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»Kleine Liebhaberanker« für Gießen gesetzt

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Tierische Begeisterung: Lisa Keil hat erst ihren Traumberuf gefunden und freut sich obendrein über den Erfolg als Autorin. © Stefanie Lategahn

Die Tierärztin Lisa Keil hat an der JLU in Gießen Veterinärmedizin studiert und ihre Erinnerungen an Stadt und Studium in den Roman »Auf und mehr davon« gepackt.

Gießen . Die Studentenstadt wirkt »ein wenig altbacken, klobig und grau«. Zudem finden sich dort »keine wirklichen Sehenswürdigkeiten«. Stattdessen verlaufen mittendurch »zu viele große Straßen«. Aber immerhin gibt es einen »botanischen Garten«, ein Mathematikmuseum sowie einen »alten Friedhof«. Und die beiden Kommilitoninnen haben es sich obendrein zur Aufgabe gemacht, noch mehr »versteckte schöne Ecken der hässlichen Stadt zu entdecken«. Schon nach wenigen Seiten des Romans ist für jeden Gießener - und selbstredend für jede Gießenerin - trotz manch ungewohnter Schreibweise unschwer zu erkennen, wo diese Geschichte spielt.

Der Impuls, ob der so oft gehörten Vorhaltungen die Augen zu verdrehen oder zumindest leicht den Kopf zu schütteln, lässt sich kaum unterdrücken. Doch wenigstens der Name der mittelhessischen Metropole wird auf den über 400 Seiten von »Auf und mehr davon« nicht ein einziges Mal erwähnt. Folglich werden Ortsunkundige durch die Lektüre mitnichten von einem Besuch abgeschreckt. »Ich wollte auf keinen Fall Antiwerbung für Gießen verbreiten«, versichert Lisa Keil. Vielmehr habe sie versucht zu vermitteln, dass es sich »um Liebe auf den zweiten Blick« handelt. Dass fast alle, die in Gießen studiert haben, »eine ganz enge Bindung zu dieser Stadt« behalten. Das weiß die 41-Jährige aus eigener Erfahrung. Schließlich hat sie zwischen 1999 und 2005 selbst an der Justus-Liebig-Universität (JLU) für Veterinärmedizin eingeschrieben. Und all ihre Eindrücke und Erlebnisse habe sie in diesem Buch verarbeiten wollen. »Ich schmeiße immer ganz viel von mir in meine Romane rein«, betont sie im Gespräch mit dem Anzeiger. »Ich wollte zeigen, dass es ein ganz besonders Studium und Gießen eine ganz besondere Studentenstadt sind.« Deshalb erachtet Lisa Keil es nicht nur als »total schön, Leserinnen und Leser dorthin mit zu nehmen«, sondern beim Schreiben »selbst noch einmal in all die wunderbaren Erinnerungen eingetaucht zu sein«.

»Nette Menschen«

Im Mittelpunkt steht die Studentin »Milli«, die gerade die Zwischenprüfung in Tiermedizin absolviert hat und an der Rinderklinik der Uni mitarbeiten darf. Dabei lassen sich zunehmend freundliche Worte über die nunmehr »kleine, inzwischen so vertraute Unistadt« aufspüren. Und der französische Gaststudent Noé aus dem malerischen Nantes bringt es schnell auf den Punkt: »Ich mag es hier. Sehr nette Menschen und sehr gutes Essen.«

Ihre Liebe zum Schreiben hat Lisa Keil ebenfalls erst auf Umwegen ergründet. Ihren Traumberuf als Tierärztin in einer ländlichen Praxis zwischen Sauerland und Soester Börde hatte sie längst gefunden. Mit Tochter, Sohn und drei Pferden schien auch das Privatleben mehr als ausgelastet. »Wegen der Kinder habe ich auf eine halbe Stelle reduziert«, schildert sie. »Als mein Sohn dann zur Tagesmutter ging, die uns unterstützte, um meine Praxistage abzudecken, ergab sich plötzlich ein Zeitfenster.« Und da Lisa Keil »nicht zu den Menschen zählt, die sich im Haushalt total verausgaben und sich freuen, endlich mal alle Fenster zu putzen, musste also dringend eine andere Alternative her«, erzählt sie lachend.

