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»Kleiner Ort« mit großem Angebot

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Seit 1996 ist das ZiBB in den früheren Pendleton Barracks zu Hause. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Das Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung (ZiBB) in Gießen feiert sein Jubiläum »25 plus 1« am heutigen Samstag mit einem Sommerfest. Hier einiges zu seiner erfolgreichen Geschichte.

Gießen . »Der kleine Ort für die große Vielfalt« - so lautet die Selbstbeschreibung des Zentrums für interkulturelle Bildung und Begegnung (ZiBB). Und dieser kleine Ort, der eigentlich gar nicht so klein ist, feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen - coronabedingt allerdings mit einem Jahr Verspätung.

Wie die Idee über die Jahre gewachsen ist, lässt sich gut bei einem Blick in die Programmhefte der vergangenen Jahrzehnte nachvollziehen. Denn von Jahr zu Jahr wurden die Hefte dicker, das Programm umfangreicher. Von Anfang an war es vor allem eines: vielfältig. »Wir machen alles, von klein bis mittelgroß«, verdeutlicht Geschäftsführerin Anna Bühne. »Das ZiBB ist ein Raum für Profis und für Laien und ein Ort, der die Vielfalt und die Internationalität der Stadt abbildet.«

Acht Jahre bis zur Realisierung

Die Gründung eines internationalen Kulturzentrums war der Wunsch des Ausländerbeirats der Stadt Gießen. »Bis zur Realisierung hat es acht Jahre gedauert«, erinnert sich Sadullah Güleç, stellvertretender Vorsitzender des ZiBB-Trägervereins (ViBB) und damals Geschäftsführer des Ausländerbeirats. Dass es so lange gedauert hat, habe auch daran gelegen, dass man sich erst einmal orientieren und unterschiedliche Vorstellungen unter einen Hut bringen musste: Wie genau soll das Zentrum aussehen?

Eine weitere Hürde war die Suche nach einem geeigneten Ort. Zunächst war ein Gebäude in der Ederstraße im Gespräch, ehe sich in der Hannah-Arendt-Straße eine Perspektive auftat. Liebe auf den ersten Blick war es allerdings nicht. In den früheren Pendleton Barracks habe man sich 1996 »ab vom Schuss« gefühlt. Mittlerweile sei das anders: »Wir rücken gefühlt immer näher«, sagt ViBB-Beisitzerin Janina Brendel. Außerdem sei das Zentrum gut per Bus erreichbar und die Nachbarschaft wachse durch die neuen Baugebiete.

Eine der ersten Veranstaltungen im ZiBB war das Internationale Erzählcafé. Die Idee dazu habe der spätere Landtagsabgeordnete und ViBB-Gründungsmitglied Gerhard Merz während eines Seminars vorgestellt. »Ich war sofort Feuer und Flamme«, erinnert sich Güleç. Das Problem: Keiner habe sich so richtig getraut, den Anfang zu machen, also mussten Güleç, Merz und andere Vereinsmitglieder selbst ran.

Außer einer zeitlichen Vorgabe sind die Erzähler frei, sie können auch Bilder zeigen, Stücke vorlesen oder Musik machen. »Im ZiBB-Erzählcafé kann man keine Preise gewinnen, aber multikulturelle Eindrücke und Einblicke«, heißt es in dem Programmheft von 2000. »Anfangs war es schwierig, Leute zu finden, mittlerweile ist das Erzählcafé ein Selbstläufer«, sagt Güleç. »Es macht etwas mit den Leuten, wenn sie sich mit ihrer eigenen Biografie auseinandersetzen.« Außerdem könne man Vorurteile am besten durch direktes Erleben abbauen.

Der ViBB, der rund 70 Mitglieder hat, ist Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren in Hessen und erhält Zuschüsse vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der Stadt Gießen und einzelne projektbezogene Förderungen. Wer sich vor Ort engagieren will, muss nicht zwingend Mitglied im Trägerverein sein - ist aber natürlich willkommen.

Die Corona-Pandemie sei am Anfang für das ZiBB sehr schwierig gewesen, erzählt Bühne. Früh habe man sich entschieden, Veranstaltungen abzusagen, später dann »vorsichtig abgewogen, was geht«. Und auch, wenn weniger Veranstaltungen stattfanden: Die Arbeit sei dadurch nicht weniger geworden, »im Gegenteil. Ich habe noch nie so viel telefoniert«.

Es galt, mit den Künstlern im Gespräch zu bleiben, Alternativen zu suchen, aber auch dem Gesprächsbedarf der Besucher nachzukommen. Gemeinwesenarbeit im eigentlichen Sinne betreibe man im ZiBB zwar nicht, jedoch würden die Grenzen mitunter verschwimmen. »Man sagt ja nicht einfach ›Wir haben kein Programm, auf Wiederhören‹«, verdeutlicht Bühne, die den Posten der Geschäftsführerin 2018 von Mitgründerin Dr. Sofia Ott übernommen hatte.

Die Chancen, die sich durch die Pandemie boten, habe man genutzt, findet Brendel: Die Außenfläche wurde ausgebaut, Veranstaltungen nach draußen verlegt und Onlineangebote wie das magische Theater realisiert. Gleichzeitig seien aber die Begegnungsangebote weggebrochen und auch das eine oder andere Mitglied habe sich verabschiedet.

Umso glücklicher ist man im ZiBB, sich nun wieder in größerer Runde treffen zu können. Das Jubiläum »25 plus 1« wird am heutigen Samstag ab 17 Uhr im Rahmen des Sommerfests gefeiert. »Die Leute wollen wieder in einen Austausch kommen. Das ist ein großes Bedürfnis, dem wir gerecht werden möchten«, betont die Geschäftsführerin.

Für die Zukunft hoffen die Aktiven auch auf einige Veränderungen im Zentrum: »Die Barrierefreiheit steht für mich an erster Stelle«, sagt Brendel. Auch eine bessere technische Ausstattung und Beleuchtung sowie Verbesserungen beim Lärmschutz, um ganztägig Veranstaltungen durchführen zu können, stehen auf der Liste.

»Kultur lebt vom Wechselspiel«

Dass das ZiBB »ein besonderer Ort ist, der gebraucht wird«, sei in Gießen mittlerweile allgemein anerkannt, findet Güleç. Die Stadt sei »von Beginn an eine Förderin dieses kleinen Ortes« gewesen und es auch bei wechselnden Koalitionen geblieben. Den größten Dank müsse man aber den Menschen in Gießen aussprechen, sagt Bühne, egal ob sie nur kurz zu Besuch waren oder sich langfristig im ZiBB engagiert haben. »Diese große Vielfalt ist nur möglich, weil sich viele Menschen einbringen. Kulturelle Veranstaltungen leben vom Wechselspiel.«

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Anna Bühne, Sadullah Güleç und Janina Brendel (v. l.) stöbern in alten Programmheften, die mit den Jahren immer umfangreicher wurden. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

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