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Die Betreuung der Covid-Kranken verlangt den Klinikmitarbeitern alles ab. Symbolfoto: Kay Nietfeld/dpa

Heiligabend in Klinik

»Krankheit kennt kein Weihnachten«

Das Personal der Covid-Intensivstation des Gießener Uniklinikums berichtet über die Situation an Heiligabend und sucht Nachwuchs.

Gießen . Für das Personal des Gießener Universitätsklinikums (UKGM) ist es das zweite Weihnachten in Folge, an denen die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Beschäftigten auf Trab halten. Drei Pflegekräfte der Operativen Intensivstation (OITS) berichten im Gespräch mit dem Anzeiger über ihre Erlebnisse und wie die Situation die Stimmung trübt. Marina Weber und Andreas Koeppel etwa sind erfahrene Pfleger auf der Intensivstation und haben in diesem Jahr Frühschicht an Heiligabend. »Es ist ziemlich voll, aber im Prinzip wie jedes Jahr, auch vor Corona. Es ist seit vielen Jahren so«, schildern beide. Über Weihnachten werden oft routinemäßig Stationen geschlossen und Patienten verlegt. »Derzeit haben wir fünf akute Fälle hier. Dreien davon geht es sehr schlecht und sie sind an der Herz-Lungen-Maschine, genannt ECMO«, erzählt Weber.

Pro Schicht zwei bis drei Mal umziehen

Die 57-Jährige beklagt, dass die Medizinische Klinik die Fälle derzeit kaum bewältigen kann. Personalmangel und fehlende Bewerbungen auf die freien Stellen sorgen im Umkehrschluss dafür, dass weniger Betten vorhanden sind. »Die Stadtwerke können auch nur 40 Busse fahren lassen, wenn nur 40 Busfahrer zur Verfügung stehen. Dann bringt es nichts, wenn sie 50 Busse haben«, sagt Koeppel. Der 56-Jährige berichtet über den beruflichen Alltag in Pandemiezeiten: »Wir sind acht Stunden quasi isoliert. Wir kommen zur Schicht und werden da so gut wie isoliert. Pro Schicht ziehen wir uns zwei oder drei Mal um, und das ist ein großer Aufwand.«

Die Ausrüstung der Pfleger auf der OITS ist vielfältig: »Wir tragen ein Faceshield, FFP3-Masken, doppelte Schutzkleidung, einen doppelten Satz Handschuhe. Spätestens nach einer Stunde ist man durchgeschwitzt. Die Arbeit auf der Covidstation ist anstrengender als die normale Station«, weiß Weber zu berichten. Neben dem Umgang mit den Corona-Patienten muss die Intensivstation immer wieder umdisponieren, wenn beispielsweise Notfälle von der Notaufnahme eingewiesen werden. »Die Patienten müssen dann verlegt werden, damit Platz frei wird«, erklärt Weber. Besonders prägend ist die psychische Belastung, mit der das Personal in jeder Schicht erneut konfrontiert wird. »Das ist eine extreme mentale Belastung, aber nicht erst seit Covid, auch vorher schon. Das sind viele Schicksale, die einem da begegnen«, erzählen beide. Dadurch, dass die Intensivstation »das gesamte chirurgische Programm« abdecke, sei Flexibilität und Belastbarkeit das Gebot der Stunde. Und wie feiert das Team in einer solchen Situation Weihnachten? »Unsere Chefin hat heute ein großes Frühstück für alle organisiert. Zwei oder drei von uns frühstücken, der Rest arbeitet derzeit. Das war auf jeden Fall schön und war ein Lichtblick in der Situation«, schildert Weber.

Mit wachen Patienten können sie sich auch über Weihnachten unterhalten und sich gegenseitig ein wenig Besinnlichkeit schenken, aber ansonsten habe die Station Betrieb wie an jedem Tag. »Weihnachten gerät in den Hintergrund. Krankheit kennt kein Weihnachten«, so Koeppel.