Die 41-Jährige ist überhaupt ein offener und fröhlicher Mensch. Schon am frühen Morgen sprüht sie geradezu vor Energie. »Hier scheint heute die Sonne. Also habe ich den Schreibkram liegen lassen, bin zu den Pferden und bin eine kleine ohne Runde geritten.« Die Begeisterung darüber ist selbst am Telefon deutlich zu spüren. Gut gelaunt berichtet sie, dass sie sich damals sogleich auf die Suche nach etwas Kreativem begeben hat. »Ich wollte etwas erkunden, das mir mein Job nicht bieten kann, etwas für mich ganz allein und ohne Erfolgsdruck.« Und so kam Lisa Keil auf die Idee, eine Geschichte zu verfassen, die sie vielleicht binden lassen und ihren Freundinnen schenken könnte. Alsbald habe sie realisiert, »dass mich das richtig erfüllt und dass Schreiben genau das ist, was mir gefehlt hat«. Aus diesem Grund wollte sie sich auch »einfach ein bisschen mehr Handwerk« aneignen. Als sie angefangen habe zu reiten, habe sie doch auch eine Reitschule aufgesucht. »Dort habe ich festgestellt, dass es noch viel mehr Spaß macht, wenn man das richtig lernt.«

Diese Erfahrung hat sich im Schreibseminar wiederholt. Geleitet wurde dieser Kurs von »zwei Profis«: einer Literaturagentin und einer Lektorin. »Und die haben mich ermuntert, mich mehr zu trauen. Denn meine Texte seien wirklich gut.« Zunächst habe sie noch etwas gezögert, sie wollte ganz ohne Erwartungen von außen ihr neues Hobby gestalten. Letztlich habe sie sich aber entschieden »all in« zu gehen, hat ihr Manuskript nur einer Agentur geschickt und ihr erstes Buch ist gleich als Spitzentitel beim Frankfurter S. Fischer Verlag gelandet. »Das war totales Glück«, schränkt sie ein. Und fügt hinzu: »Für mich ist es immer noch schwierig, das alles zu verstehen.«

»Auf und mehr davon« ist bereits ihr dritter Roman und bildet den Abschluss einer Reihe über »Milli«, ihre Familie und Freunde im beschaulichen Neuberg mit Abstecher nach Gießen. Für die Recherchen ist Lisa Keil für einige Tage an die JLU zurückgekehrt. »Genau an dem Tag, als der Hackerangriff bekannt wurde, saß ich zum ersten Mal wieder im Hörsaal«, berichtet die 41-Jährige. Eine Praktikantin der Tierarztpraxis, in der sie selbst angestellt ist, die in Gießen studiert, habe sie mitgenommen. »Ich hockte da mittendrin und kam mir vor, als sei die Zeit zurückgedreht.« Gleichzeitig sei sie sich wie ein Gespenst vorgekommen, das nicht mehr dazugehört. Und zu ihrer Verblüffung hielt eine ehemalige Kommilitonin nun die Vorlesung hielt. »Sie ließ den Blick so durch die Reihen wandern und blieb an mir hängen«, erzählt Lisa Keil. Erst habe sie überrascht geguckt, dann sei ihr die Freude deutlich anzusehen gewesen. »Danach haben wir noch ganz viel gequatscht.«

Lesung im Hörsaal

Überall auf dem Campus habe sie sich nochmals umgeschaut, in der Anatomie, dem Präparationssaal und bei den Erstsemestern. »Ich wollte überprüfen, ob das alles noch zu meiner Erinnerung passt und habe es auf mich wirken lassen.« Allerdings sei ihr Roman »keine Regionalgeschichte über Gießen«, das hätte viel mehr Recherchen und einen anderen Aufbau erfordert. »Ich habe kleine Liebhaberanker gesetzt«, welche die Leute wiedererkennen können, ansonsten aber die Gegebenheiten für die Geschichte angepasst. Und schon fängt sie an zu schwärmen vom Weihnachtsmarkt in der Innenstadt, den Seen der Umgebung, »an denen wir im Bikini den Lernstoff gepaukt haben«, und dem Stall in Rödgen, in dem sie während des Studiums ihr Pferd untergebracht hat. Nun träumt Lisa Keil davon, auch im Hörsaal der Gießener Veterinärmedizin aus ihrem Buch lesen zu dürfen. »Das wäre so toll, wenn das nach Corona klappen könnte.« Angesichts ihrer schon jetzt spürbaren Euphorie gibt es eigentlich kaum Zweifel, dass sie auch das hinbekommen wird.

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