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»Kirche darf nicht nur um sich kreisen«

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Pfarrvikar Stefan Wanske von der Gemeinde St. Albertus in Gießen spricht im Interview über aktuelle Erschütterungen der katholischen Kirche und befürchtete Austrittswellen.

Gießen. Erst seit Dezember ist Stefan Wanske Pfarrvikar der Gemeinde St. Albertus. Zuvor war der 47-Jährige Dekan in Friedberg. Der in Buseck aufgewachsene Priester hat schon einige wichtige Ämter in der katholischen Kirche innegehabt und war unter anderem Bischöflicher Sekretär von Kardinal Lehmann. Radiohörer kennen ihn durch seine regelmäßigen Beiträge für den HR. Der Anzeiger sprach mit ihm über die aktuellen Erschütterungen der katholischen Kirche in Folge des Münchner Missbrauchsgutachtens.

Kann man schon sagen, ob die jüngsten Entwicklungen nach dem aktuellen Missbrauchsbericht Auswirkungen auf die Kirchenaustritte hatten?

Ich habe jetzt über konkrete Zahlen noch keinen Überblick. Ich habe in 20 Jahren des priesterlichen Dienstes schon häufiger Austrittswellen erlebt. Dabei war die Entwicklung schon in vermeintlich normalen Jahren dramatisch. Wir haben im Bistum Mainz schon in »normalen Jahren« mit 8000 bis 10 000 Austritten pro Jahr eine große Kirchengemeinde verloren. Sankt Albertus galt zum Beispiel immer als eine der größten Gemeinden im Bistum und diese Gemeinde hatte in meiner Jugendzeit rund 9000 Mitglieder. Auf dem Höhepunkt der ersten Missbrauchsdebatte 2010 und erneut im Kontext der Veröffentlichung der MHG-Studie 2018 sind diese Zahlen noch einmal um ein Drittel bis das Doppelte angestiegen. Das sind tatsächlich erschreckende Zahlen. Die Erfahrung aus meiner Friedberger Zeit zeigt aber, dass das seine Zeit braucht, bis das auch bei uns vor Ort durchschlägt. Manche ringen mit so einer Entscheidung noch eine Weile. Das Ergebnis sieht man dann erst so richtig in der Jahresstatistik. Ich glaube, Schlimmes zu befürchten, ist da nicht zu schwarz gemalt.

Sind Kleriker, die den Missbrauch bis heute relativieren, die Ausnahme oder doch eher die Regel?

Das sind Ausnahmen, da haben leider immer noch einige den Schuss nicht gehört und gar nicht verstanden, was geschehen ist. Das sind die alten Reflexe, den eigenen Laden schützen zu wollen und Probleme zu relativieren, aber das sind nicht mehr die Themen, mit denen wir jetzt umzugehen haben. Das sieht man übrigens auch bei den Ausführungen von Papst Benedikt. Bei seiner 83-seitigen Stellungnahme haben ihm offenbar Leute zugearbeitetet, die ihm damit einen Bärendienst erwiesen haben. Gerade wenn ich das Ansehen der Kirche schützen will, darf ich nicht krampfhaft darauf erpicht sein, ihr Ansehen zu schützen, damit erreiche ich bloß das Gegenteil. Dass in solchen Situationen nur Aufrichtigkeit hilft, hätte man schon aus den früheren Austrittswellen lernen können.

Riskiert Kardinal Marx mit dem Infragestellen des Zwangszölibats nicht die Abspaltung der deutschen katholischen Kirche von der Weltkirche?

Die Weltkirche ist schnell ein Totschlagargument gegen jedes Reformvorhaben. Weltkirche heißt nicht Uniformität. Ich für meinen Teil kann mir eine Verschiedenartigkeit unter dem Dach der katholischen Kirche vorstellen. Das ist eine gewaltige Herausforderung für einen »alten Dampfer« wie die katholische Kirche, verschiedene Kulturen und Auffassungen von Glauben zu verbinden. Aber vor solchen Herausforderungen stehen heute ja auch andere Global Player.

Global Player ist ein gutes Stichwort: Während bei uns der Niedergang der katholischen Kirche beklagt wird, wächst sie weltweit, vor allem in der »Dritten Welt«. Wie relevant sind im Weltmaßstab die europäischen Christen für Franziskus, den ersten Papst, der nicht aus Europa stammt?

