Kein Schlussstrich, respektvoller Umgang und Terra X aus Gießen

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Mit einem "starken Zeichen" gegen Judenhass und für Solidarität mit Israel hat sich vor einer Woche auch Gießen deutlich zu Wort gemeldet. Und es ist gut, zu sehen, dass es in kürzester Zeit gelingt, ein breites gesellschaftliches Bündnis zu schmieden, das bereit ist, Flagge zu zeigen, wenn es drauf ankommt - um Antisemitismus, aus welcher Richtung auch immer, entschieden entgegenzutreten.

Die historische Verantwortung der Deutschen, so erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 bei ihrer Rede vor der Knesset, ist angesichts des beispiellosen Zivilisationsbruchs durch die Shoah "Teil der Staatsräson" dieses Landes. Doch obwohl nach der systematischen Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden das "Nie wieder!" zur DNA gehören sollte und auch in offiziellen Reden regelmäßig betont wird, scheint dieser Konsens zu bröckeln. Antisemitismus - und im Übrigen auch Antiziganismus - sind leider noch immer virulent; nach wie vor gibt es ekelhafte Anfeindungen und Ausgrenzungen, idiotische Vergleiche, etwa von Masken mit dem Davidstern, und körperliche Übergriffe. Um dem zu begegnen, braucht es natürlich mehr als Worte, Kundgebungen und Rituale. Und trotzdem sind sie wichtig, auch wenn es hier eher um die Symbolik gehen mag. Aber sie helfen, das Bewusstsein zu schärfen, dass der zu oft geforderte erinnerungspolitische Schlussstrich nie gezogen werden darf. Vor allem, da bald keine Zeitzeugen mehr da sind, die von den selbst erlebten Schrecken des Holocaust und den Verbrechen der Nationalsozialisten erzählen können.*Nicht weniger verachtenswert sind rassistisch motivierte Vorurteile, Feindseligkeiten und Gewalt, auf die Teilnehmer einer Demo zum einjährigen Todestag von George Floyd auf dem Berliner Platz hingewiesen haben. Es ist schon befremdlich und beschämend zu hören, wenn Gießenerinnen und Gießener schildern, wie häufig sie in ihrem Alltag mit Erfahrungen von Rassismus konfrontiert sind, weil sie andere Wurzeln oder eine andere Hautfarbe haben. Oft sind es ganz banale Dinge, ist es die Sprache, die verletzt. Selbst das wird indes viel zu oft nicht eingesehen: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!" Warum eigentlich, wenn sich jemand Anderes dadurch diskriminiert, beleidigt und erniedrigt fühlt?! Zugegeben: Sobald von "politischer Korrektheit" die Rede ist, klingt das schnell nach spießbürgerlichen Moralisten, die Denk- und Sprechverbote erteilen oder Freiheiten einschränken wollen, nach Bevormundung und Zensur. Man könnte "politisch korrekt" aber auch der Einfachheit halber mit gutem Benehmen übersetzen. Denn im Grunde bedeutet das doch nur, zugewandt und respektvoll miteinander umzugehen.*Die designierte Koalition aus Grünen, SPD und Gießener Linken hat ihre erste Belastungsprobe offenkundig (ü)be(r)standen und den Magistrat durch die Zustimmung zu den umstrittenen Jahresabschlüssen 2017 und 2018 in der Stadtverordnetenversammlung entlastet. So läuft eben das politische Geschäft: Noch vor ein paar Wochen hätte zumindest der kleinste der drei Partner aufgrund der existierenden Ungereimtheiten vermutlich nicht sein Okay gegeben. Das Thema ist damit allerdings nicht abgehakt, Aufklärungsbedarf besteht weiter (siehe Seite 19). Auch die Koalitionsverhandlungen werden noch einen Moment andauern. "Thematisch ist schon sehr viel abgeklärt, allerdings haben wir noch nicht wirklich viel über Personal gesprochen", bestätigt der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Alexander Wright. Und da es in dieser Woche bekanntlich nicht an Sitzungen gemangelt hat, die Linke zudem am heutigen Samstag ihren Landesparteitag abhält, könnten die Gespräche noch nicht abgeschlossen werden. Der Koalitionsvertrag, so erwartet Wright, werde daher "nicht vor Mitte Juni fertig sein". *Dass Justus von Liebig als einer der größten und beeindruckendsten Chemiker aller Zeiten gelten kann, ist insbesondere in Gießen kein Geheimnis. Folgerichtig zählt das Liebig-Laboratorium in der Liebigstraße zu den zehn wichtigsten Museen für die Geschichte der Chemie und darf zu Recht darauf hoffen, perspektivisch in den Kreis der Unesco-Weltkulturerbe-Stätten aufgenommen zu werden. Diese Bedeutung hat nun auch das ZDF erkannt und war mit einem Filmteam für die beliebte Reihe "Terra X" zu Dreharbeiten vor Ort. Das Multitalent und seine Entdeckungen (zum Beispiel Düngemittel, Säuglingsnahrung und Fleischextrakt) werden Teil einer Dokumentation sein, die eine Zeitreise unternimmt: Vom Urknall zu den Elementen, von der Alchemie zur modernen Naturwissenschaft und der Frage, "wie viel Chemie in uns steckt und warum wir ohne die Chemie nicht lebensfähig wären", teilt das ZDF auf Anfrage des Anzeigers mit. Das Liebig-Museum sei wegen der verschiedenen Labore, des alten Hörsaals und der Arbeitszimmer zum Drehen geradezu ideal. Und da der einstige Professor für seine spektakulären Versuche bekannt war, soll auch eine seiner Experimentalvorlesungen nachgespielt werden. Dafür waren im Vorfeld Komparsen gesucht worden, die Studierende verkörpern. Um "historisch korrekt zu sein", sind jedoch einige Vorgaben zum äußeren Erscheinungsbild gemacht worden: Bei den Herren waren beim Haarschnitt keine Under-, Side-Cuts oder Ähnliches erwünscht, ebenso wenig sichtbare Tattoos oder Piercings; die Damen sollten "möglichst lange Haare und kein Permanent-Make-Up" haben. Das Ergebnis können Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich dann voraussichtlich an einem Sonntag im Oktober anschauen.

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