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Knackige Körper als Schnäppchen

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Ob Traummann oder Gruselkind, Sophia Ulitzka und ihre Mutter Ursula wurden gestern beide fündig. Fotos: Berghöfer © Berghöfer

Galeria verkaufte einen Tag lang ausrangierte Schaufensterpuppen und nützliches bis skurriles Deko-Material. Die Nachfrage war groß.

Gießen. »Das ist der Mann fürs Leben«, jubelt Ursula Schäfer-Derring und schmiegt sich an den Angebeteten. »Der ist ein guter Zuhörer und widerspricht nicht. Dem kann ich jedes Essen vorsetzen und ihm anziehen, was ich möchte«, lacht sie. Überhaupt ist die 56-Jährige von der »Klasse-Männerauswahl« hier sehr angetan. Aber auch die nicht minder wohlproportionierten Damen finden am Freitag in einem kleinen unscheinbaren Laden im Erdgeschoss des Galeria-Parkhauses reißenden Absatz, werden aber ebenso wie die Kerle mit Knackpo-Garantie vor allem von Frauen gekauft.

Gießens größtes Kaufhaus hat hier für einen Tag einen Pop-Up-Store aufpoppen lassen, um in Jahren angesammelte Deko-Artikel, Auslagen-Gestaltung und, ja, vor allem jede Menge Schaufensterpuppen zu verkaufen.

»Wir machen das regelmäßig, aber in großen Abständen«, meint Galeria-Geschäftsführer Lothar Schmidt. »So alle vier, fünf Jahre, müssen wir im Lager Platz schaffen, und wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die sich für etwas ausgefallenere Artikel begeistern.«

Echte Engelsflügel

Das kann er laut sagen. Auch ohne große Werbung hat sich das ebenso seltene wie ungewöhnliche Angebot in Windeseile herumgesprochen. Im Verkaufsraum, der eher wir das Requisitenlager eines Theater anmutet, herrscht ein reges Kommen und Gehen.

»Das lief bei meinen Kommilitonen schon seit Tagen in unserer WhatsApp-Gruppe rum«, sagt Judith. Die angehende Theaterwissenschaftlerin schaut prüfend auf ein Paar Engelsflügel aus echten Daunenfedern. An der Wand hängen weitere Schwingen, die ausreichen, um gleich mehrere Krippenspiele auszustatten. Ihr Begleiter Karlo, der osteuropäische Geschichte studiert, hat sich einen männlichen Torso gesichert, den er einem Kommilitonen schenken will. Er fragt an der Kasse, ob's auch fünf Euro billiger geht. Nein, geht es nicht. Zum einen sind die Preise schon sehr niedrig, zum anderen will die Galeria einen Teil der Einnahmen, mindestens aber 1000 Euro, ukrainischen Flüchtlingen spenden«, sagt der Geschäftsführer und berichtet stolz, dass seine Angestellten bereits freiwillig 500 Euro für die Aktion »Deutschland hilft« gesammelt haben.

Ein Schnäppchen ist die lebensgroße Frauenfigur, die Bärbel Mühlig-Henne gerade auseinander baut, um sie im Kofferraum und auf der Rückbank ihres Wagens zu verstauen, auf jeden Fall. Neu würde eine Schaufensterpuppe mehr als das Zehnfache der Preise kosten, die hier verlangt werden. Ihre Kunstharz-Dame, die jahrelang die Trends der Saison vorgeführt hat, wird nun auf Aktmodell umsatteln, verrät Mühlig-Henne, die Kunstlehrerin an der Alexander-von-Humboldt-Schule ist.

Dass die Dame zwar hollywoodreife Formen aber bestenfalls nur angedeutete Gesichtszüge besitzt, ist für sie sogar von Vorteil: »Viele Kinder in meiner Klasse sind Muslime, und im Islam gibt es ein strenges Bilderverbot, was menschliche Darstellungen angeht. Da kann ich immer sagen, dass so eine Puppe ja nun wirklich keine Ähnlichkeit mit einem Menschen hat.«

Dass Schaufensterpuppen allerdings auch in unserem Kulturkreis für Ärger sorgen können, weiß Jörg Friedrich, langgedienter Schauwerbegestalter. Vor 30 Jahren habe er einmal eine Deko-Dame aus einer Auslage entfernen müssen, weil die eine »orgasmusfähiger Physiognomie« besessen habe. Die Puppe habe sich derart lasziv auf dem eigentlich zum Verkauf angepriesenen Bett geräkelt, dass eine empörte Kundin schnurstracks zum Geschäftsführer gerannt sei und bei diesem die Verbannung des liederlichen Frauenzimmers durchgesetzt habe.

Heute drohen deren Artgenossen ganz andere Schicksale. Die 29-Jährige Sophia Ulitzka hat sich eine weiße Kinderpuppe gesichert: »Die ist richtig creepy«, freut sie sich, »Mein Mann und ich sind beide große Horror-Fans. Ich denke, aus der Puppe kann man was schönes Gruseliges basteln.«

Inga Saalmann hat sich gleich eine Kleinfamilie zugelegt. Die 55-jährige Lehrerin sammelt seit langem Schaufensterpuppen und dekoriert damit ihren Garten. Einige von denen seien mittlerweile von Gras und Moos überwachsen, »das hat schon was.« Fündig wird Saalmann vor allem auf Flohmärkten. Da sei aber der Abtransport ein Problem für schüchterne Zeitgenossen. »In Barcelona habe ich mal auf einem Flohmarkt einen weiblichen Unterleib gekauft und musste den in der U-Bahn transportieren. Das war schon ein Spießrutenlauf«.

Aber auch wer nun so gar nicht auf ganze, halbe oder geviertelte Körper steht, kann an diesem Tag allerhand Skurriles aber auch Praktisches entdecken. Zwei hölzerne Hochsitze zum Beispiel, auf die man auch Tennisschiedsrichter platzieren könnte. Berge von geflochtenen Körben in allen Größen, eine Maler-Staffelei, Original American-Diner-Hocker oder ganz normale Sitzstühle. Mini-Flutlichttürme fürs Wohnzimmer oder XXXL-Adventskränze mit mehr als einem Meter Durchmesser.

Deko, aber nutzbar

Die Preisspanne der angebotenen Artikel reicht dabei von 50 Cent für faustgroße Herzen aus rotem Plastik bis 500 Euro für eine mannshohe Terracotta-Vase, auf der in dutzenden Sprachen »Willkommen« steht. Für einen Zwanziger kann man eine weiße Holztür mit Sprossenfenstern oder eine Sitzbank erstehen, die einmal zu Dekorationszwecken gedacht waren, aber voll funktionsfähig sind.

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Wer sich jetzt grämt, den Sonderverkauf verpasst zu haben: Aufgrund der großen Nachfrage und noch immer nicht geleerten Lagers wiederholt die Galeria die Aktion am selben Ort und zwar am 17. Juni von 10 bis 16 Uhr .

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Unbehaarte Heldenbrüste gab's gleich im Dutzend. © Ingo Berghöfer

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