Das ist in der Tat eine sehr eurozentrische Sichtweise. Wir sollten vielleicht weniger darauf schauen, was wie in Rom gesehen wird, sondern was Menschen, wenn sie denn bleiben, an Kirche begeistert. Wir haben lange Jahre geglaubt, dass Kirchenaustritte das Ergebnis langer Entfremdungsprozesse von Menschen seien, deren Glaube gewissermaßen verdunstet ist. Aber stimmt das überhaupt? Ich habe dieser Tage einen Brief von einer Dame aus einer Friedberger Kirchengemeinde erhalten, die schrieb, es falle ihr zunehmend schwer, beim Glaubensbekenntnis zu sagen: »Ich glaube an die heilige katholische Kirche«, aber sie könne noch immer sagen »Ich glaube an die Gemeinschaft der Gläubigen«. Das macht dann traurig und zornig, wenn man feststellt, dass das Fundament droht, von Institutionen, die darauf gebaut sind, verraten zu werden. Es sind ja nicht nur die Menschen, die sich dem Glauben entfremdet haben, die der Kirche den Rücken kehren, sondern es sind auch Menschen bis mitten hinein in die Gemeinden, die sagen: »Gerade weil ich ein gläubiger Mensch und tief in der Kirche verwurzelt bin, erwäge ich ernsthaft, diese Kirche zu verlassen.«

Also gerade, weil ich gläubiger Katholik bin, kann ich mit dieser Kirche nichts mehr anfangen? Ist das nicht extrem bitter für die Vertreter dieser Kirche?

Ja! ... (er denkt nach) ... Ich glaube an Gemeinschaft mit Gott als Fundament und bin überzeugt, dass dieser Glauben Gemeinschaft bedeutet, damit er auch mit allen Sinnen erlebt, erfahren und weitergegeben werden kann, aber das geht nur wenn dieses Fundament nicht verraten wird. Diese Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Sie hat ihre Existenzberechtigung, weil sie auf der Idee von Gottes Nähe und der Begeisterung für Jesu´ gute Nachricht fußt.

Erst Bischof Tebartz-van Elst und seine Badewanne, jetzt die Vertuschungen der Bischöfe: Fühlt man sich da als Priester an der Basis nicht manchmal von seinen Vorgesetzten im Stich gelassen?

Diese Gegenüberstellung ist ein bisschen plakativ, aber die Fragen, mit denen Gemeindemitglieder ringen, mit denen ringe ich auch. Es ist leichter, als Pfarrer seine ganze Kraft, Kreativität und seinen Arbeitsgeist zu geben, wenn man in einer Institution tätig ist, deren lebensdienlicher Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Öffentlichkeit zumindest Wertschätzung genießt, selbst wenn sich jemand anders verorten sollte. Ich glaube aber, bei vielen Bischöfen - und nicht zuletzt auch bei Georg Bätzing als Vorsitzendem der Deutschen Bischofskonferenz - setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass es in den Umbruchprozessen, in denen wir stehen, kein »Weiter so« geben kann. Im Grunde war es auch nie biblisch, anzunehmen, dass man als Kontrast zur »bösen Gegenwart« so ein katholisches Paralleluniversum bauen kann, in dem alles beim Alten und Rechten bleibt. Das funktioniert so nicht mehr. Anschlussfähig zu bleiben, bedeutet auch nicht, alles gut zu heißen, was die Moderne mit sich bringt. Dass die Moderne gerade im Licht des Evangeliums auch sehr ambivalent ist, bestreitet auch niemand, nicht einmal die progressiven Kräfte in der Gesellschaft.

Die Kirche ist seit 2000 Jahren ein absolut zentralistisch geführtes Unternehmen. Das hat ihr geholfen, diese 2000 Jahre zu überstehen. Aber ist das Führungsmodell noch zeitgemäß? Andere Weltreligionen kennen auch keinen Papst.

Kommt darauf an. Diese hierarchische Einheit hat in der Geschichte auch immer wieder vor eilfertiger Indienstnahme geschützt. Weite Teile der Kirche haben sich, gerade weil sie im Petrus-Amt einen Einheitsgaranten hatten, nicht ohne Weiteres vor den Karren totalitärer Regime spannen lassen. Aber Zeiten ändern sich. Burgen hatten auch einmal ihren Sinn und waren entsprechend wehrhaft und ein Garant der Sicherheit für die ihnen zugeordneten Bürger, aber die Zeit der Burgen ist dann doch zu Ende gegangen, weil sich die militärische Technologie weiterentwickelt hat, auch wenn man dieses Bild sicherlich nicht eins zu eins auf die Kirche übertragen kann.

Ist die Kirche zwischen den Wünschen der heute lebenden Menschen und den alten Dogmen nicht aufgerieben und gewissermaßen zwischen Scylla und Charybdis? Verliert sie nicht ihren Wesenskern, wenn sie sich zu sehr dem Zeitgeist öffnet? Das Beispiel der protestantischen Kirche ist da nicht allzu mutmachend. Diese hat sich mehr geöffnet und verliert genauso viel Zuspruch.

