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Klima der Angst in der Karibik

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Journalisten arbeiten in Haiti unter Lebensgefahr

Gießen (red). Auf die Bedrohung und Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten wollen Studierende der Justus-Liebig-Universität (JLU) aufmerksam machen. Im Jahr 2008 gründeten sie die Initiative »Gefangenes Wort«, die sich längst zu einem Verein weiterentwickelt hat. Um noch intensiver auf Einzelschicksale hinzuweisen, kooperiert der Anzeiger mit dem Verein und stellt monatlich einen Fall vor. Heute berichtet Lisa Weise über die Recherchen von Journalisten in der »Sonnenstadt« von Port-au-Prince.

Cité Soleil, auf Deutsch Sonnenstadt, das klingt nach einem Urlaubsort, nach Meeresrauschen, Palmen und einem Sonnenuntergang mit Cocktail in der Hängematte. Irgendwo in der Karibik. Tatsächlich liegt Cité Soleil in der Karibik, in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Alle anderen sommerlichen Gedanken dazu aber sind weit entfernt von der Realität.

Denn in Haiti herrscht ein Klima der Angst und Gewalt, und das nicht erst seit im Juli 2021 der Staatspräsident Jovenel Moïse ermordet wurde, wodurch das Land in eine tiefe politische Krise gestürzt wurde. Rivalisierende, brutal agierende Banden bestimmen das Bild von Cité Soleil und die »Sonnenstadt« ist ein Slum, in dem die Menschen täglich ums Überleben kämpfen.

Todesopfer sind an der Tagesordnung, vor allem aus der armen Bevölkerung, die zunehmend versucht die Stadt und das Land zu verlassen. Zwischen April und Mai dieses Jahres kamen in Haiti 148 Menschen durch Angriffe von Banden ums Leben, berichtet das haitianische Nationale Netzwerk zur Verteidigung der Menschenrechte (RNDDH) in seinem jüngsten Report.

Die Menschenrechtsorganisation spricht von einem »Massaker beispielloser Grausamkeit«. Trotz dieser Gefahr wollte eine Gruppe von sieben Journalisten Mitte September über die Hintergründe des Mordes an einer 17-Jährigen in Cité Soleil recherchieren. Die Angehörigen sowie eine dort vorherrschende Bande waren informiert und hatten dem Vorhaben zugestimmt.

Dennoch: In Haiti journalistisch zu arbeiten, dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung trotz andauernder Unruhen im Land informiert bleibt, erfordert eine Menge Mut und ist häufig sehr riskant. Nach Abschluss der Interviews machte sich die Reportergruppe auf den Heimweg, ihre Motorräder waren mit der Aufschrift »Presse« markiert. Unterwegs wurden sie plötzlich von bewaffneten Männern überfallen und beschossen. Fünf Journalisten konnten unverletzt fliehen, aber Frantzsen Charles und Tayson Lartigue wurden tödlich getroffen und ihre Körper anschließend angeblich verbrannt.

Charles arbeitete als Reporter für die Online-Nachrichtenagentur FS News Haiti, Lartique war Gründer von Tijén Jounalis, einer Nachrichtenagentur, die aktuelle lokale Nachrichten auf Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram und TikTok verbreitet. »Frantzsen Charles und Tayson Lartigue sind die letzten Namen, die der diesjährigen tragischen Liste von Journalisten hinzugefügt wurden, die während ihres Einsatzes in Haiti getötet wurden«, sagte Natalie Southwick, Programmkoordinatorin von CPJ (Committee to Protect Journalists) Lateinamerika und der Karibik.

»Die haitianischen Behörden können nicht weiter tatenlos zusehen, wie die Journalisten des Landes ihr Leben riskieren - und verlieren -, um ihre Mitbürger auf dem Laufenden zu halten. Die Behörden müssen sicherstellen, dass die Leichen von Charles und Lartigue ihren Angehörigen zurückgegeben werden und dass haitianische Journalisten ihre Arbeit sicher erledigen können.«

Bislang kamen in dem karibischen Staat mindestens drei weitere Journalisten während ihrer Arbeit ums Leben, davon einer aufgrund von Polizeigewalt während einer Demonstration. Haiti war der erste Staat, der sich in Folge der Haitianischen Revolution 1791 von der Kolonialmacht Frankreich befreite, 1804 unabhängig und von schwarzen Bürgern regiert wurde.

Haiti konnte lange stolz sein auf die Demokratiebildung, die unter äußerst schwierigen Bedingungen erreicht wurde, denn der junge Staat musste jahrzehntelang unrechtmäßige Reparationen an Frankreich zahlen für die Abschaffung der Sklaverei, was die eigene Wirtschaft enorm belastete.

Heute liegt Haiti am Boden und kann die Freiheit und Unversehrtheit seiner eigenen Bürger nicht mehr umfassend schützen. Haiti braucht Hilfe und Menschen, Journalisten, die nicht wegsehen, sondern weiter dafür sorgen, dass diese schlimmen Nachrichten die Welt erreichen und Veränderung möglich wird.

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