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»Keine Panik, aber ernst nehmen«

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Diese Aufnahme entstand 1997 bei einem Affenpocken-Ausbruch im Kongo in Zentralafrika. Foto: -/CDC/Brian W.J. Mahy/dpa © -/CDC/Brian W.J. Mahy/dpa

Der Gießener Virologe Prof. Friedemann Weber (JLU) spricht im Anzeiger-Interview über Risiko, Übertragungswege und eine verfügbare Impfung gegen das Virus, das vielen Menschen Sorgen bereitet.

Gießen . Kaum haben die Corona-Zahlen hierzulande ein Niveau erreicht, das wieder ein halbwegs normales Miteinander erlaubt, sorgt mit den Affenpocken schon das nächste Virus bei vielen Menschen für Verunsicherung. Bislang sind bundesweit zwar nur wenige Fälle registriert worden, doch allein der Name Pocken weckt ungute Erinnerungen. Sind in früheren Zeiten weltweit doch Millionen von Menschen an dieser lebensbedrohlichen Infektionskrankheit verstorben. Wie viel aber haben die heutigen Affenpocken noch mit den damaligen Pocken gemeinsam, die häufig mit schlimmen Krankheitsverläufen verbunden waren? Was können wir dagegen tun? Und wie ist das Risiko einzuschätzen? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt im Gespräch mit dem Anzeiger der Virologe Prof. Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie am Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig- Universität (JLU).

Prof. Weber, die letzten weltweit dokumentierten Pocken-Fälle stammen aus den 1970er Jahren. USA und Russland sollen noch wenige Exemplare in Hochsicherheitseinrichtungen besitzen. Seit damals aber gilt das Virus in der Bevölkerung als ausgestorben. Ist es nun plötzlich wieder da?

Das Affenpocken-Virus gehört zwar zur selben Virusfamilie wie der damalige Erreger. Aber es ist nicht nahe genug mit ihm verwandt, als dass durch wenige Mutationen dieselbe Gefährlichkeit entstehen könnte. Zum ersten Mal wurde das neue Virus bei Affen in Afrika entdeckt, daher auch der Name.

Bei dem Virus, das sich nun ausbreitet, handelt es sich um die westafrikanische Variante. Was hat die Forschung bislang über diese herausgefunden?

Die Inkubationszeit bis zum Ausbruch der Krankheit im Körper kann bis zu 21 Tage betragen. Was natürlich ausreicht, ihn schnell weltweit zu verbreiten, zumal sich die Symptome erst nach einigen Tagen zeigen. Das Virus kann durch exotische Tiere übertragen werden. So ist zum Beispiel ein Fall bekannt, bei dem dies durch einen Präriehund (eine Nager-Art, Anm. d. Red.) geschah. Aber auch zwischen Menschen ist die Übertragung möglich.

Wie genau verläuft die Übertragung, gibt es dabei Ähnlichkeiten mit anderen Viren?

Beim Affenpocken-Virus ist nicht wie beim Corona-Virus damit zu rechnen, dass kleine Tröpfchen entstehen, die lange in der Luft bleiben und an denen man sich auch dann noch anstecken kann, wenn der Infizierte gar nicht mehr im Raum ist. Jedoch kann das Affenpocken-Virus in größeren Tröpfchen sein, wie sie zum Beispiel beim Sprechen entstehen. Diese fallen zwar rasch zu Boden, können aber von in der Nähe stehenden Personen eingeatmet werden. Ebenso können sich die Viren längere Zeit auf Oberflächen halten, wodurch die Gefahr einer Schmierinfektion nach Berührung mit der Hand besteht. Die meisten Übertragungen kommen durch engen Körperkontakt und den Austausch von Körperflüssigkeiten zustande. Der erste Ort, an dem sich die Affenpocken-Viren vermehren, ist der Mund- und Rachenraum. Durch dortige Läsionen (Verletzungen in der Schleimhaut, Anm. d. Red.) können sie schnell in den Organismus gelangen. Ansteckend sind Affenpocken aber erst dann, wenn jemand Symptome hat.

Welche Symptome sind bei den Erkrankten zu beobachten?

Die nach sieben bis maximal 21 Tagen auftretenden Symptome sind zunächst ziemlich allgemein und denen bei Corona und Influenza (Grippe) sehr ähnlich, nämlich erhöhte Temperatur beziehungsweise Fieber und Kopf- und Muskelschmerzen. Dazu kommen geschwollene Lymphknoten, in denen sich die Viren vermehren. Mit der Zeit entwickelt sich ein den Windpocken ähnelnder Hautausschlag mit Bläschen, woraus sich schließlich eine Kruste auf der Haut bildet. Fällt die Kruste ab, kann man sich bei Kontakt mit ihr infizieren, zum Beispiel an den Bettlaken der Kranken.

Gibt es einen Test, mit dem das Virus nachgewiesen werden kann?

Für den Nachweis ist ein PCR-Test notwendig, ähnlich wie für das Virus SARS-CoV-2 bei Covid-19. Dazu sollte ein Arzt aufgesucht werden. Ich rechne damit, dass jetzt schnell die PCR-Diagnostik aufgebaut wird.

Wie sieht es mit einem Impfstoff aus?

Der in der Vergangenheit gegen die Pocken entwickelte Vaccinia-Impfstoff wirkt auch beim Affenpocken-Virus. Allein in Deutschland sind davon rund 100 Millionen Dosen vorrätig. Es wäre also genug Impfstoff vorhanden. Allerdings führte der Vaccinia-Impfstoff in der Vergangenheit so häufig zu Nebenwirkungen, dass man dabei war, ihn durch eine durch genetische Veränderungen besser verträgliche Version zu ersetzen. Diese weiterentwickelte Version ist noch nicht breit verfügbar, es wurden aber jetzt 40 000 Dosen bestellt. Die Impfung ist noch bis zu vier Tage nach dem Kontakt mit einem Infizierten möglich. Viele ältere Menschen, die vor Jahrzehnten damit geimpft wurden, sollten noch einen gewissen Schutz haben. Infizieren sich diese, springt durch den Impfschutz das Immunsystem schneller an und die Krankheits-Symptomatik wird abgemildert. Wie gut der Schutz letztlich ist, bleibt aber so weit unklar.

Wie lange sollte ein Betroffener mit Symptomen in Quarantäne gehen?

Da die Inkubationszeit des Virus maximal 21 Tage beträgt, sollte auch die Quarantäne für Kontaktpersonen so lange dauern. Hat man Symptome, so ist es besser, sich zu isolieren, bis die infektiöse Kruste der Pocken abgefallen ist, das kann sogar länger als 21 Tage dauern. Wer dagegen keine Symptome bekommt, ist nicht infektiös.

Gibt es ein Medikament, das bei der Heilung hilft?

Ja, sein Handelsname lautet Tecovirimat. Es ist in der EU zugelassen. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) ist es allerdings derzeit nicht breit verfügbar.

Welche Erfahrungen hat man in Afrika mit den Affenpocken gemacht?

Die Sterblichkeitsrate unter den an der westafrikanischen Variante Erkrankten liegt dort bei ungefähr einem Prozent. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass in Afrika viele Menschen schlecht ernährt sind und auch das Gesundheitssystem schlechter ist als bei uns.

Was würden Sie Menschen sagen, die wegen der Affenpocken in Sorge sind?

Panik muss man deswegen keine haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es zu einem Flächenbrand ausartet. Ernst nehmen sollte man die Affenpocken aber schon. Auch hier sind wie bei Corona Aufmerksamkeit und schnelles Reagieren erforderlich.

Foto: JLU / Rolf K. Wegst

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Weber © Red

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