1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Klang des Bewusstseins

Erstellt: Aktualisiert:

Lich. Auftritt für die aktuellen Deutschen Jazzpreisträger in Lich: Die Gruppe Hard Boiled Wonderland war am Donnerstag zu Gast im Kino Traumstern. Mit ihrem Programm »Music Resistance« boten die Kölner eine tadellose Mischung aus Agitprop, Theater, Gesang und nicht zuletzt hochwertigem Jazz, die ihre Wirkung auf die Zuhörer nicht verfehlte.

Die Bühne im Traumstern wird von ganz links bis ganz rechts beansprucht. Zwei Klavierspieler, zwei Schlagzeuger, zwei Bassisten, vier Sängerinnen und Sprecher sowie ein Posaunist ergeben ein massives Bühnenbild. Was für ein Klang, wie viele Klänge werden da wohl ertönen?

Die zehn Mitglieder umfassende Band erhält an diesem Abend weitere Unterstützung. Perkussionist Sumudi Suaweera aus Sri Lanka und die australische Bassistin und Sängerin Helen Svoboda sind auch dabei. Aus der hiesigen Region spielt Schlagzeuger Thomas Sauerborn aus Laubach mit. Nicht zuletzt ist die ukrainische Sängerin, Pianistin und Komponistin Tamara Lukasheva Mitglied der Formation.

Die Zuhörer erleben eine kraftvolle, perfekt choreografierte Mischung aus Sprechtheater und orchestralem Jazz. Inhaltlich geht es 70 Minuten lang um den Zustand der Welt und mögliche Alternativen. Die formulieren zwei Sprecherinnen und zwei Sprecher, drei von ihnen sitzen gleich vorn an der Bühnenkünste. Sie vermitteln nicht nur die Inhalte, sondern auch das kraftvolle Engagement der Gruppe. Zentralsprecher und Sänger Maximilian Hilbrand agiert zunächst am dramatischsten, bis ihm Lukasheva ebenso energisch sprachlich zur Seite tritt, auf Deutsch und Englisch.

Inhaltlich bietet das Programm einen kunstvollen Zusammenschnitt verschiedenster Themen zu Umwelt und Moral: von Plastik über Fleisch (Bärchenwurst) und Regenwald bis zu den berüchtigen 72 Jungfrauen, die islamistischen Selbstmordattentätern im Jenseits versprochen werden.

Während die inhaltlichen Elemente knackig bis scharf daherkommen, fällt auf, dass einige Jazzsongs sehr schön gespielt und gesungen werden. Was wiederum verdeutlicht, dass hier auch exzellent Musik gemacht wird. Der kraftvolle musikalische Bewusstseinsstrom ist zwar einerseits eine permanente Provokation, über die angeschnittenen Themen nachzudenken und etwas zu unternehmen. Eine wunderschöne Jazzballade ist etwa einem verschwundenen isländischen Gletscher gewidmet. Immer wieder sind aber auch minutiös abgestimmte Interaktionen der Solisten zu hören.

Heraus ragt dabei der vielbeschäftige Trompeter Matthias Muche. Er liefert die Begleitung zu anderen Instrumenten, zu Gesangsstimmen und dem Ensembleklängen, verstärkt sie aber auch mit zahllosen freien Elementen. Intensiv gelingt dann Likasheva der Song »Thank you«, in dem es auch ums Schicksal ihrer Enkel geht. Inhaltlich ist das kein Vergnügen, schließlich gibt es zur Lage der Welt momentan keine guten Nachrichten, und dabei haben die Kölner das Thema Pandemie nicht einmal angeschnitten.

Hard Boiled Wonderland ziehen aber alle inhaltlichen, musikalischen und nicht zuletzt Bühnenregister, um ihr Anliegen zu vermitteln. Die exzellente Klanggrundlage macht diesen Auftritt zum Erlebnis.

Im anschließenden Publikumsgespräch zeigten sich die Besucher beeindruckt, »beschenkt« oder fühlten sich an »Oper und Operette erinnert«. Trost bei all den schlechten Nachrichten fand sich für Zuhörer wie Beteiligte in der Musik.

Interessenten konnten das Sachbuch zum Programm mit den kompletten Texten, ausführlichem Bildmaterial, einer CD mit einer Liveaufnahme eines Konzerts im Kölner Stadtgarten zum Vorzugspreis erwerben, es ist auch im Buchhandel erhältlich.

Auch interessant