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Künftig lieber DJ als Fußballreporter

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Jörg Dahlmann Foto: dpa © dpa

Gießen. Das Genre der Erinnerungen von Sportreportern, die der Nachwelt ihre Erlebnisse in Buchform überliefert haben, hat im deutschen Sprachraum mittlerweile eine gewisse Tradition und reicht von Willy Meisl über Wim Thoelke bis zu Waldemar Hartmann. Zu ihnen hat sich nun auch der ehemalige Gießener Student Jörg Dahlmann gesellt, der sich als Fußballreporter vor allem im Privatfernsehen einen Namen gemacht hat und nicht zuletzt durch die emotionale Schilderung eines Treffers von Jay-Jay Okocha oder das preisgekrönte Stück über einen kuriosen Wechselfehler von Meistertrainer Otto Rehagel in Erinnerung geblieben ist.

Die im Frühjahr erschienene Autobiografie des mittlerweile 63-Jährigen trägt den programmatischen Titel »Immer geradeheraus. Tore, Typen, Turbulenzen - meine wilde Zeit als Fußballreporter« und ist bei der Kritik auf ein durchaus geteiltes Echo gestoßen. So sprach das Fachmagazin 11 Freunde von einer schonungslosen Abrechnung mit dem Fernsehgeschäft und bescheinigte Dahlmann einen erkennbaren Hang zur Indiskretion, der das Buch zu einer unterhaltsamen Lektüre mache, während die Westdeutsche Allgemeine Zeitung betonte, dem Autor mangele es an Selbstkritik.

Man durfte also gespannt sein, als Dahlmann auf Einladung des Kunst- und Kulturvereins Gießens Eleven sein Werk nun im Rittersaal auf dem Schiffenberg vorstellte. Um es vorwegzunehmen: Es wurde ein kurzweiliger und informativer Abend, denn Dahlmann verstand es, komische, um nicht zu sagen skurrile Erlebnisse aus seinem Reporterleben, meist im Original via Bildschirm vorgeführt, mit nachdenklichen Betrachtungen zur Rolle des Sportreporters zu verbinden und scheute sich auch nicht, Ross und Reiter zu nennen. Dass dies mitunter nur wenig mit der hohen Schule der Diplomatie zu tun hat, liegt auf der Hand, dürfte andererseits aber dem Lesevergnügen seiner Erinnerungen alles andere als abträglich sein.

Der gebürtige Gelsenkirchener, dem seitens des Veranstalters Tino Wächter als Gesprächspartner zur Seite stand, äußerte sich aber natürlich auch zu seiner Zeit in Gießen, wo er in den 1980er Jahren ein Lehramtsstudium mit den Fächern Sport, Englisch und Geographie absolviert hat. So erfuhr man von ausufernden Feiern im Studentenwohnheim im Eichendorff-ring, der Wohngemeinschaft in Rödgen, die nur durch die vorgetäuschte Liebe zu einer Katze möglich wurde oder der Zeit als DJ im Red Brick im Alten Wetzlarer Weg, laut Dahlmann seinerzeit »the place to be« im heimischen Nachtleben.

Eher befremdlich hingegen zeigte sich der Professor am hiesigen Institut für Sportwissenschaft, der Dahlmann die Hilfe bei der Umgehung der verhassten Turnprüfung in Aussicht stellte, wenn er ihm im Gegenzug zu einem Auftritt im Aktuellen Sportstudio verhelfen würde. Natürlich lehnte er ab, da er den gerade erst geschafften Einstieg in die Welt des Fernsehens nicht leichtfertig wieder aufs Spiel setzen wollte.

Ausführlich nahm der Autor auch zu den Ereignissen Stellung, die im vergangenen Jahr zu seinem Rauswurf bei Sky Deutschland geführt haben und für ihn gleichzeitig zum Anlass wurden, sein Reporterleben Revue passieren zu lassen. Zwei im Grunde harmlose und wohl im schlimmsten Fall als flapsig einzustufende Aussagen über die Attraktivität der Schauspielerin Sophia Thomalla sowie die Vorliebe der Japaner für Sushi führten in den sozialen Medien zu einem Shitstorm und waren für den TV-Anbieter der Grund, die Zusammenarbeit zu beenden.

Sexismus und mangelndes Bewusstsein für die Verantwortung des Multiplikators hieß es zu Begründung, ungeachtet der Tatsache, dass sich weder Thomalla noch in Deutschland lebende Japaner angegriffen oder diskriminiert gefühlt hatten. Da half auch die Unterstützung vieler Kollegen nicht mehr, das Tischtuch war zerschnitten.

Unterstützung seitens des Senders habe er nicht erfahren, sagt Dahlmann. Ganz im Gegensatz zu den Zeiten unter Reinhold Beckmann bei SAT.1 in den 1990ern. Beckmann habe die Reporter immer ermuntert, ihren Stil zu pflegen, eine Geschichte so erzählen, wie sie es für richtig erachten und ihn ansonsten zugesichert, sich im Fall der Fälle vor sie zu stellen. Dahlmann zeigte sich überzeugt: »Ein Reporter müsse auch einmal einen Spruch machen dürfen«, er »sollte mutig und keck sein« und überhaupt »müsse man sich nicht alles gefallen lassen.« Sein Fall stehe deshalb auch exemplarisch für die Verunsicherung in der Gesellschaft, was man noch sagen darf und was nicht. »Viele haben schon eine Schere im Kopf«, sagte er, »und die Diskussion um Winnetou oder Layla zeige, wohin das führen kann.«

Offiziell ist der Vater dreier Kinder heute übrigens »Frührentner«, was man kaum glauben mag, so vital und engagiert präsentierte er sich auf Gießens Hausberg. Er spricht offen über seine Krebserkrankungen und sensibilisiert sein Publikum für die Früherkennung. Lebensmittelpunkt ist mittlerweile Mallorca, weitere Bücher plant er nicht. Stattdessen hat er sich gerade das nötige DJ-Equipment zusammengestellt. »Aber nur für die alten Sachen«, wie er sagt.

Jörg Dahlmann: Immer geradeheraus. 318 Seiten. 19,95 Euro. Edel Sports.

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