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»Komm ins Team Schwarz«

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Von: Petra A. Zielinski

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Hoch über den Dächern von Gießen: die Schornsteinfeger Bernd Peppmöller, Markus Allendörfer und Nils Muth. Foto: Zielinski © Zielinski

Als Schornsteinfeger kommt man hoch hinaus, und das nicht nur im wörtlichen Sinne. Dabei sollte man schwindelfrei sein, erläutern die Gießener Bezirksschornsteinfeger Peppmöller und Allendörfer.

Gießen. Wer als Schornsteinfeger hoch hinaus will, muss auf jeden Fall eins sein: schwindelfrei. So wie die beiden bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger Bernd Peppmöller und Markus Allendörfer, die zusammen mit Peppmöllers Mitarbeiter Nils Muth auf dem Dach der »Kakaodose« in der Wilhelmstraße stehen. »Hier müssen zweimal im Jahr die Schornsteine gereinigt und einmal im Jahr die Feuerstätten überprüft werden«, erklärt Bernd Peppmöller.

Wie oft ein Schornstein gekehrt werden muss, ist von der Art der Feuerstätten abhängig. In der »Kakaodose«, die von zwölf Parteien bewohnt wird, gilt es viele Gasfeuerstätten zu überprüfen. Während Feuerstättenschau und baurechtliche Abnahmen zur hoheitlichen Tätigkeit eines bev. Bezirksschornsteinfegers gehören, dürfen Mitarbeiter beispielsweise Schornsteinreinigungsarbeiten, Abgaswegeüberprüfungen, Emissionsmessungen durchführen und die Betriebs- und Brandsicherheit kontrollieren.

In Markus Allendörfers ländlicher geprägtem Bezirk Gießen-Wieseck und Daubringen fallen mehr Ein- bis Zweifamilienhäuser mit Kaminöfen, Holz- oder Ölheizungen an als bei Bernd Peppmöller, der es in der Innenstadt und im Südviertel in der Regel eher in Mehrfamilienhäusern mit Gasetagenheizungen und gewerblichen Dunstabzugsanlagen zu tun hat. In den Stadtteilen Kleinlinden und Lützellinden ist es auch eher ländlich geprägt. Da nicht jeder Bezirk die gleichen Anforderungen hat, ist es keine Seltenheit, dass sich zwei Schornsteinfegerbetriebe einen Auszubildenden teilen.

So auch im Falle von Nils Muth, der Ende Juli seine dreijährige Ausbildung bei Allendörfer beendet hat, aber auch mit seinem Onkel Bernd Peppmöller unterwegs war. Für den jungen Mann ist dies bereits die zweite abgeschlossene Ausbildung. »Ich habe Elektroniker gelernt und dann drei Semester Elektroningenieur für regenerative Energiesysteme studiert«, erzählt er. Dabei habe er gemerkt, dass ihm handwerkliche Tätigkeiten eher liegen würden. Nachdem er ein zweiwöchiges Praktikum bei seinem Onkel absolviert hatte, stand sein Entschluss, Schornsteinfeger zu werden, fest.

»Dass der Nachwuchs aus dem Bekanntenkreis geniert wird, ist keine Seltenheit«, erzählt Bernd Peppmöller. »Zwei meiner Onkels, ein Cousin, eine Großcousine sowie mein Neffe haben diesen schönen Beruf ergriffen.« Schornsteinfeger könnten sich heute viel schneller als früher selbstständig machen. »Zu meiner Zeit musste man nach seiner Lehre vier Jahre als Geselle arbeiten, um den Meister zu machen.« Auf die Berufung zum bev. Bezirksschornsteinfeger habe er 18 Jahre warten müssen.

Heute könne man bereits nach etwa zwei Jahren den Meistertitel erwerben und sich dann sofort auf einen Kehrbezirk im gesamten Bundesgebiet bewerben. Die Zuteilung erfolge in Mittel- und Südhessen immer für sieben Jahre über das Regierungspräsidium Darmstadt.

Nach der ersten Ölkrise 1973 hat sich das Berufsbild des Schornsteinfegers verändert. Seit damals gilt es beispielsweise, neben den reinen Kehrarbeiten auch die Heizungen auf ihre Wirtschaftlichkeit zu kontrollieren und Abgaswege zu überprüfen. Hinzu kam eine Ausweitung der Überprüfung von Gasfeuerstätten, ob diese betriebssicher funktionieren. Technisches Interesse, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Diskretion und die Freude am Umgang mit Menschen sollte nach Auskunft von Markus Allendörfer ein angehender Schornsteinfeger mitbringen. Schwere Unfälle seien selten. So stufe die Berufsgenossenschaft Bau die Gefahr für Dachdecker oder Gerüstbauer höher ein. Allerdings »lauert« Gefahr auf vier Pfoten, wie sie auch Briefträgern bekannt ist: »Es gibt kaum einen Schornsteinfeger, der noch nicht geknappt wurde«, weiß Peppmöller, der selbst schon eine Begegnung mit einem Bernhardiner hatte.

Manchmal kommt es auch zu skurrilen Situationen. So wurde Bernd Peppmöller einmal aus Versehen in einem Haus eingeschlossen und musste durch das Toilettenfenster ausbrechen, ausgerechnet als der Stadtbus vorbeikam. Markus Allendörfer fand auf einer gewerblichen Abzugsanlage ein Kakerlakennest. Ein anderes Mal wurde er von einer neugierigen Katze bis aufs Dach verfolgt.

