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Happy End: Jan und Henry holen gemeinsam mit ihrer Freundin Lilli die Musik ins Mietshaus zurück.

Kleine Stars ganz groß

Gießen. Wer seine Lieblingsstars live erleben will, der muss meistens erst einmal warten. Im Repertoire kindlicher Eigenschaften rangiert Geduld aber ganz sicher nicht an oberster Stelle. Für die vielen kleinen Fans der »Kika«-Erdmännchen Jan und Henry und ihre Eltern wird am Donnerstagnachmittag so schon der Einlass in die Kongresshalle zur Nervenprobe.

Noch bis vor wenigen Tagen war die Produktion des »Theater Lichtermeer« online als 3G-Format angekündigt, ungeachtet dessen, dass das Konzept für eine Veranstaltung dieser Größe nach den neusten Corona-Verordnungen des Landes gar nicht mehr durchgeführt werden darf. Dass nunmehr die 2G+-Regelung greift, kommt für einige Besucher überraschend. Und so führt der Weg dann nicht in Richtung Sitzplatz, sondern erst einmal ins Testcenter. Ein einzelner Security-Mitarbeiter hat indessen alle Hände voll zu tun, Impf- und Genesenenbescheinigungen, Testergebnisse, Ausweise und Ticktes zu kontrollieren.

Maskenpflicht

Als es mit einiger Verspätung losgeht, bringt das nur fünfköpfige Musical-Ensemble rund um die tollpatschigen und neugierigen Erdmännchen-Zwillinge jede Menge gute Laune auf die Bühne. Der Grat zwischen gelungener Flucht aus dem Pandemie-Alltag und Verantwortungsbewusstsein bleibt allerdings schmal. Denn die nahezu vollbesetzten Reihen sind eng und lassen keinen Abstand zu. Die eigentlich obligatorische Maskenpflicht ist gerade bei Kindern schwer umsetzbar - und wird auch nicht kontrolliert.

Etwas anders als im Fernsehen sehen Jan und Henry schon aus. Mit je rund 140 Zentimetern Körpergröße überragen sie die von »Puppenvater« Martin Reinl erfundenen Originale um ein Vielfaches. Das Wachstum der Mangusten-Brüder hat aber einen entscheidenden Vorteil, fallen doch die Schauspieler hinter den felligen Puppen so weitaus weniger auf. Aufgrund eines krankheitsbedingten Ausfalls feiert Darsteller Bastian Kohn seine Premiere als Jan, Thomas Franz leiht Henry seine Stimme, Beine und Arme. Die Verkörperung der Erdmännchen verlangt vollen Einsatz: Die Hinterpfoten sind auf den Menschenfüßen montiert, mit einem Marionettenstab bewegen die Schauspieler zudem die Vorderläufe, während die andere Hand tief im Puppenkopf steckt.

Die Inszenierung von Jan Radermacher und Timo Riegelsberger (Buch, Regie und Musik) kommt als Hybrid der beiden Fernseh-Formate - den »Sandmännchen«-Geschichten und der Serie »Ein Fall für die Erdmännchen« - daher. Der Anfang ist für echte Fans ungewohnt. Denn Jan und Henry wollen, anders als im TV, nicht etwa gerade schlafen gehen, sie wachen auf.

Großes Rätsel

Außerhalb ihrer Höhle, im benachbarten Mietshaus, ist schon einiges los. Das Mädchen Lilli (Nadine König) spielt wieder einmal im Treppenhaus auf ihrer Ukulele, als sie und ihre felligen Freunde den neuen Hausmeister (Sebastian Sohn) kennenlernen. Dieser Herr Palatzky entpuppt sich als richtiger Miesepeter. Er ist nicht nur chronisch schlecht gelaunt, sondern hasst auch jegliche Art von Musik. Die beiden Erdmännchen hält er zu allem Überfluss für Ratten und möchte diese »Parasiten« am liebsten einfangen lassen. Begleitet von einer Wut-Tirade hängt der Hausmeister kurzerhand große Verbotsschilder auf: Jan und Henry sollen draußen bleiben, Musik ist künftig ebenfalls streng untersagt. Als sich die Erdmännchen traurig in ihren Bau zurückziehen wollen, stellen sie fest, dass dort ein gemeiner »Klappenzuschließer« am Werk war. Auf der Suche nach dem Schlüssel werden die erfahrenen Spürnasen nicht nur mit allerhand merkwürdigen Geräuschen konfrontiert, sie kommen auch einem noch viel größerem Rätsel auf die Spur. Die Lösung lüftet nicht nur die Identität des ominösen Hausgespensts, sondern liefert auch den Grund für Palatzkys Verbitterung. Für kleinere Kinder ist die verwobene Liebesschichte um den Hausmeister und eine Opernsängerin (Yvonne Disqué) vielleicht etwas zu voraussetzungsreich. Charmant ist aber die Meta-Ebene, die während der Geschichte immer wieder aufgemacht wird. Bei schwierigen Begriffen öffnet sich stets ein Fenster. Dahinter wohnt ein »sehr schlauer Nachbar«, der den Kindern im Publikum sperrige Wörter erklärt, sie aber auch an Funktionsweise von Theater heranführt. So lernen die jungen Zuschauer etwa, dass »Spannungsmusik« eine Szene viel unheimlicher macht oder warum manchmal das Licht ausgeht.

In der Mietshaus-Kulisse werden die Verbotsschilder am Ende natürlich wieder abgehängt. Die Hinweise auf Maskenpflicht und Abstandsgebot hingegen bleiben noch eine Weile - nicht in Jan und Henrys Welt, aber in unserer.

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