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»Klare Worte« in einer immer diffuseren Welt

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giloka_Lohscheidt2_22122_4c © Red

Die Pandemie erlaubt erneut keine vollen Kirchen, wie das all die Jahre gerade an Heiligabend üblich gewesen ist. Wie fühlt sich diese Situation für Sie persönlich an?

Ich mag es, so wie es zuletzt war: Die Weihnachtsgottesdienste, das Krippenspiel, Abendmahlsfeiern im Altenheim, das waren bewegende Momente. SängerInnen des Kirchenchores - dicht an dicht oder sogar mitten in der Gemeinde stehend. Heute ist das undenkbar. Ich kann es mir fast nicht mehr vorstellen, mit so vielen Menschen in einer Kirche zu sein. Mein Gottesdienstgefühl hat sich verändert. Das gilt besonders für die Gespräche am Rande.

Anmeldung, Eingangskontrollen, Abstandsgebot, Maskenpflicht: Wie besinnlich kann ein solcher Gottesdienst an Weihnachten überhaupt noch sein?

Im Zentrum unserer Gottesdienste steht gelebte Religion, unsere Beziehung zu Gott. Die Ausdrucksformen dafür sind immer im Wandel. Für viele der gewohnten Formen gibt es eine Alternative, die besinnlich sein kann und auch heute durchführbar ist. An mancher Stelle fragen wir uns sogar, weshalb wir nicht eher auf die Idee gekommen sind: Das Open-air-Krippenspiel auf dem Alten Friedhof hat im vergangenen Jahr viele Menschen begeistert und wird deshalb mit der Neuauflage in diesem Jahr eine Corona-Tradition. Gleichzeitig ist es natürlich schmerzlich, von Liebgewonnenem Abschied zu nehmen. Ich bin dankbar, dass wir in den Gemeinden Wege suchen und finden, unseren Glauben gemeinsam zu leben.

Die Wichernkirche musste im Juli wegen Einsturzgefahr aufgrund von Baumängeln gesperrt werden. Inwieweit trübt dieser Verlust der Heimstatt zusätzlich die Stimmung?

In der Wichernkirche begann das Krippenspiel oft mit der Verdunklung des Kirchenraumes. Dann leuchtete ein Spot auf Kinder, die als Herodes, Maria und Josef oder Engel verkleidet waren. Am Ende sangen alle »Oh du Fröhliche«. Danach: Gedränge an der Kirchentüre, Händeschütteln, Weihnachtsgrüße. In diesem Jahr wiegt die Erinnerung schwerer, weil nicht klar ist, wie es mit der Kirche weitergeht. Aber in der Wicherngemeinde gibt es lange die Tradition, im Quartier unterwegs zu sein und zu den Leuten zu gehen: Dort lebt Kirche. Das führen wir fort. Und wir haben es gemeinsam mit den Partnergemeinden im Gießener Osten möglich gemacht, neue Orte zu finden, an denen unser Glaube lebt und atmet.

In der Vorbereitung auf die Weihnachtstage gibt es für Pfarrerinnen und Pfarrer immer besonders viel zu tun. Ist das diesmal entspannter oder sogar noch stressiger?

Wir feiern ja tatsächlich schon das zweite Mal Weihnachten unter diesen Bedingungen. Uns ist es im vergangenen Jahr schon gelungen, in Absprache mit dem Gesundheitsamt Formate zu entwickeln, die selbst im Lockdown verantwortbar waren. Diesmal stand unsere gesamte Adventsplanung unter den Vorzeichen der Pandemie. So kam der Nikolaus auf den Vorplatz der Andreasgemeinde, dort stand eine Bude zum Outdoor-Liedersingen und an der Lutherkapelle brannte am 4. Advent ein Feuer vor der Kirche. Dennoch ist es mehr Arbeit - denn wir können nur an wenigen Stellen auf Gewohntes zurückgreifen. Auch im ehrenamtlichen Engagement wird das spürbar.

Welche Botschaft möchten Sie in Ihrer Predigt vermitteln?

Im Weihnachtsevangelium lutherischer Lesart hören wir von einer »Klarheit des Herrn«, die dort aufscheint, wo die Ankunft Gottes auf Erden, die Geburt Jesu, verkündet wird. Das Wort hat Martin Luther in die Bibelübersetzung eingebracht. Über diese »Klarheit« will ich nachdenken. In unserer immer diffuseren und undurchdringlicheren Welt haben wir klare Momente nötig. Klare Aussprachen helfen, Missverständnisse und Irritationen zu überwinden. Die Engel machen den Hirten eine klare Ansage: Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren. Das sind Verheißungsworte. In der Geburt Jesu beginnt etwas, klar und deutlich zu werden, auch wenn es jetzt noch nicht allen »klar« erscheint: Gott kommt zu den Menschen auf die Erde, um Frieden zu bringen.

Was empfehlen Sie jemandem, der sich vielleicht lieber zu Hause eine kleine Weihnachtsandacht gestalten möchte?

Hausandachten haben ein »Comeback«. Menschen leben ihre Frömmigkeit bewusster auch in den eigenen vier Wänden. Das ist gut evangelisch: Alle Getauften sind dazu berufen, ihren Glauben zu teilen. Online finden sich viele Angebote: Auf Instagram bloggen Sinfluencer im Yeet-Netzwerk, Radioandachten sind auf den Seiten der Kirche im hr zu hören. Vor der Andreasgemeinde gibt es Andachten »to go«. Oder Sie gestalten selbst eine Feier mit Bibel und Kerze. Entzünden Sie eine Kerze und bringen vor Gott, was Ihnen auf dem Herzen liegt und wofür Sie dankbar sind. Lesen Sie die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium (Lk 2,1-20). Sie können sich den Ruf der Engel zusprechen: »Fürchte dich nicht!«. Ein Zettel mit Wünschen für das kommende Jahr kann man an den Tannenbaum hängen oder in die Krippe legen.

Wie läuft Weihnachten traditionell in Ihrer Familie ab?

Wie in jeder Familie mit Kindern ist bei uns die Aufregung um das Fest und die Geschenke sehr groß. Außerdem stellt sich die Frage, was ein Römer und ein Engel beim Krippenspiel im Freien tragen. Gemeinsames Essen und Familienzeit zwischen den Gottesdiensten an unterschiedlichen Orten ist wichtig. Anders ist es diesmal, weil das so lange Gewohnte nicht mehr einlösbar ist. Corona hat auch viele Möglichkeiten von Besuchen und Begegnungen genommen. Wir machen das Beste daraus und sind schon voller Vorfreude.

Was für eine Bescherung: Schon das zweite Jahr in Folge macht die Corona-Pandemie auch in den Gießener Kirchengemeinden kein »normales« Weihnachtsfest möglich. »Mein Gottesdienstgefühl hat sich verändert«, sagt der evangelische Pfarrer Johannes Lohscheidt. »Natürlich würde ich mir wieder volle Kirchen mit kräftigem Gesang wünschen«, betont der katholische Pfarrer Stefan Wanske. Im Interview erzählen die beiden Theologen, wie sie diese Zeit erleben und wie sie mit den damit verbundenen Herausforderungen umgehen. (bl)

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KrippenaufbauOsnabrueckDo_4c_4 © Red

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