Kinder sitzen in Gießen "in den Zimmern fest"

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GIESSEN - (mh). Was Geflüchtete erlitten haben und was sie bewog, die Heimat zu verlassen, um Frieden zu finden, kennt Zena El-Jaaran aus den Erzählungen der eigenen Familie. 1986 flohen ihre Eltern vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland. Zena El-Jaaran kam in Niedersachsen zur Welt, wo sie aufwuchs und Abitur machte. Seit Ende vergangenen Jahres ist die 31-Jährige Projekt- und Ehrenamtskoordinatorin der Evangelischen Flüchtlingsarbeit in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) in Gießen.

Sie ergänzt dort das Team der drei Asylverfahrensberaterinnen des Evangelischen Dekanats.

Ehrenamtliche für die Arbeit mit Geflüchteten zu gewinnen und das Engagement in Projekten zu koordinieren, ist ihre Aufgabe. Knapp 2000 Menschen, Erwachsene und Kinder, leben derzeit bis zu 18 Monate in der kasernenähnlichen Einrichtung an der Rödgener Straße. Für sie soll es Angebote geben, welche die Eintönigkeit des Aufenthaltes aufbrechen. Vor allem möglich zu machen, Deutsch zu lernen und Menschen außerhalb der Einrichtung kennenzulernen. Sprachunterricht und Freizeitangebote wurden schon von Zena El-Jaarans Vorgängern initiiert. Corona verhinderte in der zurückliegenden Zeit jedoch Begegnungen. Das hält sie nicht davon ab, neue Angebote vorzubereiten. Ein Musikprojekt mit Instrumenten aus dem Nahen Osten schwebt ihr vor. "Bekannte Klänge und gemeinsamer Tanz sollen ein wenig Vertrautheit in der Fremde schaffen und die Basis bilden für Aktivitäten in der Erstaufnahme." Aus Somalia, Eritrea, Iran, Irak, Afghanistan und Syrien kommen zurzeit die meisten der Geflüchteten.

"Gleichberechtigte Teilhabe"

Mitmenschlichkeit und gesellschaftspolitische Ziele gehören für Zena El-Jaaran zusammen. Die Sozialwissenschaftlerin will Menschen, deren Status als Geflüchtete bereits anerkannt wurde oder deren Verfahren aussichtsreich ist, in Ehrenämter vermitteln. "Für gleichberechtigte Teilhabe an unserer Gesellschaft besteht doch nur eine Chance, wenn die Menschen die Möglichkeit bekommen, selbst zu gestalten, selbst Erfahrungen zu sammeln und Verantwortung für andere zu übernehmen", so Zena El-Jaaran. Die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit setzt das für die HEAE zuständige Regierungspräsidium Gießen. Langfristig will Zena El-Jaaran einen Kreis in Gießen etablieren, in dem ein Austausch über Stadtentwicklung mit dem Blick auch auf Flüchtlinge stattfindet. Dass sie als Muslima für die Kirche arbeitet ist für sie selbstverständlich. "Ich bin als Kind mit der Kirche in Berührung gekommen, habe auch eine Pfarrerin zur Freundin und weiß, dass meine religiösen Überzeugungen der christlichen Nächstenliebe sehr nah sind", schildert die junge Frau.

"Momentan arbeitet sie im "Café" und in der "Nähstube" der HEAE mit. Stoffmasken für Geflüchtete oder Beutel für Aktionen mit Kindern werden dort genäht. Weil sie fließend Arabisch spricht, öffnen sich ihr viele Menschen und sie erfährt die Fluchtgeschichten, nimmt aber auch die Alltagssituation wahr. Wegen Corona erhielten Kinder keine aktiven Angebote, stattdessen Bastelmaterial und Anregungen zu Selbstbeschäftigung. "Die Kinder sitzen mit ihren Eltern in den Zimmern fest. Das ist auf Dauer quälend." Auch die schulische Betreuung ist stark eingeschränkt. Der vorgesehene zweimalige Unterricht in der Woche reduziert sich derzeit auf die Erteilen von Aufgaben, die auf den Zimmern erledigt und anschließend vorgezeigt werden sollen.

"Es ist ein großes Problem, dass Integration derzeit kaum oder gar nicht möglich ist", bedauert die Ehrenamtskoordinatorin. Präsenz-Deutschunterricht oder Integrationskurse fallen aus. Online-Sprachkurse sind schwach besucht, weil die Menschen allenfalls über Mobiltelefone verfügen. Erschwerend kommt dazu, dass es kein WLAN in der Erstaufnahmeeinrichtung gibt. Dabei sei doch Integration nicht nur eine Erwartung an die Menschen, die kommen, sondern ebenso eine Aufgabe von Staat und Gesellschaft. "Es muss Rahmenbedingungen geben, die Chancengleichheit ermöglichen", sagt Zena El-Jaaran.

"Tragödie meiner Eltern"

Mitunter wecken die Erzählungen der Geflüchteten in ihr Erinnerungen an das Trauma der Flucht ihrer Familie. "Wenn ich die furchtbaren Geschichten der Menschen höre, klingt in meinen Ohren natürlich die Tragödie meiner Eltern." Sie haben im libanesischen Bürgerkrieg enge Familienangehörige verloren. Allein die Flucht ist ein Trauma. Das Leid ist nach Jahrzehnten in den Erinnerungen präsent und wirkt noch auf Zena El-Jaaran, obwohl sie im sicheren Deutschland geboren wurde. Und so hat sie viel vor, weil sie viel auf dem Herzen hat. "Ich bin Kind palästinensischer Geflüchteter, das hat mein Denken geprägt."Früh hat sie sich für politische Fragen interessiert und wollte gesellschaftliche Strukturen verändern, studierte in Gießen Sozialwissenschaften. Ihr Blick auf die deutsche Gesellschaft ist geschärft. In den letzten Jahren beobachtet sie einen Wertverlust. "Vorurteile und Aversion gegen sogenannte "Fremde" sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", beklagt sie. Dem will sie sich mit ihrer Arbeit in der Erstaufnahmeeinrichtung und ihrem persönlichen Engagement entgegenstellen.

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