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Kampf um die Nester

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Frühstückszeit: Dieser Graureiher wartet wohl gerade auf einen Fisch. © Schäfer

Zu wenige Brutplätze sorgen für Streit unter Vogelpaaren in der Gießener Wieseckaue

Gießen . Die erste Frage am frühen Samstagmorgen beim vogelkundlichen Rundgang um die Teiche in der Wieseckaue ist: »Sind Sie das, der immer die interessanten Leserbriefe in der Zeitung schreibt?« Der Angesprochene ist Diplom-Biologe Dietmar Jürgens, der zu der ornithologischen Führung eingeladen hatte. »Die meisten davon sind von meinem Gießener Namensvetter. Kritisches mitzuteilen hätte ich viel, gerne mehr Zeit dafür.« Zeit nimmt sich Jürgens allerdings an diesem Vormittag für seine Teilnehmer. Statt der veranschlagten zwei Stunden werden es mehr als drei. Und er hätte gerne noch mehr erzählt, hätte man nicht bei einem anderen Termin auf den Kreisbeauftragten für Vogelschutz gewartet.

Seit Jahrzehnten schon beobachtet und dokumentiert Jürgens die Vogelwelt in der Wieseckaue - ab 1999 zunächst die Wasservögel, seit 2004 auch die Singvögel. In dieser Zeit habe er mehr als 150 Vogelarten hier beobachten können, davon ein Drittel Brutvogelarten.

Man merkt ihm an, dass sein ganzes Herzblut an der Wahrung einer intakten Vogelwelt hängt. »Mein innigstes Anliegen ist, dass die Vogelwelt bei allen Veränderungen nicht in Mitleidenschaft gezogen wird.«

Auch deshalb war er vor zehn Jahren einer der Initiatoren der Bürgerinitiative »Rettet den Schwanenteich«. Diese hatte sich gegen die Pläne zur Umgestaltung dieses Gewässers und insbesondere des begrenzenden Dammweges als Abgrenzung zur parallel fließenden Wieseck erfolgreich gewehrt. Derzeit ist ein Teil dieses Dammweges gesperrt, weil an zwei Stellen verfaulte Wurzeln von großen gefällten Bäumen ihn durchlässig haben werden lassen.

Jürgens erzählt, dass er beim wöchentlichen Dokumentieren des Wasserstandes festgestellt habe, dass nach Absenken des Wasserstandes im Vorjahr dieser im Herbst wieder seinen Normalstand erreicht hätte. Seitdem habe sich dieser bis heute »nicht großartig verändert«. Der Wasserstand würde sich allein durch Niederschlag und Verdunstung regeln, auch ohne Zu- und Abfluss. »Oft problematisch ist der Spagat zwischen Freizeitnutzung im Stadtpark sowie dem Lebensraum der Tiere.« Beim Gartenamt sei er wohl kein beliebter Gesprächspartner. Dieses stelle die Rücksicht auf Brutvögel oft hintenan, kritisiert der Biologe.

Zu sehen oder zu hören sind an diesem Morgen mehr als ein Dutzend Singvögel: Eisvogel, Blaumeise, Kohlmeise, Zilpzalp, Amsel, Kleiber, Rabenkrähe, Bachstelze, Gebirgsstelze, Rohrammer, Zaunkönig, Teichrohrsänger, Rotkehlchen und Buchfink. Der Eisvogel sei regelmäßig in Gießen zu Gast. »Die Wieseck liefert leider wenig Steilkanten, in denen er seine Röhre zum Brüten bauen kann.«

An Wasservögeln beobachtet werden können am und im Schwanenteich: Höckerschwäne, Graureiher, Kormorane, Reiherenten, Stockenten, Haubentaucher, Blesshühner, Graugänse, Kanadagänse, Nilgänse und Teichhühner. Die Teilnehmer des Rundgangs erfahren, dass Vögel sich an Vieles gewöhnen und sogar die Bedrohung durch den Menschen einschätzen können. So würden Graugänse etwa die Gefahr durch angeleinte und freilaufende Hunde unterscheiden können.

Als Haubentaucher im Wasser balzen, erzählt der Experte: »In der Regel brüten sie vier Eier aus.« Aber meist würden nur drei Jungtiere flügge. »Das kleinste und schwächste wird oft zurückgelassen, überlebt meist nicht.«

Beliebt ist der Schwanenteich bei Teichhühnern. Rund 80 der eher kleinen Wasservögel mit gelbrotem Schnabel hätten hier im Winter gerastet - Rekord in Hessen, wie Jürgens berichtet.

Weiter erfahren die Teilnehmer, dass Blesshühner und Haubentaucher auf der Wasseroberfläche schwimmende und an Strauchwerk eingebundene Nester nutzen. »Bei stark schwankendem Wasserstand ist dies problematisch.« Nur ein Blesshuhn-Paar habe im vergangenen Jahr erfolgreich gebrütet. Keine guten Nachrichten auch von den Stockenten: Von ehemals bis zu zwölf Paaren gab es 2021 laut Jürgens nur noch drei.

Aus den ehemals acht brütenden Graureiherpaaren seien dagegen 74 geworden. Die meisten ihrer Horste sind ganz oben in den Kronen der Kastanienbäume auf der Schwanenteichseite zu finden. Wie Jürgens berichtet, fliegen die Graureiher zur Nahrungssuche bis in die Lahnaue. Für den Nachwuchs drohe derweil Gefahr durch Rabenkrähen - denn die würden manchmal kleine Graugänse als Fressbeute aus dem Nest holen. Drei Nilganspaare hätten es zudem auf die Horste der Graureiher abgesehen, doch ohne Erfolg.

Erst vor drei Jahren seien Kanadagänse rund um den Schwanenteich dazu gekommen. »Derzeit sind ständig Revierkämpfe zu beobachten. Bei drei Vögeln ist immer einer zu viel«, weiß Jürgens. Denn: »Die Ressource Brutplatz ist stark limitiert. Der Kampf darum ist nicht friedlich. Dabei ist viel Aggression im Spiel. Manchmal sogar mit tödlichem Ausgang.« Auch von den derzeit zwei brutwilligen Höckerschwänen-Paaren sei eigentlich eines zu viel: »Sie werden sich später stark attackieren, um ihre Brut zu schützen.«

Foto: Schäfer

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Dietmar Jürgens © Rüdiger Schäfer

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