Ein Praktikum ist vor dem Einstieg in den Beruf auf jeden Fall zu empfehlen - sind sich die drei einig. Jeder Einstellung geht ein Eignungstest, der unter anderem Mathematik, Grammatik und logisches Denken umfasst, voraus.

Aktuell absolvieren eine Frau und vier Männer im Landkreis Gießen eine Ausbildung zum Schornsteinfeger(in). »Die Anzahl der Frauen in unserem Beruf hat sich erhöht«, betont Markus Allendörfer. Frauen kämen bei den Kunden gut an. 15 Auszubildende haben insgesamt bei der Schornsteinfegerinnung des RP Darmstadt ihre Lehre begonnen, darunter zwei Frauen. »Im zweiten Lehrjahr haben wir hier fünf Frauen und sechs Männer«, weiß Allendörfer.

Noch hat die Innung wenig Nachwuchssorgen, dennoch wird in den (sozialen) Medien für den Beruf geworben, wie beispielsweise auf Instagram mit dem Slogan »Komm ins Team Schwarz« sowie mit Werbefilmen und zahlreichen Flyern. Auch auf der Ausbildungsmesse »Chance« war die Schornsteinfegerinnung am Stand der Kreishandwerkerschaft vertreten. »Der einfachste Weg, junge Menschen zu gewinnen, ist die direkte Ansprache«, unterstreicht Bernd Peppmöller. Und: »Im Handwerk wird man nie arbeitslos. Für Schornsteinfeger gibt es immer was zu tun.«

Aktuell drehe sich alles um das Thema »Wo kann ich beim Heizen sparen?« Zur Energiewende und Energieeinsparung trägt auch das Schornsteinfegerhandwerk bei. Da fasst alle Betriebe in Deutschland in der Innung organisiert sind, können technische Erneuerungen, wie beispielsweise zum Thema Energieberatung, durch Schulungen schnell vermittelt und neue Aufgabengebiete übertragen werden. Aktuell müssten viele neue Heizsysteme abgenommen werden. Lange Wartezeiten gäbe es aber nicht. »Bei einer geplanten Baumaßnahme rechtzeitig den bev. Bezirksschornsteinfeger informieren. Innerhalb von einer Woche bekommt man einen Termin bei uns.«

»Leider werden zum Teil Feuerstätten für feste Brennstoffe nicht richtig betrieben«, bedauern Peppmöller und Allendörfer. Die Experten raten dringend, nur zugelassene Brennstoffe zu verwenden, ausreichend Verbrennungsluft zuzuführen und das Scheitholz ausreichend lange und richtig zu lagern. In Bezug auf die Gaskrise sollte man davon absehen, Öfen selbst zu bauen. »Im Internet findet man die abenteuerlichsten Konstruktionen, wie einen Teelichtofen aus Blumentöpfen. Man kann auch nur davor warnen, Gasfeuerstätten ohne Abgasanlage (z.B. Katalytofen) in geschlossenen Räumen zu verwenden. Was dabei passieren kann, ist für die meisten nicht erkennbar«.

»Wir können nur immer wieder auf die Gefahren hinweisen. Wenn ein Schornsteinfeger einen Mangel nicht erkennt und es aus diesem Grund zu einem Unfall kommt, muss er sich vor Gericht verantworten. Es ist teilweise schwierig, dem Kunden plausibel zu machen, welche Gefahren es gibt und dass er die Mängel nicht für seinen Schornsteinfeger, sondern für sich beseitigen muss«, fasst Bernd Peppmöller zusammen.

Schornsteinfeger befassen sich nicht nur mit der Reinigung und Kontrolle von Abgasanlagen, Feuerstätten und ähnlichem, sondern sind auch für Brand- und Umweltschutz sowie die Beratung unter anderem beim Thema Energiesparen zuständig.

Voraussetzung für die dreijährige duale Ausbildung, zu der auch der Besuch der Berufsschule in Bebra gehört, sind entweder ein qualifizierter Hauptschulabschluss, ein Realschulabschluss, Fachabitur oder Abitur. Das Bruttogehalt liegt nach Tarifvertrag im ersten Lehrjahr bei 640,00 Euro pro Monat, im zweiten bei 710,00 Euro und im dritten bei 810,00 Euro. Mit vier Jahren Berufserfahrung verdienen Schornsteinfeger 3215 Euro. Hinzu kommen Weihnachtsgeld, Altersvorsorge und VWL.

Nach bestandener Gesellenprüfung arbeiten die meisten in einem Schornsteinfegerbetrieb oder gehen direkt auf die Meisterschule. Ein Meisterkurs dauert ein bzw. zwei Jahre.

Nach Abschluss der Meisterprüfung können die Schornsteinfeger einen eigenen Betrieb gründen. Auch Zusatzqualifikationen sind möglich, beispielsweise zum Energieberater(in) oder zur Fachkraft für Lüftung und Hygiene. Wichtigste Voraussetzung ist es, schwindelfrei zu sein.

Aber auch technisches Verständnis, räumliches Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit, im Team zu arbeiten, sind wichtig. (paz)

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Nils Muth, der vor kurzem seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, hat Spaß an der Arbeit. Foto: Zielinski © Zielinski

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