Klinken putzen, Brände verhindern und ein "Allroundtalent" aus Gießen

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Gehen Sie morgen bitte wählen! Hat ja vor vier Wochen schon ganz gut geklappt. Auch wenn die Wahlbeteiligung bei den Abstimmungen zum Deutschen Bundestag naturgemäß immer am höchsten ausfällt. Aber das endgültige Votum darüber, wer künftig als Oberbürgermeister in Gießen die politische Richtung bestimmt, ist mindestens genauso wichtig. Schließlich geht es ganz konkret darum, was vor der eigenen Haustür passiert.

Leider war das Interesse in der Vergangenheit oft nicht allzu groß. Jedenfalls wäre es ziemlich traurig, wenn erneut nur mickrige 30 bis 35 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Grundrecht Gebrauch machen. Denn das würde gleichzeitig bedeuten, dass der neue Rathauschef nur von einem verschwindend geringen Teil der Bevölkerung legitimiert ist. Klar: Gewählt ist gewählt und am Ende ist entscheidend, wer eine Mehrheit von über 50 Prozent erreicht hat - egal, wie dünn die Basis dafür ist. Dennoch ist immer wieder erstaunlich, wie gleichgültig all dies vielen Bürgerinnen und Bürgern zu sein scheint.*Hinzu kommt, dass offenbar gar nicht jedem bewusst ist, dass überhaupt noch eine Stichwahl ansteht und die Aufgabe nicht mit der erstmaligen Stimmabgabe am 26. September erledigt war. Das haben auch Frank-Tilo Becher (SPD) und Alexander Wright (SPD) erlebt, zu deren Wahlkampffortsetzung es ebenfalls gehört hat, neben der Werbung in eigener Sache vor allem zu mobilisieren und zu erinnern. Insofern mag es einerseits eine gute Gedächtnisstütze sein, dass den Briefwählern des ersten Durchgangs die Unterlagen automatisch wieder zugeschickt worden sind. Andererseits ist verständlich, dass der Sozialdemokrat über diesen schriftlichen Weckruf weit weniger erfreut ist als sein Kontrahent von den Grünen, der bei den Briefwählern bekanntlich mit Vorsprung die Nase vorn hatte. *Zu sicher darf sich aber ohnehin niemand fühlen, ein eindeutiger Favorit ist nicht zu erkennen. Zumindest kann keinem der beiden verbliebenen Bewerber unterstellt werden, sich nicht mächtig ins Zeug gelegt und eifrig Klinken geputzt zu haben. Dabei sind vermutlich etliche Kilometer zusammengekommen, die locker für einen ordentlichen Marathon reichen. Ein solches Engagement darf allerdings auch von jemandem erwartet werden, der dieses Amt anstrebt. Manche mögen sagen, es handele sich um keine "richtige" Wahl, weil zwei Kandidaten der Koalition den Sieg unter sich ausmachen. Zugegeben: Wäre das bürgerliche Lager noch im Spiel, hätte das durch die stärkere Polarisierung gewiss einen größeren Mobilisierungseffekt. In der Tat hat auch eine in dieser Woche im "Offenen Kanal" ausgestrahlte Diskussion wieder viel Übereinstimmung und gegenseitige Zustimmung gezeigt (Seite 22). Und auf die Frage von Jugendredakteur Mika Rau nach den größten Differenzen herrschte zunächst längeres Schweigen. Trotzdem sind Wright und Becher unterschiedliche Typen, die ihren eigenen Stil pflegen und eigene Akzente setzen würden. An Spannung, wie das morgige "Rennen" endet, mangelt es definitiv nicht.*Das gilt zudem für das Finale des Hessischen Gründerpreises, in das die THM-Studierenden Sophia Reiter und Fabian Goedert eingezogen sind. Die Butzbacher können nicht nur mit ihrer sympathischen, erfrischenden und herrlich unprätentiösen Art punkten, sondern vor allem überzeugt ihre Idee eines praxisnahen Brandschutzsystems. Das bauen sie in Mehrfachsteckdosen sowie in Haushaltsgeräte ein, um damit Brände im Entstehungsprozess zu erkennen, Gefahren digital, akustisch und visuell zu melden und - sofern nicht eingegriffen wird - selbst zu löschen. So viel Forschergeist verdient es, unterstützt zu werden. Wer das tun möchte, kann im Internet unter www.hessischer-gruenderpreis.de/voting21 abstimmen. *Zugleich belegt diese Erfindung eindrucksvoll, welch riesiges Potenzial und welche Innovationsstärke in der Technischen Hochschule Mittelhessen und natürlich in der Justus-Liebig-Universität stecken. Das bestätigen auch die beachtlichen Erfolge, die die JLU zuletzt bei der Einwerbung von Drittmitteln erzielt hat. Präsident Joybrato Mukherjee verwies im Senat am Mittwoch auf einen "überdurchschnittlichen Zuwachs" im Vergleich zu anderen Universitäten, was "ein gutes Zeichen" sei. Der starke Fokus auf Forschungsförderung sollte allerdings nicht den Blick dafür verstellen, dass eine vernünftige Lehre und unbefristete Arbeitsverträge genauso zum universitären Fortschritt beitragen.*Allen, die sich für die Welt der Wissenschaft interessieren, sei übrigens noch einmal die jüngste Ausgabe von "Terra X" im ZDF vom vergangenen Sonntag ans Herz gelegt, die in der Mediathek oder bei Youtube angeschaut werden kann. Moderatorin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim widmet sich darin der Frage, wie die Chemie die Welt verändert hat. Eine zentrale Rolle spielt, logisch, Justus von Liebig. Denn es gab "kaum ein chemisches Phänomen, dem er nicht auf der Spur war" - "ein echtes Allroundtalent, der das hessische Gießen im 19. Jahrhundert zu dem Hotspot der Chemie machte", erzählt sie bei einem Rundgang durch sein Laboratorium. Selbstverständlich darf bei dieser Zeitreise ein Besuch seiner berühmten Experimentalvorlesung (mit Michael Kessler als Liebig) nicht fehlen - "Bellender Hund" inklusive. Die Kommentare bei Youtube (YT) sprechen für sich. Zum Beispiel: "Sowas hätte ich damals in der Schule als Ansporn gebraucht" oder "Ein wöchentlicher YT-Channel von Herrn von Liebig wäre sehr gut"...

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