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Die niedergelassenen Ärzte haben bereits vor Winterbeginn alle Hände voll zu tun. Symbolfoto: Bodo Schackow/dpa

Hausärzte

Kritik an »Bremsklotz« der Politik

Die Praxen sind neben der großen Nachfrage für Boosterimpfungen auch durch Saisonerkrankungen schon jetzt überlaufen.

Gießen . Boostern, boostern und noch mal boostern: Fast könnte man meinen, die heimischen Arztpraxen hätten derzeit nichts anderes zu tun, als allen Impfwilligen zur Auffrischung die dritte Spritze gegen das Coronavirus und seine Mutationen zu verpassen. Oder in manchen Fällen überhaupt erstmal die erste oder zweite. Dem ist natürlich nicht so. Ganz im Gegenteil ist das »nur« eine Zusatzaufgabe parallel zum üblichen Programm der kalten Jahreszeit mit den jetzt zunehmenden Saisonerkrankungen wie etwa Grippe (Influenza) oder fiebrige Erkältung. Um einen Eindruck zu erhalten, was in diesen Tagen in den Praxen los ist, hat der Anzeiger mit Vertretern des Gesundheitsnetzes Gießener Hausärzte (GNGH) und des Ärztenetzes Kreis Gießen (ÄNGie) gesprochen. Dabei geht es auch um die vom scheidenden Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verordnete Deckelung des in der Bevölkerung beliebtesten Corona-Impfstoffs von Biontech zugunsten größerer Mengen an Moderna. Was für zusätzliche Probleme sorgt.

»Allein bis Weihnachten haben wir 1000 Impftermine, jeden Tag bekommen wir 30 bis 40 neue Anfragen«, erzählt ÄNGie-Sprecher Thomas Heckrodt über seine Gemeinschaftspraxis in Langgöns. Ähnlich sieht es in den übrigen Land- und Stadtpraxen dieses Netzwerks aus, wie auch bei den im GNGH zusammengeschlossenen Gießener Hausärzten. »Die meisten niedergelassenen Ärzte der Allgemeinmedizin impfen auf Hochtouren«, lässt Sprecher Witold Rak wissen, dessen Gemeinschaftspraxis sich in der Neustadt befindet. Gleichzeitig verschweigt er nicht den »in den letzten Wochen deutlich spürbaren Frust« vieler seiner Kollegen, wenn geplante Termine zu Impfungen mangels geliefertem Impfstoff abgesagt werden müssen. Wie stark das Missverhältnis zwischen Nachfrage und Verfügbarkeit zurzeit ist, zeigen die 200 Dosen Moderna und 60 von Biontech, die Heckrodt und die Seinen in der vergangenen Woche zum Impfen zugeteilt bekommen haben. Denn bei 200 Terminen in diesem Zeitraum werde von den »Kunden« jener Praxis ausdrücklich Biontech gewünscht, verdeutlicht der Arzt die Diskrepanz. Laut Rak sei man »auf eine zugesicherte Impfstoffmenge angewiesen, um gut planen zu können. Den enormen logistischen Aufwand kann sich manch einer nicht vorstellen«, sagt der Gießener Mediziner.

Da kann Heckrodt noch so oft betonen, dass beide auf dem mRNA-Prinzip beruhenden Impfstoffe »zu fast 100 Prozent identisch sind«, nicht wenige Impfwillige bleiben dennoch bei ihrer Ablehnung von Moderna. »Die Leute sind sehr verunsichert«, manch einer warte dann lieber oder suche nach einer Praxis, die gerade Biontech vorrätig hat, schildert der Langgönser seine Erfahrungen. Und wirft der Politik vor, dass man »uns praktisch einen Bremsklotz untergeschoben hat. Wir brauchen aber Planungssicherheit und nicht Ad-hoc-Regelungen«. Zugleich fehle angesichts des großen Patientenandrangs die Zeit für ausführliche Beratungsgespräche, um die Ablehnenden doch noch umzustimmen, stellt Heckrodt klar. Denn die Hausarztpraxen sind von Patienten zurzeit »stark frequentiert«, berichtet Rak. »Zur regulären Sprechstunde kommt die aktuelle Infektsituation hinzu.« Bei alledem gelte grundsätzlich: »Jeder Krankheitsfall muss individuell beurteilt werden.«

In der Gemeinschaftspraxis in der Neustadt werden wie auch bei vielen Kollegen alle Patienten mit Symptomen wie Fieber, Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen gebeten, »nur nach telefonischer Voranmeldung und Absprache die Praxis zu betreten«, erläutert Rak. Manche Praxen des Netzwerks würden zusätzlich eine gesonderte Infektsprechstunde anbieten, bei der die Patienten zwar unter anderem auf das Vorliegen einer Covid-19-Erkrankung getestet werden. Doch gebe es eben auch zahlreiche andere Erreger, die erfahrungsgemäß »in der Herbstzeit im Umlauf sind«, so der Gießener.

Im ÄNGie-Netz wiederum bieten andere Praxen »eine eigene Fieber-Sprechstunde an«, wie Heckrodt berichtet. Die Krankheiten seien eben allein aufgrund ihrer Symptome »nicht immer so leicht voneinander abzugrenzen«. Weshalb auch PCR-Tests zum Einsatz kommen, um sich Klarheit zu verschaffen. Geimpft wird von den niedergelassenen Medizinern zudem nicht nur gegen Corona, auch die Grippeschutzimpfung gegen Influenzaviren erfreut sich mittlerweile großer Nachfrage. Wobei die eigentliche Grippesaison erst Ende Dezember, Anfang Januar so richtig beginnt, gibt Heckrodt zu bedenken. Da könne also noch einiges an Zusatzbelastung auf die Praxen zukommen. Für einen wirkungsvollen Impfschutz gegen die Influenza sollte man im Übrigen schon vorher gesorgt haben.

Sollte es nicht zeitnah zu einer Auffrischung der Impfung gegen das Coronavirus und seine Varianten kommen, sei es »umso mehr erforderlich, alle bekannten Regeln streng einzuhalten«, mahnt Rak. Die Maßnahmen wie das Tragen einer FFP2-Maske oder die Beschränkung von Kontakten würden insbesondere »im Hinblick auf mögliche neue Virustypen gelten, wo aktuell noch unklar ist, wie sich der Schutz durch bisherige Impfungen verhält«, macht er deutlich.

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