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Koalition verstetigt »Housing First«

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Wer sein Leben organisieren will, braucht eine Wohnung: Das ist der Ansatz von »Housing First«. © dpa

Die Partner von Grünen, SPD und »Gießener Linke« verstetigen das Projekt »Housing First« und stellen Mittel in den Haushalt ein.

Gießen. Die Finanzierung des Projektes »Housing First« ist gesichert. Das hat Francesco Arman am Mittwochabend im Sozialausschuss bekanntgegeben. »Das Projekt wird ausschließlich mit Projektgeldern finanziert, die immer wieder aufs Neue beantragt werden müssen. Das ist mit der Gefahr verbunden, dass es keine Finanzierung geben könnte. Dies ist eine nicht sehr zufriedenstellende Situation für alle Beteiligten«, sagte der Sozialdezernent der »Gießener Linken«. Es könne nicht sein, dass »in Gießen, wo Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor Jahren zum Thema ›Bürger ohne Obdach. Zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum‹ promoviert wurde, ein so erfolgreiches Projekt wie ›Housing First‹ regelmäßig um die Anschlussfinanzierung bangen muss. Die Finanzierung von ›Housing First‹ gilt es zu verstetigen, um die Weiterarbeit sicherzustellen«, erklärt die heimische Landtagsabgeordnete Nina Heidt-Sommer von der SPD in einer Pressemitteilung. Im Ausschuss beschlossen wurde zudem ein Zuschuss an die »Tafel Gießen« in Höhe von 15 600 Euro für dieses Jahr

Begrenzte Laufzeit der Fördergelder

»Wege aus der Obdachlosigkeit sind sehr mühsam und für Menschen mit Defiziten, seelischen oder körperlichen Einschränkungen, auch mit Unterstützung, kaum zu bewältigen. Wer keine Arbeit nachweisen kann, der bekommt keinen Mietvertrag und wer keinen Wohnsitz nachweisen kann, der bekommt keinen Arbeitsvertrag«, erklärt Heidt-Sommer. Diesen Teufelskreis durchbreche der »Housing-First«-Ansatz, der in Gießen von der Diakonie in Kooperation mit Stadt, Landkreis und Wohnbau Gießen GmbH umgesetzt werde. Das Konzept beende in einem ersten Schritt die Wohnungslosigkeit und biete flexible wohnbegleitende Hilfen zum dauerhaften Wohnungserhalt an. »Das Recht auf Wohnraum wird an erste Stelle gerückt. Erst dann werden die individuellen Probleme der Bewohner angegangen. Der Erhalt des Wohnraums wird dabei bewusst nicht an Auflagen gekoppelt: Betroffene werden ermutigt, ihre Probleme mit Unterstützung anzugehen, aber nicht dazu verpflichtet«, erläutert Heidt-Sommer. Von Obdachlosigkeit Betroffene bekämen eine normale, mietvertraglich gesicherte Wohnung, auf die sie auf dem Wohnungsmarkt keine Chance hätten. Finanziert werde das Projekt der Gießener Diakonie durch Gelder des »Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP)«. Problematisch sei, dass »die Fördergelder begrenzte Laufzeiten haben und regelmäßig neu beantragt werden müssen. Ob sie dann auch rechtzeitig bewilligt werden und für welchen Zeitraum, lässt sich nie sicher sagen. Dies gefährdet das gesamte Projekt und damit nicht nur alle Menschen, die über Housing-First zu einer Wohnung gekommen sind und möglicherweise wieder in die Obdachlosigkeit fallen, sondern auch die Mitarbeitenden des Projekts, die seit Jahren eine verdienstvolle und höchst engagierte Arbeit leisten«, so die Landtagsabgeordnete. »Da dieses Projekt ein gutes weiteres Instrument in der Obdachlosenhilfe ist, neben der Awo im Falkweg, ›Brücke‹ und ›Oase‹, ist es uns wichtig, dies kommunal zu verankern und Mittel in den Haushalt zu stellen«, erläuterte Arman im Ausschuss. Diesbezüglich stimme sich die Stadt bereits eng mit Landkreis und Diakonie ab. Heidt-Sommer sieht darüber hinaus auch das Land Hessen in der Pflicht.

Ebenfalls unterstützt wird die »Tafel Gießen«, wie der Ausschuss beschlossen hat. Koalition, Freie Wähler, CDU und AfD haben bei Enthaltungen von Gigg+Volt und FDP beschlossen, die Einrichtung in diesem Jahr mit 15 600 Euro zu unterstützen und zu prüfen, wie dies in den Folgejahren verstetigt werden kann. Mit Koalitionsmehrheit votierte der Ausschuss bei Enthaltung der FDP zudem dafür, die »Tafel« bei der Suche nach neuen Räumen zu unterstützen. CDU, Freie Wähler, Gigg+Volt und AfD stimmten dagegen. Die Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung steht noch aus.

CDU stellt eigenen Antrag

Nicht durchgesetzt hat sich die CDU mit einem eigenen Antrag zur Gießener »Tafel«. Die Christdemokraten hatten beabsichtigt, den Magistrat aufzufordern, die Einrichtung der Diakonie bei der Suche nach Räumen für eine Vergrößerung zu unterstützen.

Die Koalition mit ihrem Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher setzt ihr erstes Ausrufezeichen. Sie tut das nicht mit einem großen Renommierprojekt, sondern indem sie - ganz im Stil des zuständigen Stadtrates Francesco Arman von der »Gießener Linken« - auf kurzem Dienstweg hilft. Keine weltanschaulichen Grabenkämpfe. Kein Schulterklopfen, Keine Eigeninszenierung. Arman und seine Partner unterstützen einfach an einer Stelle, an der es dringend nötig ist. Und es ist dringend nötig, das Projekt »Housing First« in Gießen langfristig verlässlich zu erhalten. Denn es eröffnet Menschen, die im Leben zunächst gescheitert und schließlich auf der Straße gelandet sind, einen Rückweg in die Gesellschaft. Über 90 Prozent Wohnstabilität belegen den Erfolg des Ansatzes, der personelle Kontinuität braucht. Das hat nicht nur mit sicheren Arbeitsplätzen zu tun, sondern vor allem mit dem Konzept freiwilliger Unterstützung im Rahmen von »Housing First«. Denn natürlich entwickeln sich zwischen Klienten und Mitarbeitern Vertrauensverhältnisse, die für die Ankunft im neuen Leben in den eigenen vier Wänden große Bedeutung haben. Insofern geht es hier nicht bloß um Geld. Es geht um vertrauensvolle und verlässliche Hilfe für die, die sie wirklich brauchen. Stephan Scholz

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