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Kräuterleckstein gegen die Pest

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Dagmar Klein erläutert den Teilnehmern »Seuchengeschichten«. Foto: Spannagel © Spannagel

Pocken und Thyphus: Stadthistorikerin Dagmar Klein entführte Teilnehmer ihres Rundgangs über den Alten Friedhof Gießen in längst vergangene Zeiten und berichtete über » Seuchengeschichten«.

Gießen. Stadthistorikerin Dagmar Klein hat angesichts der Corona-Pandemie eine Recherche zu Gießener »Seuchengeschichte(n)« vorgenommen, die sie im Format eines Rundgangs über den Alten Friedhof einer Gruppe erstmals öffentlich präsentiert hat. Es ist eine Erzählung über Todesopfer, Unwissen, Aberglaube und letztendlich auch Forschungserfolge.

Schon bei der Errichtung des Friedhofs um 1530 ist, so erläutert Klein, stadtplanerisch klug im Hinblick auf Hygiene gehandelt worden. Damals lag der heute geschichtsträchtige Ort noch außerhalb eines längst vergessenen und vergangenen Festungswalls, der sich in etwa auf Höhe des heutigen Anlagenrings befand. Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, sei damals jedoch noch nicht im Spiel gewesen. Damals griff die Pest um sich und es wird vermutet, dass der Alte Friedhof in Zusammenhang mit der Seuche entstanden ist. Die Krankheit hatte unzählige Tote zur Folge - allein während der verheerendsten Welle zur Zeit des 30-jährigen Krieges verloren 1500 Gießener ihr Leben - die Hälfte der damaligen Bevölkerung.

Schutzmaßnahmen hat es damals durchaus auch gegeben - auch wenn der Übertragungsweg der heute gut behandelbaren Krankheit unbekannt gewesen ist, führt Klein beim Rundgang weiter aus. Aufschluss darüber bietet die Geschichte von Daniel Greser, erster evangelischer Pfarrer Gießens. Mit dem Ziel in die Stadt gekommen, die Einwohner zu missionieren, trat er im Zuge dieser schweren Pestwelle auch als Seelsorger in Erscheinung. Um eine Erkrankung zu vermeiden, kam ein mit gesundheitsversprechenden Kräutern versehener Stein zum Einsatz, an dem die gesamte Familie leckte und der folglich auch »Leckstein« hieß. Ebenfalls überliefert ist, dass Daniel Greser bei der Heimkehr stets seinen Umhang gewechselt hat.

Insbesondere für Kinder endeten viele Krankheiten einst tödlich. An einem symbolisch ausgewählten Grabstein eines im Alter von drei Jahren verstorbenen Kindes berichtet Klein, dass etwa die Kuhpocken in manchen Gegenden »zwei Drittel der Kinder dahingerafft« haben. Glück hatte so gesehen die Familie des Bergbauingenieurs Peter Wilson, der sich im 19. Jahrhundert beim Abbau von Erzen einen Namen machte. Elf Kinder brachte seine Frau auf die Welt, davon verstarb eines im Alter von einem Jahr. Ein weiterer seiner Söhne ist im Alter von 21 Jahren an Lungentuberkulose gestorben - einer Krankheit, die heute medizinisch ebenfalls heilbar ist. Weibliche Betroffene galten damals zudem als »ästhetisch schön«, berichtet Klein. Die krankheitsbedingt blasse Haut und magere Figur haben seinerzeit einem Schönheitsideal entsprochen. Weniger wertgeschätzt wurden hingegen die Frauen, die nach überstandener Kuhpockenerkrankung entsprechende Narben im Gesicht davongetragen hatten. So etwa die Schwester von Friedrich Karl Simon, ein Theologe, der in Gießen studiert und gelebt hat.

Eine weitere Krankheit, die grassierte und der lange Zeit nicht beigekommen werden konnte, war Typhus. Davon zeugt beispielweise ein Studentengrab unweit der Friedhofskapelle am Fuß des Nahrungsbergs. Zwei Studenten der Rechtswissenschaften, Karl Siegfrieden und Karl von Müller, die sich ein Zimmer geteilt hatten, erlagen der Krankheit im März 1840. Da ihr Ursprung unbekannt war, galten Häuser, in denen die Krankheit ausgebrochen war, als »verflucht«. Unhygienischer Umgang mit Abwasser haben zudem optimale Bedingungen für ihre Verbreitung dargestellt. Im Verlauf der Führung ging die Historikerin noch auf zwei weitere Typhus-Fälle ein, darunter einer in der Unternehmerfamilie Gail.

Auch bei der Bekämpfung von Seuchen, der Entdeckung ihrer Auslöser und Verbreitungswege, spielten diverse Gießener eine Rolle. So etwa der Internist Georg Friedrich Wilhelm Balser, der dafür sorgte, dass Medizinstudierenden das Impfen beigebracht wurde. »Er hat unglaublich viel geleistet«, betonte Klein. Ähnlich wie bei der Corona-Pandemie wurde auch zu Lebzeiten Balsers in der Region mithilfe von Flyern Werbung für das Impfen gemacht. »Aha-Momente« wie dieser haben Dagmar Klein letztendlich dazu bewogen, die nun auf der Plattform »Reservix« buchbare Führung anzubieten. »Auch damals haben sie schon solche Maßnahmen getroffen und es gab auch Widerstände«, hat Klein recherchiert.

Auch auf eigene Faust kann der Alte Friedhof erkundet werden. Die Begleit-App »Wo sie ruhen« bietet hierzu neben bebilderten Inhalten für den Gießener Friedhof deutschlandweit digitalen Mehrwert für alle, die sich für besondere, letzte Ruhestätten interessieren.

Die nächste Führung zu »Seuchengeschichte(n)« bietet Dagmar Klein am 3. September an.

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