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»Krieg gegen die Rechte der Frauen«

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»8. März heißt Widerstand« - die Teilnehmer der Demonstration skandierten Parolen zum internationalen Frauentag. © Pfeiffer

Rund 500 Menschen gingen am Dienstag für Gleichberechtigung und gegen patriarchale Gewalt auf die Straße

Gießen . »Wir brauchen Brot, keine Kanonen. Wir brauchen Schulen, keine Kasernen. Wir brauchen Wohnungen, keine Friedhöfe.« Nachdem die Vertreterin der »Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend« diese Sätze ins Mikrofon gerufen hatte, brandete am Dienstagabend lauter Applaus am Kugelbrunnen auf. In ihrem Redebeitrag im Rahmen der Demonstration zum internationalen Frauentag kritisierte die junge Frau das angekündigte 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr. Für Frieden und Abrüstung zu kämpfen bedeute auch einen Kampf für Gleichberechtigung. Denn bewaffnete Konflikte seien immer auch »ein Krieg gegen die Rechte der Frauen«.

Die rund 500 Menschen - überwiegend Frauen - zogen vom Berliner Platz über das Elefantenklo durch den Seltersweg bis zum Kirchenplatz. Neben Wladimir Putins Angriffskrieg auf die Ukraine standen dabei die Forderung nach einer Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie der Kampf gegen Lohnungleichheit, Femizide und patriarchale Gewalt im Mittelpunkt. Veranstaltet hatte die Demonstration, wie auch in den Jahren zuvor, das »8. März Bündnis Gießen«, in dem sich einzelne Frauen und verschiedene Gruppen zusammengetan haben.

Stadtverordnete Martina Lennartz (DKP) hatte die Demonstration angemeldet und kritisierte in ihrer Rede unter anderem Lohnungleichheit, Gewalt gegen Frauen und Kriege, die »Frauenrechte ins Mittelalter zurückbomben«. Das alles seien Gründe zu kämpfen. Passend dazu stand die Veranstaltung in diesem Jahr unter dem Motto »Der 8. März bleibt internationaler Frauenkampftag - Basta!«

Die »Antifaschistische Revolutionäre Aktion Gießen« forderte ein Ende der »patriarchalen Unterdrückung und der kapitalistischen Ausbeutung«. Es seien vor allem die Frauen, die sich um Hausarbeit und Kinderbetreuung kümmern, ohne die die Lohnarbeit »überhaupt nicht denkbar« sei. Diese ungleiche Verteilung habe sich in der Corona-Pandemie noch verschärft, klassische Geschlechterrollen seien in der Krise im Aufwind.

Ähnlich auch der Redebeitrag vom bundesweiten antikapitalistischen Antikrisenbündnis »Nicht auf unserem Rücken«: Frauen seien von der Krise besonders betroffen, weil sie in den systemrelevanten Berufen überrepräsentiert seien. Schon vor der Pandemie seien Jobs etwa in der Pflege oder im Lebensmittelhandel gesellschaftlich kaum wertgeschätzt gewesen. Durch die Krise hätten sich »die Arbeitsbedingungen nicht verbessert, sondern in Teilen sogar verschlechtert« - etwa, in dem die Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden hochgesetzt werden konnte.

Auf Schildern forderten die Demonstrierenden, dass Gewalt gegen Frauen niemals »Privatangelegenheit« sein dürfe und kritisierten verharmlosende Begriffe wie »Beziehungsdrama«, »Ehrenmord« oder »Familientragödie«. Stattdessen handle es sich um Femizide. Jeden Tag versuche ein Mann, seine aktuelle oder frühere Partnerin umzubringen, kritisierte die »Antifaschistische Revolutionäre Aktion Gießen«. Und häufiger als jeden dritten Tag gelinge es sogar einem Mann. Gar knapp die Hälfte der Frauen in Deutschland habe bereits einmal in ihrem Leben sexualisierte oder körperliche Gewalt erfahren müssen.

Auf ihrem Weg über die Straßen skandierten die Demonstrierenden Parolen wie »Frauen kämpfen international - gegen Krise, Krieg und Kapital« oder »Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine«. Am Elefantenklo folgte ein visueller Protest der DKP: Auf einem überdimensionalen Banner, das am Fußgängerüberweg aufgehängt wurde, forderten sie eine »Steele für Ria Deeg«. Deeg, die 1907 in Dutenhofen geboren wurde und den Großteil ihres Lebens in Gießen verbracht hatte, war eine Widerstandskämpferin im Nationalsozialismus.

Auch in der Löwengasse wollte man die Erinnerung an eine Frau wach halten: Ginge es nach den Teilnehmern der Demonstration, würde diese künftig Esther-Bejarano-Straße heißen. Bei einer symbolischen Umbenennung - die Löwengasse bekam kurzerhand ein Pappschild übergestreift - wurde an die Holocaustüberlebende erinnert. Esther Bejarano verstarb im vergangenen Jahr in Hamburg. Den Rassenwahn der Nationalsozialistin hatte die Jüdin auch deshalb überlebt, weil sie während eines »Todesmarsches« fliehen konnte.

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