Das stimmt. Man kann deshalb auch nicht sagen, die Wurzel allen Übels ist römischer Zentralismus. Das greift zu kurz. Ich würde mir die Rolle der Kirche als eine offene, aber kritische Zeitgenossenschaft wünschen, die nicht nur Heimat bietet, sondern auch Stellung bezieht. Es ist schließlich auch Aufgabe der Kirche, zu stören und Sand im Getriebe zu sein. Das geht aber nicht, wenn sie ausschließlich um sich selbst kreist und meint, durch Verdrehungen das eigene Image schützen zu müssen.

Wie stehen Sie zu der »Out in Church«-Initiative, in der sich 125 Kirchenmitarbeiter zu ihrer Homosexualität bekannt haben?

Für Priester spielt die sexuelle Präferenz eigentlich gar keine Rolle. Die sich aus dem Amt ergebenden Verpflichtungen sind identisch. Aber bei dieser Aktion ging es auch um die Grundordnung für den kirchlichen Dienst. Was ist mit Schulleitern oder Chefärzten in kirchlichen Einrichtungen, die nach der Scheidung wieder heiraten? Bischof Peter Kohlgraf hat in seiner Reaktion auf diese Initiative gesagt, dass er sich vor seinem Gewissen nicht damit abfinden kann, dass Menschen durch seine Kirche Kränkungen erfahren. Da sei es mit einem Lippenbekenntnis der Wertschätzung nicht getan, sondern das kirchliche Arbeitsrecht muss weiter entwickelt werden. Alles, was nach Doppelmoral und Heimlichtuerei rieche, dürfe in der Kirche keinen Platz haben. Ich hoffe, ihm ist die Tragweite dieser Aussage bewusst.

Hätten Sie persönlich ein Problem damit, dass ein Kindergartenleiter in einer katholischen Einrichtung auch nach einer Scheidung Kindergartenleiter bleibt?

Ich hätte damit keine Probleme. Insofern ist es schon richtig, dass man die Grundordnung überprüft. Ich hatte mal ein Brautpaar, das erst am Tag der Silberhochzeit kirchlich heiratete. Da hatten beiderseits die Eltern abgeraten, das am Tag der grünen Hochzeit zu tun, weil sie meinten: Das geht eh schief, und dann habt Ihr das Problem eines bestehenden kirchlichen Ehebandes und seid unter Umständen im Falle einer Wiederheirat vom Sakramentenempfang ausgeschlossen. Gerade die Gläubigen werden durch diese Gesetze zu solchen Verrenkungen gezwungen.

Demographen schätzen, dass schon bald die Mehrheit der Deutschen keiner der beiden großen christlichen Kirchen angehört. Was bedeutet das für die katholische Kirche?

Kirche wird künftig ihre Bedeutung nicht mehr statistisch begründen können. Es braucht eine innere Plausibilität. Wenn Kirchenzugehörigkeit sich nicht nur in bürgerlichem Brauchtum erschöpft, sondern immer wieder eine persönliche Gläubigkeit und eine kulturelle Beheimatung im Christentum fordert, bietet das tatsächlich auch Chancen. Allerdings würde ich nicht wie andere von einem Gesundschrumpfen sprechen. Durch die schwindenden finanziellen Möglichkeiten werden ja auch viele kirchliche Einrichtungen, die mit Herzblut betrieben werden, verschwinden. Man kann natürlich sagen, dass der Staat auch Kitas und Krankenhäuser betreiben kann, aber ich glaube, dort eine Pluralität von Angeboten zu haben, die natürlich auch unterscheidbar bleiben müssen, macht unsere Gesellschaft reicher.

Versuchen Sie, Austrittswillige umzustimmen?

Das kommt tatsächlich sehr selten vor, dass Austrittswillige das Gespräch suchen. Ich habe das in den 20 Jahren meines Priesterberufs nur zweimal erlebt. Vor denen habe ich innerlich den Hut gezogen. Das sind oft sehr tiefgründige Gespräche, und in die gehe ich nicht mit der Zielsetzung, die Menschen umzustimmen. Ich will erst mal hören, was den anderen bewegt, aber dann auch gerne daneben legen, weshalb ich in dieser Kirche bleibe. Ich selbst habe mit meiner Kirche als Glaubender fast ausnahmslos positive Erfahrungen gemacht. Die Unzulänglichkeiten von Kirche, Gemeinden und Institutionen sind mir nur zu deutlich bewusst. Damit bin ich ja auch ständig konfrontiert. Ich versuche nur, eine andere Sichtweise daneben zu eröffnen. Und jeder, der seinen Entschluss später vielleicht einmal in Zweifel zieht, wird bei mir immer eine offene Tür finden.

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