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Kritischer Blick aufs »Kränzchen«

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Der Orientalist Alfred Kaufmann war der eigentliche Kopf des »Gießener Freitagskränzchens«. Nach Archivfunden war er überzeugter Nationalsozialist. © Archiv

Vor 80 Jahren - genau am 6. Februar 1942 - wurde das »Freitagskränzchen« von der Gestapo in der Wohnung Dr. Kaufmanns an der Johanneskirche 5 wegen »Feindsenderhörens« verhaftet.

Gießen. In letzter Zeit hat sich das lokalgeschichtliche Interesse am Nationalsozialismus - auch in den Schulen - wieder verstärkt, deshalb ist es wohl legitim, an die damalige Kaufmann-Gruppe, in Gießen als »Freitagskränzchen« bekannt, (mit zusätzlichen Informationen) zu erinnern.

Vor 80 Jahren - genau am 6. Februar 1942 - wurde das »Freitagskränzchen« von der Gestapo in der Wohnung Dr. Kaufmanns an der Johanneskirche 5 wegen »Feindsenderhörens« verhaftet. Um die Bewertung dieser Gruppe gab es später eine jahrzehntelange Auseinandersetzung zwischen den Historikern.

Historiker uneins

Bei dieser Zusammenkunft waren der Gastgeber Dr. Alfred Kaufmann, der Kunstmaler Heinrich Will, seine Frau Elisabeth Will, Pfarrer Ernst Steiner, dessen Frau Helene Steiner, Hildegard Falckenberg, Renate Roese, Stefanie Hawryskow, Emilie Schmidt und als neuer Gast Dagmar Imgart anwesend. Drei dieser Personen kamen danach zu Tode. Elisabeth Will wurde als Jüdin in Auschwitz vergast, Pfarrer Steiner von der Gestapo in Darmstadt ermordet. Dr. Kaufmann, der Initiator dieser Gruppe, kam glimpflich mit Haft davon, um nicht unnötig auf ihn als den ehemaligen Lehrer und Pfarrer von Rudolf Hess, der diesen auch getauft hatte, aufmerksam zu machen.

Dr. Alfred Kaufmann war am 1. Mai 1933 mit der Mitgliedsnummer 2290411 der NSDAP beigetreten und hatte sich später gerühmt, an deren Machtergreifung in Friedberg und Gießen beteiligt gewesen zu sein. Heinrich Will, in den 20ern ein glühender Anhänger

Adolf Hitlers, war 1933 ff. Vorsitzender des NS-Reichskartells der bildenden Künste Gießen gewesen. 1943 rückte man dann sein Todesurteil demonstrativ mit großen roten Plakaten in den Mittelpunkt der lokalen Aufmerksamkeit, um von der Verbindung Kaufmanns mit dem inzwischen für »verrückt« erklärten Hess abzulenken. Entscheidender Auslöser für die Entstehung des Kränzchens war jedoch der Englandflug von Rudolf Hess vom 10. Mai 1941 gewesen.

Der »Stellvertreter des Führers« hatte die Illusion gehegt, damit vor dem Angriff auf die Sowjetunion mit englischen Konservativen noch einen Frieden zustandezubringen, um für Deutschland einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Hess war übrigens auf seinem Flug zum Tanken ausgerechnet auf dem Flugplatz von Gießen zwischengelandet, was wohl deutlich auf seine Beziehung zu seinem ehemaligen Lehrer Kaufmann hinweist.

Nach Hess‹ Bruchlandung in Schottland wollten die Mitglieder des Kränzchens sich über den Verlauf des Krieges informieren und sich gegenseitig stabilisieren. Schon am 9. August 1938 war dem Gießener NSDAP-Kreisleiter Backhaus bekannt gewesen, dass Dr. Kaufmann »noch heute mit dem Reichsminister und seiner Mutter in Briefwechsel stünde und jährlich ein- bis zweimal Gast des Stellv. des Führers sei« - in der Tat ließ sich der Orientalist jeweils am Anfang seiner Vorträge in den verschiedensten deutschen Gauen als »ehemaliger Lehrer des Stellvertreters des Führers« ankündigen. Dies muss also auch seinen Gästen bekannt gewesen sein.

Dass Backhaus sein Wissen um die Verbindung Kaufmann/Hess zunächst für sich behielt, wird an der öffentlichen Machtstellung des Naziführers gelegen haben. Nach dem Englandflug von Hess dürfte er dann aus seiner Empörung heraus seine Informationen an die Gestapo weiter- gegeben haben, sodass die »Agentin« Dagmar Imgart, die nur an den beiden letzten Sitzungen des Kränzchens teilnahm, der Gestapo nur noch als Zeugin vor dem Volksgerichtshof diente.

In den überlieferten Texten taucht kein einziges Mal ein Gedanke auf, der an eine systematische Planung eines praktischen Widerstandes denken ließe.

In seinen gerade erschienenen Mitteilungen formuliert der Oberhessische Geschichtsverein dagegen wieder einen »bürgerlichen Widerstand gegen den Terror des Dritten Reiches« der Gruppe und nennt Dagmar Imgart als Hauptschuldige für das Schicksal des Kaufmann-Kreises.

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