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Kraft, Spannung, Sinnlichkeit

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Einer der eindrücklichsten Auftritte des Abends: das Ballett Bern mit einem Ausschnitt aus seiner Version von Dantes »Göttlicher Komödie«. © Red

Das Gießener Festival TanzArt Ostwest geht mit einer Gala im Stadttheater, einem emotionalen Tarek Assam und stehenden Ovationen des Publikums zuende

Gießen. Was die enorme Faszination des seit Jahren in Gießen angesiedelten Festivals TanzArt Ostwest ausmacht, das bietet in konzentrierter Form die Gala, mit der das mehrtägige Programm traditionell abschließt. Nun war es wieder so weit: Letztmals unter der Ägide des nach 20 Jahren am Saisonende scheidenden Gießener Ballettdirektors Tarek Assam präsentierten sich am Montagabend Gäste aus ganz Deutschland sowie der Schweiz im Großen Haus des Stadttheaters. Am Ende wurden die 45 beteiligten Künstler sowie Tanz-Art-Organisator Assam vom enthusiasmierten Publikum mit stehenden Ovationen bedacht.

Wie vielfältig und facettenreich die Formensprachen des zeitgenössischen Tanzes sind, das lässt sich kaum besser entdecken, als in diesem von Assam als Moderator locker-launig präsentierten Format. Die enorme inhaltliche und ästhetische Spanne der Darbietungen begann bei einem »Carmen«-Solo der im roten Kleid tanzenden Léa Périchon (Ballett Koblenz), die sich grazil zum okzitanischen Gesang einer A-Cappella-Formation aus Marseille bewegte. Und sie führte zu großen Ensembleszenen, die etwa die Compagnien aus St. Gallen, Bern und Kassel zu wuchtiger Klassik oder knarzenden Elektrobeats zeigten. Dazwischen bewegten sich die Künstler der insgesamt zwölf beteiligten Stadt- und Staatstheater auf ganz unterschiedlichem Terrain.

Etwas zu gefällig geriet das Duett des männlichen Duos Willer Rocha und Mirko Ingrao vom Theater Pforzheim, das in einer Choreographie vom dortigen Ballettdirektor Guido Markowitz zu sehen war. Zu einem Song von Elton John präsentierten sie eine queere Liebesszene zwischen Begehren und Abstoßung. Das Publikum zeigte sich angetan von der Darbietung mit dem Titel »Freedom«, wenngleich die balladeske Popmusik das Ganze ein wenig zu weich und kantenlos wirken ließ.

Weit sperriger, aber auch ungleich wirkungsvoller zeigten sich die Ensembles aus Kassel und Gießen, die elektronische Klangteppiche als Grundierung ihrer Auftritte wählten. Schwer pumpende Bässe, fiepende Tonfolgen, bisweilen auch mächtiges Donnergrollen boten hier eine Klanguntermalung ungemein dynamischer, temporeicher, vor Energie sprühender Körperbilder. Gerade das Heimspiel der Gießener Tanzcompagnie (Musik: Patrick Schimanski) zeigte im direkten Vergleich, welch hochkarätiges Ensemble Tarek Assam hier in den vergangenen Jahren zusammengestellt hat.

Aber auch viele Gäste hinterließen eindrückliche Momente. Einer der stärksten Auftritte des Abends gehörte dem Ballett Bern, das einen Ausschnitt aus seiner getanzten »Göttlichen Komödie« nach Dante Alighieri präsentierte. Zum ergreifenden Stück »Fratres« von Arvo Pärt, einem der bedeutendsten Vertreter der Neuen Musik, erzählten die Schweizer von dem Begehren eines jungen Mannes (Toshitaka Nakamura) der in den Bann einer von weiteren Männern umschwirrten Frau (Momoko Higuchi) gerät. In ihren goldglänzenden Kostümen schaffen die Schweizer dabei mythisch anmutende Szenen von großer Kraft, Spannung und Sinnlichkeit.

Duette bilden Schwerpunkt

Ganz anders zeigen sich die verschiedenen Duette, die einen Schwerpunkt des Abends bilden. Eine getanzte »Winterreise« zu einem Lied von Franz Schubert (Tanztheater Braunschweig) gehört ebenso dazu, wie das intensive «Ultimo Duo« des Stadttheaters Bremerhaven, das sich zur berühmten »La Campanella« von Franz Liszt begegnet. Und noch einmal ganz anders präsentierte sich das rein männliche Quintett des Theaters Nordhausen, das mit einer ungemein kraftvollen, fast schon aggressiven Choreographie ihres Ballettdirektors Ivan Alboresi überzeugte.

Die Einladung dieser Gruppe geht auf eine langjährige Bekanntschaft Assams mit dem Italiener zurück. Wie überhaupt die beteiligten Ensembles über das Netzwerk eng miteinander verbunden sind und sich immer wieder gegenseitig zu Gastspielen einladen. So gelang es Assam zusammen mit weiteren Intendanten vor rund zwei Jahrzehnten eine Institution zu schaffen, die sich längst als Plattform etabliert hat, um den Austausch zu befördern und das Publikum an den Entwicklungen des zeitgenössischen Tanzes teilhaben zu lassen.

So bedankte sich der am Ende emotional sichtlich bewegte Gießener Ballettdirektor beim Publikum wie bei all den beteiligten Künstlern für die Etablierung dieses Festivals, dass seither viele künstlerische Höhepunkte hervorgebracht hat. Intendantin Cathérine Miville zeigte sich am Ende in einer kurzen, von Jubel des Publikums begleiteten Rede beeindruckt, »wie sich der zeitgenössische Tanz entwickelt hat. Das konnte ich in den vergangenen 20 Jahren miterleben«. Ob, wo und wie es nach dem Abschied Tarek Assams mit dem Festival weitergehen wird, das muss allerdings die Zukunft weisen.

Tarek Assam, seit 2002 Ballettdirektor des Stadttheaters Gießen, wurde auf der jüngsten Konferenz der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren (BBTK) im Amt als Sprecher bestätigt. Das siebenköpfige Präsidium der BBTK wurde in Basel für die nächsten drei Jahre neu gewählt. Inhaltlich fand bei dem Treffen unter anderem ein Austausch über die Anhebung von Gagenuntergrenzen statt. Auch die Post-Covid-Situation für Tänzer nach einer Erkrankung wurde erörtert. Die BBTK ist ein Zusammenschluss zum Zweck der gegenseitigen Information und Zusammenarbeit. Assam ist seit 2017 Sprecher der BBTK. (red)

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