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Konzertereignis von seltener Intensität

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Von: Ingo Berghöfer

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Mit Frauenpower und »spaßfreiem« Bier so intensiv wie nie: Die irische Singer/Songwriterin Wallis Bird bei ihrem Konzert im Marburger KFZ. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Marburg . Den Konzertabend in Marburg werden die irische Singer/Songwriterin Wallis Bird und ihre Band wohl in ihrem ganzen Leben nicht vergessen. Das liegt aber weniger an dem zwar begeisterten, aber mit 60 Besuchern spärlich erschienenen Publikum, sondern an den Tattoos, die sich Bird und ihre Mitmusikern kurz vorm Auftritt in Marburg hatten stechen lassen.

- Teambuilding der bleibenden Art.

Eigentlich ist Wallis Bird ja seit Jahren vor allem wegen ekstatischer Liveauftritte, deren Intensität an die einer Janis Joplin reicht, nicht nur Kritikerliebling sondern auch fester Gast auf Arte, in Aspekte oder im ARD-Morgenmagazin. Eigentlich ist sie eine sichere Bank für volle Hallen. Aber nach Corona ist auch für sie alles anders und ihr Publikum im Lockdown verschwunden.

Dass sie dennoch in Marburg einen ihrer besten Liveauftritte hinlegen würde, war nach dem aktuellen und mittlerweile siebten Album »Hands« nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Die seit vielen Jahren in Berlin lebende Irin kokettiert da einmal mehr mit Electro und Beats; was halt so in der Hauptstadt angesagt ist und was schon ihre letzten beiden Alben zu eher zwiespältigen Vergnügen machten. Allerdings ist es auch noch keinem Produzenten gelungen, die Naturgewalt ihrer Liveauftritte auch nur annähernd auf ein Studioalbum zu bannen.

Alles bleibt anders

What’s Wrong With Changing?« heißt einer der neuen Songs. Was ist falsch an Veränderungen? Nach der langen Corona-Pause, hat Wallis Bird einmal mehr ihr Leben und ihre Band umgekrempelt. Ihre Songs sind politischer. Bird, die aus ihrer sexuellen Orientierung noch nie, und lange bevor Queerness ein Winner-Thema in den hippen urbanen Milieues wurde, einen Hehl gemacht hat, nennt die Themen, die ihr unter den Nägeln brennen, jetzt beim Namen, ohne dass sie die poetische Kraft ihrer Texte gleich plakativem Reizwörter-Bingo opfert.

Auf der Bühne stehen in Marburg nur Frauen. Langzeit-Mitstreiter und Multi-Instrumentalist Aidan ist ans Mischpult hinten im Saal gebannt, steuert aber von dort im Bird-Klassiker »Measuring Cities« dessen prägnante Klarinetten-Melodie bei, was in einem rappelvollen KFZ wohl nicht funktioniert hätte.

Obwohl kein Zweifel besteht, wer vorne auf der Bühne das Zentralgestirn ist, lässt Wallis Bird ihren Mitmusikern doch viel Platz zum Atmen.

Schlagzeugerin Caoimhe Barry tritt als Solo-E-Gitarristin im Vorprogramm auf und Bassistin Leonie Geißler darf mit einem Instrumentalstück ihre Virtuosität unter Beweis stellen - eine gute Gelegenheit für Bird einmal durchzuatmen. Denn obwohl die Tochter eines Pubwirts mittlerweile auch schon 40 ist, malträtiert sie Stimmbänder und Gitarren-Saiten nach wie vor bis an die Belastungsgrenze und auch mal darüber hinaus.

Gerade die Stücke der, wie gesagt, eher schwächeren Alben »Home« und »Love« gewinnen so auf der Bühne eine unerwartete Intensität, besonders ohrenfällig in »As the River Flows«, Birds Kommentar zur Flüchtlingskrise.

Dass sie heute kraftvoller denn je klingt, mag auch daran liegen, dass sie manchen Lastern der Jugend abgeschworen hat. Während Bird früher noch gerne ein Bier mit Fans nach dem Konzert zischte, steht heute nur Mineralwasser auf der Bühne. Wer da oben hochoktanig unterwegs ist und nicht legendären aber eben auch toten Vorbildern nacheifern will, muss eben irgendwann zu »fun-freien« Getränken wechseln.

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