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Kleinste Bewegungen

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Gießen. Eine »Voreröffnung« ist die neueste Attraktion im Neuen Kunstverein Gießen. Dort sind ab sofort Teile der Mitmachschau »Planetary Forest« zu sehen - Untertitel: »Bring den Wald in den Garten«. Dieses Kunstprojekt der Justus-Liebig-Universität wird erst nächste Woche im Botanischen Garten eröffnet. Interessante Elemente sind jedoch schon vorab im Alten Kiosk zu sehen, etwa ein attraktiver Blick aufs »Eismeer« nach Caspar David Friedrich sowie ungewöhnliche Ansichten seltener Frequenzen.

Mit diesem Thema beschäftigt sich Clemens Finkelstein, Doktorand an der Princeton University. Er untersucht die komplexe Beziehung der modernen Architektur zur Erforschung der Vibrationen. »Es gibt eine weltweite Community von Menschen, die sich mit Sensoren der Wahrnehmung und Aufzeichnung von Erschütterungen befasst, ob es Erdbeben sind oder ganz andere«, berichtet er.

Finkelstein zeigt in Gießen farbige Grafiken, die Aufschluss geben über verschieden Charakteristiken von Vibrationen. Die benutzten Sensoren, äußerst empfindliche Geräte, können auch kleinere Schwingungen im Alltag registrieren, die etwa durch Bewegungen von Personen angeregt sein können. Vor allem aber interessieren den Wissenschaftler Frequenzanteile außerhalb des menschlichen Hörens wie Infraschall (unterhalb der Hörgrenze) und Ultraschall (oberhalb). Manche Communitymitglieder beobachten so etwa Erderschütterungen, um Vorläufer von Erdbeben zu entdecken. Weit gefasst also sind hier Vorgänge, die sich in und auf der Erde abspielen - ein Grundthema der Schau, in der es thematisch vor allem um den Zustand der hiesigen Wälder geht.

Software für Spezialeffekte

Technik spielt auch in der Arbeit von Mathias Kessler eine große Rolle. Der in New York und im Vorarlberg lebende Künstler (geboren 1968) beschäftigt sich in seinen künstlerischen Arbeiten intensiv mit dem Naturbegriff, kritisiert und interpretiert ihn zugleich neu. Kessler sucht in seinen Werken nach neuen ästhetischen Formen, um ein anderes Bewusstsein für die natürliche Umwelt zu schaffen und die Möglichkeiten des Erlebens und Denkens zu erweitern, wie er es selbst formuliert.

Sein Beitrag besteht aus einem Kühlschrank, der sowohl Teil der Arbeit ist und zugleich das wesentliche Element enthält. Auf dem Gerät steht in Chromlettern »Das Eismeer - die gescheiterte Hoffnung« zu lesen. Das Eigentliche liegt im Gefrierfach: eine kleine Eislandschaft, eine 3D-Replikation des »Eismeers« des großen Romantikers Caspar David Friedrich.

Kessler: »Wir haben das Eismeer im Jahr 2009 in 3D gebaut«, also das Gemälde über den Weg der Fotografie in eine dreidimensionale Landschaft verwandelt. Unter Verwendung einer professionellen Software für Spezialeffekte wurden dabei besondere Akzente gesetzt. Ein anderer Effekt kommt von selbst, sagt Kessler: »Beim Auf- und Zumachen des Fachs entsteht ein eisiger Hauch und verwandelt das Ganze in eine mit Raureif überzogene Schneelandschaft. Und weil ich mich bei Ausstellungen gerne mit Besuchern zusammensetze und rede, sind weiter unten im Kühlschrank auch noch Getränke untergebracht.« Die den Besuchern zur Verfügung stehen.

Dominant ist im Kiosk ein Baumstumpf, der gemeinsam mit vielen kleinen Holzkistchen mit Fundstücken aus dem Wald in die Richtung weist, die das ganze Projekt nehmen soll: Aus im Wald gesammelten Objekten wird im Botanischen Garten ein Kunstobjekt in Form eines kleinen Urwalds errichtet. Am Freitag, 24. Juni, um 17 Uhr, ist dort Eröffnung.

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