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»Keine große Panikmache«

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Oleksandr Chertenko © Red

Drohender russischer Angriff: JLU-Forscher spricht im Interview über die Situation in seiner Heimat Ukraine

Gießen . Der Literaturwissenschaftler und gebürtige Ukrainer Dr. Oleksandr Chertenko lehrt und forscht am Institut für Slavistik an der Justus-Liebig-Universität. Im Gespräch schildert er, wie er die Situation im Land einschätzt und ob er die Gefahr eines Krieges in seinem Heimatland sieht.

Die Situation in der Ukraine spitzt sich zu. Wie bewerten Sie die Situation und haben Sie Informationen von vor Ort?

Es gibt im Prinzip zwei unterschiedliche Quellen. Wir wissen ja über die Möglichkeiten des russischen Angriffs auf die Ukraine von Anfang an aus den amerikanischen und europäischen Medien, die geheimdienstliche Erkenntnisse vermeintlich offenlegten. Die ukrainische Regierung im Gegenteil hat von Beginn an die Gefahr, dass die russischen Truppen die Ukraine angreifen, etwas kleiner gehalten. Erst später haben auch ukrainische Regierungsmitglieder angefangen zu behaupten, dass eine akute Gefahr besteht und dass man diese mit westlicher Hilfe bekämpfen muss.

Das ist sozusagen die offizielle Ebene. Eine andere Ebene sind Leute, die dort wohnen. Von meinen Freunden vor Ort, meiner Mutter und Verwandten bekomme ich auch Informationen. Von der Gefahr des Krieges sprechen sie aber viel weniger, auch weil sie nicht wirklich einschätzen können, ob diese Gefahr realer oder zumeist medialer Natur ist - genauso wenig wie wir.

Welche Aussagen kriegen Sie aus Ihrer Heimat?

Es werden zwei grundsätzliche Positionen vermittelt. Ich bekomme von dort kaum Panikmeldungen. Es gibt so gut wie keine Menschen, die allen erzählen, dass sie morgen an die Front gehen, um die feindlichen Truppen zu bekämpfen. Manche sagen, dass es ihrer Meinung nach keinen Krieg geben wird, alles sei nur eine Bedrohung, ein Muskelspiel.

Viele Vertreter der intellektuellen Kreise weisen zudem darauf hin, dass die Ukraine bereits seit 2014 einen Krieg mit Russland führt. Eine Zuspitzung der Lage ist aus dieser Sicht eigentlich das, womit man seit fast acht Jahren gerechnet hat. Eine große Panikmache merke ich im Allgemeinen nicht, eher eine etwas gelassenere Einstellung, bei manchen auch eine Bereitschaft, das Land zu verteidigen, wenn es nötig ist.

Also ist der Krieg im Donbass seit 2014 bereits so Alltag, dass die Menschen sich keine großen Gedanken mehr darum machen?

Nicht, dass man sich überhaupt keine Gedanken macht. Aber die Erfahrung des Krieges ändert natürlich in vielerlei Hinsicht die Wahrnehmung. Junge Leute, die zum Beispiel 24 Jahre alt sind, haben bereits ein Drittel ihrer Lebenszeit mit dem Krieg draußen gelebt. Für diese Generation ist das einfach Alltag, den man so kennt, zwar nicht am eigenen Leibe, aber aus den Nachrichten, so wie jetzt. Es gibt auch über 400 000 Menschen, die in den letzten acht Jahren an den Kampfhandlungen im Donbass auf diese oder jene Weise teilgenommen haben. Etwa zwei Millionen Menschen mussten den Donbass verlassen und in andere Regionen der Ukraine fliehen. Es ist also ein Thema, das schon lange da ist und in dem Sinne keine Überraschung. Ich habe die Ukraine 2015 verlassen, aber das kann ich sehr gut nachvollziehen.

Wenn Sie sagen, Sie haben die Ukraine 2015 verlassen, dann haben Sie noch die Anfänge miterlebt. Wie war denn damals die Stimmung?

Man konnte es eigentlich nicht glauben. Es hat ziemlich lange gebraucht, bis man zur Einsicht gekommen ist, dass ein Krieg mit Russland als Gegenspieler möglich ist. Russland war zwar schon von Anfang an ein unbequemer Nachbar, aber eben ein Nachbar. Man muss sich die Ausgangssituation gut vorstellen, denn mehrere Generationen seit 1945 hatten in der Ukraine keinen Krieg erlebt. Es gab den Afghanistankrieg, da waren Ukrainer natürlich mit dabei. Aber er hat vergleichsweise wenige Familien betroffen und fand nicht auf ukrainischem Boden statt.

Der Krieg im Donbass hat natürlich eine viel breitere und tiefere Wirkung gehabt. Es war ein großes Trauma, das muss man wirklich sagen. Wenn ich als Literaturwissenschaftler die Texte aus den ersten Jahren des Donbass-Krieges lese, dann verstehe ich auch das Ausmaß dieses Traumas. Das war für viele ein lebensveränderndes Ereignis.

Die Vorstellung von der Sicherheit und das ganze Weltbild wurden auf brutale Weise verändert. Das Kriegstrauma wurde in der Zwischenzeit bis zu einem gewissen Grad bewältigt und man hat gelernt, damit zu leben. Das erklärt zum Teil auch die heutige Ruhe angesichts des Sturms.

Denken Sie, dass Putin ein Interesse daran hat, die Sowjetunion wiederzubeleben?

Das kann ich nicht richtig beurteilen. Den Diskurs gibt es ja schon lange und auch Wladimir Putin spricht seit mehr als 15 Jahren direkt darüber, dass der Zerfall der Sowjetunion die »größte geopolitische Katastrophe« der Nachkriegszeit gewesen sei, wenn nicht des 20. Jahrhunderts. Und man muss ja bedenken, dass diese »geopolitische Katastrophe« in seinen Augen gewichtiger ist als beide Weltkriege und der Holocaust. Wenn man den Maßstab dieses Vergleichs mitkriegt, dann versteht man auch, wie groß das Ressentiment ist.

Inwieweit er die Sowjetunion tatsächlich rekonstruieren will: Solche Gespräche werden geführt, allerdings weniger von Putin selbst. Ich habe neulich ein Interview des russischen Staatsfernsehens mit dem belarusischen Machthaber Aleksandr Lukaschenko gehört. Dieser ist ja momentan der engste Verbündete Russlands und spricht auch das an, was die russische Regierung aus taktischen Gründen unterschlägt. Da hat Lukaschenko unter anderem eine Wiederherstellung der Sowjetunion bis auf die baltischen Staaten in zehn bis 15 Jahren in Aussicht gestellt. Die Idee, die wir seit den 1990er Jahren kennen, ist immer noch präsent. Aber ob sie zur Realpolitik wird, das kann momentan wohl keiner einschätzen.

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US-Geheimdienste rechnen mit einem russischen Angriff auf die Ukraine noch in dieser Woche. Das Foto zeigt die Zerstörung durch eine Granate in Donezk. In der Ostukraine dauert der bewaffnete Konflikt seit 2014 an. © Alexander Ermochenko/dpa

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