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Kinder und Ältere sollen nicht frieren

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Von: Benjamin Lemper

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Das geht gar nicht: Zumindest in Verwaltungen und Büroräumen soll die Temperatur gesenkt werden. Symbolfoto: dpa © Red

So wollen Stadt Gießen, Arbeiterwohlfahrt, Caritas und Evangelisches Dekanat Energie sparen. Zumindest in sensiblen Bereichen muss nicht gebibbert werden. Auch Sportler können aufatmen.

Gießen. Wasser ist vielerorts ein bisschen oder deutlich kälter, in Büros und Wohnungen wird weniger geheizt und in den Innenstädten ist es abends dunkler als sonst. Die Folgen der Energiekrise sind im Alltag längst zu spüren, denn es gilt: sparen, sparen, sparen. In dieser Woche haben nun die Bürgermeister im Landkreis Vorschläge für moderate Maßnahmen gemacht, die jede Kommune für sich prüfen soll. In Gießen ist manches davon bereits umgesetzt, doch das Konzept werde weiterhin aktualisiert, informiert Magistratssprecherin Claudia Boje. Auch Sozialverbände wie die Caritas und die Arbeiterwohlfahrt (Awo) oder das Evangelische Dekanat wappnen sich, um den Energiebedarf zu reduzieren. Zumindest in besonders sensiblen Bereichen wie Kitas oder Seniorenheimen muss wohl nicht gebibbert werden. Eine gute Nachricht gibt es ebenfalls für Sportlerinnen und Sportler.

Stadt Gießen : Im Juli hatte die Stadt unter anderem angekündigt, auf die Beleuchtung öffentlicher Gebäude in den Abendstunden zu verzichten. Daran hat sich nichts geändert. Die Straßenlaternen werden dagegen nicht abgestellt, betont Claudia Boje. Dies sei einerseits aus Sicherheitsgründen nicht wünschenswert, weil »in der Stadt auch nachts noch viel soziales Leben stattfindet«, andererseits sei es dank energiesparender LED-Technik auch gar nicht nötig. Mittelfristig sollen zudem die Ampeln in Gießen auf LED umgerüstet werden.

Keine kalte Dusche

Im Rathaus bleibt weiterhin das warme Wasser abgeschaltet und in den Büros werden die Temperaturen gemäß Bundesverordnung auf 19 Grad reguliert. Eigene Heizgeräte oder andere elektrische private Geräte zu betreiben, ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ohnehin nicht gestattet. In Fluren, in denen sich niemand aufhält, ist es noch kühler. »Zwischen den Jahren« wird die Verwaltung - von Notdiensten abgesehen - geschlossen sein.

Entschieden ist mittlerweile, dass die Duschen in den Sporthallen nach wie vor mit warmem Wasser versorgt werden. Der Sportkreis Gießen hatte sich im September in einem Offenen Brief an alle Kommunen gewandt und darauf gedrängt. Ansonsten seien angesichts schlechter Witterungsverhältnisse gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erwarten. »Sport und die Hygiene danach müssen weiter gewährleistet sein«, bekräftigt Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher. Zumal es keinen Spareffekt bringe, »wenn Sporttreibende dann zu Hause duschen«. Gleichzeitig werde damit der Gefahr von Legionellen-Bildung begegnet. Und selbstverständlich würden auch die städtischen Kitas »in ganzem Umfang beheizt«.

Caritas : In den Kitas der Caritas wird empfohlen, die Temperatur allenfalls leicht, das heißt um 0,5 Grad, zu verringern. Grundsätzlich seien die Fachkräfte angehalten, aufmerksam mit dem Thema »Energie und Heizen« umzugehen und Eltern wie Kinder etwa mit Blick auf die Kleidung zu sensibilisieren, erklärt Astrid Wichert, Bereichsleitung Kitas und Familienzentren, auf Anfrage des Anzeigers. Darüber hinaus müsse immer im Einzelfall geschaut werden, in welchen Räumen wie geheizt wird - »je nachdem, ob sie bewegungsintensiv oder ruhiger genutzt werden«. Gerade in der Krippe sei eher eine höhere Raumtemperatur notwendig. Orientierung biete auch eine Checkliste der Caritas-Qualitätsstelle, in der Energiesparmaßnahmen individuell nach räumlichen und baulichen Voraussetzungen geprüft und entsprechende Vorkehrungen getroffen werden.

