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Konzentration auf das Wesentliche

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Jennifer Eckert vor ihrem »Netzwerk«. Foto: Schultz © Schultz

Gießen (hsch). Eine wirklich ungewöhnliche Schau ist jetzt im Neuen Gießener Kunstverein zu sehen. Die Künstlerin Jennifer Eckert zeigt darin eine fragile Netz-Installation und zwei kleine Bilder. Die Reduktion auf sehr wenig bewirkt hier eine Konzentration aufs Wesentliche, und zudem wird man auf ein paar sehr ungewöhnliche Aspekte aufmerksam. »Iteration« heißt das Ganze, also Wiederholung.

Samstag war die sehr gut besuchte Vernissage.

Jennifer Eckert wurde 1988 in Reinbek bei Hamburg geboren. 2009 bis 2015 studierte sie an der Muthesius Kunsthochschule Kiel, machte 2012 dort ihren Bachelor of Arts, 2015 den Master of Arts. 2020/21 erhielt sie einen Lehrauftrag »Künstler:innenbücher« an der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Sie war an zahlreichen Buchpublikationen beteiligt.

Künstlerin Pia Pregizer verlas die Einführung Andreas Walthers, der krankheitsbedingt verhindert war. Darin heißt es: »Ausgangspunkt für die erste Arbeit in der Gießener Ausstellung, einer Aquarellarbeit in Graustufen, die sich im kleinen Kabinett-Eckchen findet und die aus einer ganzen Reihe aufeinanderfolgender Übertragungen entstanden ist, waren die Buchstaben des lateinischen Alphabets.« Eckert hat hier eine grafische Wiedergabe der digitalen Codes der 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets realisiert. Dazu verwandte sie jeweils vier Fäden, die sie künstlerisch zu einer kleinen Klöppelarbeit machte. Die 26 kleinen Bilddarstellungen sind einander zwar sehr ähnlich, doch besitzen sie unverkennbar einen jeweils eigenen Charakter und vereinen sich zusammen zu einem attraktiven Wuselbild.

Das zeigt schon mal die Neigung Eckerts, sich in eine Arbeit tief reinzuknien. So hat sie sich etwa Klöppeln selbst beigebracht. »Diese Technik ist an sich auch digital: man dreht oder kreuzt die Fäden, es gibt nur diese zwei Möglichkeiten, sozusagen wie beim Binärcode Null und Eins. Daraus kann man im Prinzip eine ganze Welt erschaffen, das ist nicht weit vom Computer entfernt.« Hinterher hat sie das Ganze gezeichnet, dann invertiert und gemalt.

Die Arbeit an der großen Wand ist ein Netz, das zunächst ganz gleichmäßig und irgendwie unscheinbar wirkt, bei näherer Betrachtung dann aber schon gleich mit einer Unzahl an unregelmäßigen Details aufwartet. Das Material ist Wolle mit einem Mix aus Mohair und Seide.

»Es geht um Wiederholung«, sagt Jennifer Eckert. »Ich nutze nicht immer die gleichen Materialien, aber es ist bei mir immer die gleiche Frage, das gleiche Thema, und das ist für mich die Wiederholung.« Auch beim Weben des filigranen Netzes machte sie immer wieder das Gleiche.

»Das Tolle daran ist, dass man zwar immer das Gleiche tut, auch von der Tätigkeit und Dauer, sich aber immer weder diese minimalen Veränderungen ergeben. Es ist ja kein perfektes Netz.« Reizvoll findet Eckert, dass bei derlei Arbeit »die Hände dann diese Unregelmäßigkeiten einbauen. Man möchte es vielleicht perfekt machen, aber es verzieht sich immer was.«

Der Besucher wird muss sich allerdings schon anstrengen, um das Wesen von Eckerts Netz zu erblicken: Man sollte sehr nahe herantreten und am besten noch die Sonne im Rücken haben, dann kann man ihren Gedanken und gestalterischen Absichten ganz gut auf den Grund gehen: »Das Übertragen von Systemischem in Offenes« (Walther).

Bis zum 9. November sind die Werke zu sehen. Öffnungszeiten nach Vereinbarung unter 0641/ 250 94 44.

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