Dass die Arbeit in Pandemiezeiten für Zermürbung sorge, wissen beide aus eigener Erfahrung zu berichten. »Der Arbeitsaufwand ist riesig. Viele Kollegen sind weggegangen und viele junge Kollegen sind noch unsicher. Die älteren Kollegen managen viel, das ist kräftezehrend«, sagt Weber. Es reiche jedoch nicht, wenn eine angehende Pflegekraft das Herz am rechten Fleck habe, meint Koeppel. »Wir haben sieben Jahre Ausbildung hinter uns. Davon haben wir fünf Jahre Ausbildung zur Intensivpflegekraft. Viele gehen nach zwei Jahren auch wieder und studieren lieber. Früher war der Beruf sozialer.« Eine zusätzliche Vergütung für den Dienst auf der Covid-Station gebe es ebenfalls nicht.

Manuel Garcia ist seit 30 Jahren im Beruf und seit 28 Jahren tut er seinen Dienst auf der Intensivstation. Der 55-jährige Spanier ist stellvertretender Stationsleiter auf einer der Covid-Stationen. »Wir haben es uns weihnachtlich eingerichtet und wir haben auch einen künstlichen Baum«, erzählt er. Die Station sei dennoch gut gefüllt, bei Personalausfall sieht sich Garcia gezwungen, zu telefonieren. »Wir können uns nicht zurücklehnen. Wir sind erschöpft und zermürbt. Richtig abschalten ist nicht möglich. Die sinkenden Infektionszahlen spiegeln sich bei uns auf Station noch nicht wider und die Auswirkungen von Omikron sind noch nicht bei uns angekommen«., berichtet er.

»Auf der Intensivstation ist jeder Tag anders. An Heiligabend war viel Bewegung, wir mussten Patienten verlegen. Das braucht oft viel Vorbereitung. Je mehr Bewegung wir auf der Station haben, desto größer ist der Aufwand«, so Garcia weiter. Die Situation auf der Intensivstation könne sich minütlich ändern, die Aufnahme von Notfällen gehöre zum Tagesgeschäft.

»Pandemie-Dauer zermürbt einen«

»Wir haben seit Jahren einen Pflegenotstand. Corona zeigt, wo es hapert. Das System ist nicht gerüstet. Kollegen brauchen bis zu zwei Jahre, bis sie die Herz-Lungen-Maschine richtig bedienen können.« Nachwuchs zu akquirieren, ist nach seiner Ansicht nahezu unmöglich. »Wir müssen den Beruf wieder attraktiver machen. Die Bilder momentan sind ein abschreckender Faktor, aber die Belastung ist nicht immer so. Wenn alle offenen Stellen besetzt wären, dann gäbe es das Problem nicht, was wir jetzt haben«, meint der 55-Jährige. Er selbst habe sich jedoch zu keiner Zeit gefährdet gefühlt, im Gegenteil. »Bei uns hat sich auf Station niemand direkt infiziert. Es ist zwar ein hoher Aufwand, aber der Selbstschutz überwiegt«. Die meisten Patienten, die Garcia in den letzten Monaten betreute, seien ungeimpft gewesen. »Unsere Patientin, die am längsten auf Station liegt, ist hier schon seit über 100 Tagen und kämpft noch immer mit den Spätfolgen«.

Im Vergleich zu 2020 müssten jedoch weniger Menschen beatmet werden und die Situation habe sich insgesamt beruhigt. »Wir stehen aber immer wieder vor demselben Problem. Es ist die Dauer der Pandemie, die einen zermürbt«, sagt Garcia. Die Impfung erfülle ihren Zweck, aber die Zahl der Verweigerer sorge dafür, dass die Pandemie in eine Art Endlosschleife übergehe. Die Belegschaft laufe im zweiten Pandemiejahr endgültig auf dem Zahnfleisch. »Ich möchte manchmal ein oder zwei Wochen nichts mehr von Covid hören. Hoffentlich können wir irgendwann sagen: Wir haben es geschafft.«

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