In den Pflegeeinrichtungen St. Anna und Maria Frieden wird wiederum mithilfe einer neuen Lüftungsanlage über die Abluft der Zentralküche Wärme zurückgewonnen, berichtet Lucia Bühler, Bereichsleitung Alten- und Behindertenhilfe. Ferner werden Abläufe angepasst, um Lastspitzen zu senken. Beispielhaft nennt Bühler, dass Spülmaschinen, »die einen hohen Anlauf Strom haben, zeitversetzt hochgefahren werden«. Auch hier werden Leuchtmittel durch LEDs ersetzt und Thermostate in den öffentlichen Bereichen mit voreingestellter Temperatur umgebaut.

»Keine Lobby«

Awo : »Die Energiekosten und die gesamte Kostenentwicklung stellen uns neben den Belastungen und Zusatzausgaben aus der Pandemie vor riesige Herausforderungen«, erklärt Awo-Geschäftsführer Jens Dapper. Und trotzdem sei klar: »Eine Temperaturabsenkung in einem Pflegeheim oder in einer Kita kann es nicht geben. Wir würden die Gesundheit unserer betreuten großen und kleinen Menschen gefährden. Dieses Potenzial haben wir im Unterschied zu anderen Unternehmen nicht.« Der Dreh am Heizkörper sei lediglich in den Verwaltungsbereichen möglich.

Krankenhäuser beklagten jüngst, dass es schwieriger werde, die steigenden Energiekosten aus Einnahmen und Rücklagen zu begleichen. »Den Alten- und Pflegeheimen geht es da nicht besser«, weiß Dapper. Nur habe die Pflege in Deutschland keine Lobby. »Bis wir gehört werden, dauert es in der Regel deutlich länger als in anderen Branchen.« Dennoch versuche die Awo natürlich, energetische Einsparungen vorzunehmen. Aufgrund der Klimakrise werde seit 2020 in allen Häusern bei Neuanschaffungen - beispielsweise von Küchengeräten und Beleuchtung - und Ersatzteilen verstärkt auf Nachhaltigkeit geachtet. Die Awo Gießen Land habe gerade einen großen Vertrag für die Ausstattung mit Photovoltaik abgeschlossen, bei der Awo Gießen Stadt stehe das bevor. Gehofft wird, ab 2023 mit Sonnenenergie positive Effekte zu erzielen.

»Große Chancen« sieht Jens Dapper auch in der »individuellen Sensibilisierung«. Denn bei den insgesamt 720 Mitarbeitenden in den drei Awo-Gesellschaften mit 19 Einrichtungen handele es sich um »720 potenzielle Energiesparer«. Gefordert seien Verhaltensweisen, die im Grunde jeder kennt: »Stoßlüften anstatt Fenster zu kippen, Heizkörper runter, wenn am Wochenende niemand im Büro sitzt, Licht aus, wenn kein Licht benötigt wird.« Hinzu kommen »Energiechecks« der Gebäude durch die Haustechniker, »die mit Fachexpertise kurzfristige Sparoptionen bewerten sollen«.

Evangelisches Dekanat : Der Energieverbrauch in den Kirchengemeinden und Verwaltungen soll »stark gedrosselt« werden. »Büros und Gruppenräume in Gemeindehäusern werden nur noch auf 18, höchstens 19 Grad erwärmt, Vorräume und Treppenhäuser werden nicht mehr beheizt und die Außenbeleuchtung wird auch in der dunklen Jahreszeit abgestellt. Durchlauferhitzer werden ausgeschaltet, sofern das Wasser überwiegend zum Händewaschen verwendet wird. In den kirchlichen Kindertagesstätten darf das Thermometer nicht über 20 Grad steigen, lediglich Wickelräume können auf 24 Grad geheizt werden«, heißt es in einer Mitteilung.

Situation im Winter

Dass älteren Menschen in den kirchlichen Einrichtungen nicht so einfach die Wärme entzogen werden könne, verdeutlicht Kornelia Marschner am Beispiel der Evangelischen Tagesstätte für ältere Behinderte in der Südanlage. Die Leiterin betont, dass sie die Raumtemperatur nicht reduzieren werde, schließlich betreue sie Seniorinnen und Senioren, die anderswo als »Menschen in Pflegeeinrichtungen« geführt werden. »Ich könnte meine Senioren niemals acht Stunden bei 19 Grad in unsere Einrichtung setzen, ohne sie gesundheitlich zu gefährden.« Sollte sich die Situation im Winter zuspitzen und Menschen ihre Wohnungen nicht mehr heizen, weil sie fürchten, die Kosten nicht tragen zu können, so Dekan André Witte-Karp, müsse überlegt werden, inwieweit kirchliche Räume als Wärmeorte eine Rolle spielen können.

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