1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Konspiration der Marktschreier

Erstellt:

Von: Ingo Berghöfer

gikrei_1609_AfD_ib_16092_4c
In einem Gießener Bürgerhaus referierten die AfD-Landtagsabgeordneten Frank Grobe (li.) und Andreas Lichert vor rund 160 Zuhörern über den »Great Reset«. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Die AfD verquickt in Gießen ddurchaus berechtigte Kritik an Plänen von EU und Weltwirtschaftsforum mit Verschwörungstheorien

Gießen. Vor rund 160 Zuhörern in einem Gießener Bürgerhaus waren die beiden AfD-Landtagsabgeordneten Dr. Frank Grobe und Andreas Lichert am Mittwochabend einer ganz großen Sache auf der Spur, dem »Great Reset«.

Unter dem große Neustart verstehen die beiden AfD-Politiker die klandestine Umgestaltung der Weltwirtschaft weg von der Marktwirtschaft hin zu einer Planwirtschaft 2.0. In gut 90 Minuten entwarfen die beiden das Bild einer großen Verschwörung, angeführt von einem filmreifen Bond-Bösewicht in Gestalt des Direktors des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab.

Einen großen Webfehler hatte freilich die Verschwörungstheorie, die die beiden der, so Grohe, »Informationselite hier im Saal« enthüllten. Diese Verschwörung vollzieht sich nicht im Schatten, sondern vor aller Augen, was Grohe aber sogleich als »Tarnung durch Offensichtlichkeit« entlarvte.

Die großen Transformationsideen, die bei den Mächtigen der Weltwirtschaft, aber auch in der EU-Kommission seit Jahren und umso stärker im Gefolge der Corona-Pandemie zirkulieren, kann sich jedermann in kostenlos downloadbaren Büchern, stundenlangen Videovorträgen oder in offiziellen EU-Verlautbarungen zu Gemüte führen. Klaus Schwab flüstert ja nicht, sondern ist ein Marktschreier. Und die Idee, existierende oder vielleicht auch nur aufgebauschte Krisenszenarien zu nutzen, um einer unwilligen Bevölkerung gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen aufzuzwingen, hat die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein bereits 2007 detailliert in ihrem Buch »Die Schock-Strategie» beschrieben.

Zieht man die bei der AfD offenbar unvermeidliche Polemik ab, war es durchaus verdienstvoll, eine Öffentlichkeit für gesellschaftliche Entwicklungen zu schaffen, die auch ein demokratiegefährdendes Potenzial haben können, aber derzeit nur von wenigen Journalisten wie etwa Norbert Häring vom Handelsblatt, aber leider so gut wie nie von den großen Fernsehsendern aufgegriffen werden.

In der blauen Blase

Für die Zuhörer sicherlich sperriger, weil detailreicher, waren Andras Licherts Ausführungen zur sogenannten EU-Taxonomie. Dahinter verbirgt sich der bereits begonnene Umbau der Finanzwirtschaft nach Kriterien der ökologischen Nachhaltigkeit. Medial diskutiert wurde zum Beispiel unlängst, ob Kernenergie in der EU als nachhaltig eingestuft werden soll oder nicht.

Die EU-Taxonomie werde nach ihrer Vollendung jede wirtschaftliche Aktivität auf einer Nachhaltigkeitsskala verorten, führte Lichert aus. Nur Unternehmen, die über eine willkürlich definierte Schwelle kämen, dürften sich als nachhaltig bezeichnen und können dann künftig in entsprechende Fonds und »nachhaltige Kapitalanlagen« aufgenommen werden. Andere Finanzanlagen würden dagegen sukzessive von den Finanzströmen abgeschnitten werden. So hätten bereits heute Rüstungskonzerne Probleme, Kredite zu bekommen.

Nun kann man solch eine Lenkung der Wirtschaft zu einer umweltgerechteren Produktion natürlich begrüßen, in einer Demokratie sollte sie jedoch zumindest vom Bürger entschieden werden und nicht von der EU-Kommission. Auch sollten solche Entscheidungen auch nicht unumkehrbar sein, sonst steht man eine Zeitenwende später plötzlich mit heruntergelassenen Hosen und ohne einsatzfähige Panzer für die Ukraine da.

Grohe und Lichert monierten am Ende ihrer Ausführungen durchaus selbstkritisch, dass man es mit diesen Themen nur sehr schwer aus der »blauen Blase« heraus schaffe. In der anschließenden Diskussion kritisierte ein Zuhörer das von den Referenten mehrfach beschworene Bild von den großen Strippenziehern. »Gehe nicht von Böswilligkeit aus, wenn Dummheit genügt«, zitierte er angesichts des aktuellen politischen Personals ein bekanntes Sprichwort.

Allerdings gab es mehr Zuhörer im voll besetzten Saal, die lieber auf der Suche nach dem »rauchenden Colt« waren. Eine hatte denn auch im Koalitionsvertrag der großen Koalition von 2017 auf Seite 144 den Begriff »Neue Weltordnung« entdeckt und dann gleich noch Tipps für andere Do-it-yourself-Aufklärer: »Man muss so was immer von hinten lesen, dann findet man es auch schneller.«

Auch interessant