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Kein Bedarf an männlichen Pannenhelfern

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Wie man auch als Laie viele Dinge am Auto selbst erledigen kann, erfuhren die Teilnehmerinnen beim Workshop im Rahmen des Programms zum Weltfrauentag. KfZ-Mechatronikerin Frederike Stäblein (in rot) gab nützliche Tipps. © Pfeiffer

Beim Workshop »Do it yourself am Auto!« in Gießen bekamen die teilnehmenden Frauen wertvolle Tipps für den Alltag. Damit sollen zugleich Rollenbilder aufgebrochen werden.

Gießen . Etwas ungewöhnlich war das Bild schon, das sich kürzlich auf dem Gelände des Stadtreinigungs- und Fuhramtes in der Schlachthofstraße bot: Sechs Autos mit geöffneter Motorhaube und drumherum elf Frauen, die mit Ölmessstab, Frostschutzmittel und einem Starthilfegerät hantierten. Eine Autopanne hatte allerdings keine der Frauen, stattdessen nahmen sie am Workshop »Do it yourself am Auto!« teil. Hierzu eingeladen hatte das Büro für Frauen und Gleichberechtigung der Stadt im Rahmen des Programms zum internationalen Frauentag am 8. März. »Wir wollen hier keine Mechanikerinnen ausbilden«, betonte Frauenbeauftragte Friederike Stibane. Stattdessen gehe es um wertvolle Tipps für den Alltag.

»Ich muss ganz oft meinen Vater anrufen, wenn irgendwas mit meinem Auto ist«, erzählte eine junge Frau. Und auch wenn sie ihre Reifen mittlerweile selbst wechsle, stehe sie doch jedes Mal wieder vor der Frage, wie das eigentlich funktioniert.

Rollenbilder aufbrechen

Ähnlich geht es auch Ebru Esmer-Yildiz: »Ich wüsste nicht, wie man einen Reifen wechselt.« Die Rechtsanwältin ist eine der Ideengeberinnen für diesen Workshop. Denn nachdem sie im vergangenen Jahr einen Vortrag zum Thema »Gewalt in der Familie« gehalten hatte, entspann sich im Anschluss eine Diskussion über Rollenbilder und die Frage, wie man sie aufbrechen kann. Sie sei überzeugt, betonte Esmer-Yildiz, dass man sich Vieles selbst beibringen kann - auch wenn traditionelle Geschlechterrollen vielleicht anderes erzählen.

Das sieht auch die Frauenbeauftragte so: Als 19-Jährige hatte sie einem Freund ein Motorrad abgekauft. Allerdings war das Gefährt in seine Einzelteile zerlegt und musste erst einmal zusammengebaut werden. »Ich bin keine Fachfrau. Aber wir können alle alles lernen.«

Dass manch einer auch im Jahr 2022 noch glaubt, dass Autos Männersache sind, bekommt auch Frederike Stäblein manchmal zu spüren. Sie ist gelernte KfZ-Mechatronikerin und arbeitet bei der Firma Wobst als Verkäuferin für alles rund ums Auto. Manch ein Kunde gehe aber davon aus, dass sie als Kassiererin arbeite und keine fachbezogene Beratung bieten könne. Zusammen mit Friederike Stibane und Wobst-Geschäftsführerin Constanze von Alvensleben zeigte sie den Workshop-Teilnehmerinnen, wie man viele Dinge am Auto auch ohne männliche Hilfe oder die Fahrt in die Werkstatt erledigen kann.

Los ging es mit einem ersten Blick unter die Motorhaube und der Frage: Wie misst man eigentlich den Ölstand? Friederike Stibane machte es vor und blickte prüfend auf den Messstab, der bis knapp unterhalb der Maximum-Einkerbung glänzte - sie hatte erst kurz vorher Öl nachgefüllt.

»Wenn die Ölkontrollleuchte angeht, fliegt das Auto nicht gleich auseinander«, versuchte die Frauenbeauftragte zu beruhigen. »Das ist ähnlich wie mit dem Kraftstoff, da hat das Auto ja auch noch eine Reserve. Tagelang würde ich damit aber nicht mehr herumfahren«, verdeutlichte KfZ-Mechatronikerin Stäblein. Die Teilnehmerinnen erfuhren auch, wie sie rausfinden, welches Öl in ihr Auto gehört, wie sie das Scheibenwischwasser auffüllen und von welchen Bereichen man als Laie besser die Finger lässt..

»Können wir das mal an meinem Auto machen?« war eine Frage, die man in den knapp zwei Stunden mehrfach hörte. Mitunter war dann aber auch eine kleine Ernüchterung nach dem Blick in den Motorraum zu hören - wenn nämlich das deutlich neuere Automodell nur wenige Möglichkeiten lässt, um selbst Hand anzulegen.

Aber auch dann muss man nicht für alles in die Werkstatt oder Partner, Vater oder Bruder fragen: Die Teilnehmerinnen probierten sich am korrekten Ansetzen der Klemmen eines Starthilfegerätes, verhalfen den Gummidichtungen zu neuem Glanz, erfuhren, wie ein Reifen-Reparaturspray funktioniert und probten den Austausch der Scheibenwischerblätter. »Ganz wichtig ist, den Wischerarm nicht ohne die Blätter zurück auf die Scheibe schnellen zu lassen«, betonte Wobst-Geschäftsführerin Constanze von Alvensleben. Denn dann könne die Scheibe springen.

»Kann ich auch meine Glühbirnen selbst wechseln?« wollte eine Teilnehmerin aus aktuellem Anlass wissen. Gemeinsam mit KfZ-Mechatronikerin Stäblein begutachtete sie die Scheinwerfer. Denn ob man ohne viel Aufwand defekte Birnen austauschen könne, unterscheide sich von Hersteller zu Hersteller und von Baujahr zu Baujahr, weiß die Expertin. Mitunter müsse für eine kleine Birne auch mal die komplette Stoßstange abmontiert werden. Das »Versuchsauto« ist da aber weitaus benutzerfreundlicher und bereits nach wenigen Blicken ist klar, wie die Lampenabdeckung gelöst werden kann. Friederike Stibane freute sich über das muntere Ausprobieren: »Das ist genau das, was ich vermitteln möchte: Es ist keine Hexerei.«

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