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Konzentration aufs Wesentliche

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Die Vielfalt der kleinen Form gab es beim Oberhessischen Künstlerbund zu entdecken. Fotos: Schultz © Schultz

Gießen. Ein hochinteressantes Doppelereignis war am Wochenende auf dem Unteren Hardthof zu sehen: Der Oberhessische Künstlerbund (OKB) hatte einerseits zum Keramikmarkt auf der grünen Innenhof-Wiese eingeladen. Zugleich öffnete die angrenzende Galerie für die Ausstellung »Die kleine Form V«. Beide Ereignisse lohnten den Besuch.

Schon bei der Ankunft auf dem sonnenbeschiendenen Gelände wurden Begehrlichkeiten geweckt. Die beteiligten Keramikwerkstätten aus ganz Hessen hatten sich große Mühe beim fachgerechten Inszenieren ihrer Stände und Waren gegeben. Dem staunenden Publikum präsentierte sich eine Vielzahl makellos gestalteter Objekte, so dass man spätestens beim zweiten Stand zu sinnieren begann, ob man nicht das gesamte Geschirr in der Küche erneuern sollte.

Bildschöne Objekte

Bildschöne Einrichtungs-Objekte kamen außerdem hinzu. Etwa einige keramische Vögel, die auf Stangen drapiert waren und einen Garten verschönern könnten (Töpferei Jutta Owcarek). Oder eine der kunstvoll gestalteten Schalen, Vasen, Tiegel und Küchenformen von Karl-Heinz Till. Auch an den anderen Ständen gab es viel zu entdecken: künstlerisch hochwertig gestaltete Objekte, die zum Betrachten einladen, es war fast eine Keramikausstellung. Diese Dinge auch gebrauchen? Denkbar, aber nicht erforderlich.

Nach dieser Vielzahl von »Kleinkunstständen« führte der Weg in die Galerie, wo »Die kleine Form V« zu sehen war. Die Ausstellungsjury des OKB hat inzwischen Routine beim Inszenieren und lieferte eine Schau wie aus einem Guss. Das erste Innehalten bewirkte Henrik Wieneckes auch im reduzierten Format imposantes stählernes, teilweise emailliertes »Feldzeichen«. Wie bei diesem Künstler üblich, besitzt es eine Leichtigkeit, hier bewirkt durch ein scheinbares Flügelspreizen. Zu sehen ist ein kraftvoller Formenreichtum, der beeindruckt. Eindrucksvoll ist auch Katja Ebert-Krüdeners »Tondo«, ein rundes Wandbild aus diversen Fundstücken, die sie in Feld, Wald und Flur zusammengetragen hat: eine souveräne Komposition, die räumliche Wirkung ausstrahlt.

Im kleinen Format ist auch Werner Braun zu Hause. Seine Serie im Obergeschoss (»Spaces«) bietet einen teils verspielten Reichtum an Ideen und Formen, der einen zweiten Blick lohnt. Ineinanderfließende Flächen und paradoxe Ikonografien verbinden Weltraumsphären und organische Formen. So vermitteln sie eine angenehme Leichtigkeit bei überzeugender Ästhetik.

Gisela Denninghoff zeigte diesmal keine Malerei, sondern zwei Fotomontagen aus den 80ern mit kritischem politischen Bezug, auch dramatisch (»Vor Nuklear-Raketen flüchtende Freiheit«) in Szene gesetzt. Wirkungsvoll sind Anne Helds vier I-Paintings mit Farbstift. »Norden, romantisch« ist schön, wirkungsstark und differenziert. Mit Kreide und Tusche macht Renate Bechtold auf dem Treppenabsatz in drei Arbeiten »Die Sprache der Bäume« nahezu hörbar.

Fast scheint es, als hätten die Künstlerinnen und Künstler ihre Aussage durch die Konzentration aufs Wesentliche verstärken wollen, denn genau das ist passiert. Die inhaltliche Kraft und Dichte erfreut immer wieder, etwa bei Marina Raffaele Ceres‹ zwei Arbeiten auf Bütten, die einen ungemein organischen, fast lebendigen Eindruck machen. Fast zu vibrieren vor Energie scheinen die wieder sehr feinen Werke von Hans-Jürgen Hädicke. Der Spezialist für die kleine Form lässt seine Wandobjekte wieder einmal eine Kraft und Vielfalt verströmen, die überrascht. Sie bieten wirkungsvolle Spielflächen, in denen man sich mühelos eine Weile aufhalten kann.

Überaus gelungen ist Constanze Schneider ihre Dreierserie (»Tor I-III«) gelungen. Sie inszenierte mit sicherer Hand für räumliche Wirkung, ihre Arbeit strahlt Ruhe aus - ein Hingucker. Lohnend sind auch Angelika Nettes gewohnt kleine Werke. Sie präsentiert verschiedenste Werkstoffe, etwa ihre auf elastischen Stangen platzierten »Gedankenschiffchen« aus Papier oder perlenbeladene »Frachtschiffchen«. Paul Hess erzählt in seiner collagierten Fotogeschichte augenzwinkernd von einer Gefahr für die Erde, wie man sie noch nicht gesehen hat. »Die Völklinger Invasion« handelt von einem Alien-Gefängnisdirektor, der skandalträchtige Machenschaften für eine Invasion durchführt, alles gewürzt mit knalligen Boulevardschlagzeilen.

So entstand angesichts dieser kreativen Vielfalt eine Schau, die große inhaltliche Kraft und nicht selten ebensolche Ästhetik transportierte.

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Schöne Vögel: der Keramikmarkt im Hardthof. © Heiner Schultz

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