten Aufenthalt die Wildhüter in der Assistierten Reproduktion geschult, sodass sie dieses Verfahren nun auch eigenständig durchführen können«, berichtet er. Bei dieser Technik wird den männlichen Vögeln entweder mittels Massage oder mithilfe von winzigen Elektrostimulationsgeräten Sperma entnommen. Der dabei verwendete Strom sei so schwach, dass für die Tiere keine Schmerzen entstehen, versichert der Wissenschaftler.

Mit dem Sperma wird dann ein Weibchen künstlich besamt. Auf diese Weise stelle man eine breite genetische Basis sicher, auch, damit es über die Generationen nicht zu Inzestschäden kommt. »Außerdem zeigen die Untersuchungen, dass die Befruchtungsrate der Eier somit viel höher ist«, erklärt der Tiermediziner. Abgesehen davon könnte, wenn eines der Männchen stirbt, »eine komplette genetische Linie wegbrechen«.

Pro Brut kommen maximal vier Jungvögel auf die Welt, das aber eben nur alle paar Jahre. Daher werden die Eier »zur Sicherheit in einer Maschine ausgebrütet, um eine bessere Chance auf mehr Nachwuchs zu haben«.

Zuversichtlich

Was von Lierz und seinen Mitstreitern in Deutschland ursprünglich für die Rettung seltener Großpapageienarten entwickelt wurde, kommt inzwischen auch bei anderen bedrohten Vogel- oder Reptilienarten zum Einsatz. Nachdem er diese Methode vor einigen Jahren bei einer internationalen Konferenz vorgestellt hatte, »war ich von neuseeländischen Kollegen angesprochen worden, ob man damit auch den Kakapos helfen könnte«, blickt er auf die Anfänge der Kooperation zurück. Als dann nicht lange danach der Zeitpunkt kommen sollte, dass der nächste Brutzyklus anstand, verbrachte der Gießener Forscher mit einigen Mitarbeitern mehrere Wochen in Neuseeland.

In diesem Jahr wird ihm das allerdings nicht mehr vergönnt sein. Das Einreiseverbot wurde zwar inzwischen aufgehoben, doch der jüngste Brutzyklus dauerte »höchstens bis März«. Die zwischenzeitlichen Erfolge mit der Steigerung der Zahlen bei erwachsenen und Jungvögeln stimmen Michael Lierz jedoch zuversichtlich, die Kakapo-Population in den kommenden Jahren weiter vergrößern und diesen seltenen Papagei vor dem Aussterben bewahren zu können.

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