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»Kultur sollte verbindend sein«

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Chorleiter Gregor Meyer (vorne Mitte) und sein Ensemble widmen sich musikalisch dem Thema Frieden. © Jensgerber

Gießen. Der traditionsreiche GewandhausChor Leipzig ist am Sonntag, 3. April, um 17 Uhr zu Gast in der Kirche St. Bonifatius. Unter dem Titel »Verleih uns Frieden« bestreiten die Gäste ein Benefizkonzert für die Ukraine. Die Einnahmen sollen vollständig an das Gießener Hilfswerk GAiN übergeben werden, das sich seit vielen Jahren in dem vom Krieg geschundenen Land engagiert.

Chorleiter Gregor Meyer spricht im Interview über das spezielle Gießener Programm, kulturelle Brückenschläge und eine ganz persönliche Hilfsaktion.

Herr Meyer, wie kam es zu dem Benefizkonzert?

Wir haben an diesem Wochenende einen Auftritt in Monheim bei Düsseldorf. Und da hat es gepasst, auf dem Rückweg noch ein zweites Konzert zu geben. Als sich die weltpolitische Lage nun so dramatisch entwickelt hat, haben wir kurzfristig entschieden, die Einnahmen zur Verfügung zu stellen, weil die Reise durch Monheim ja bereits finanziert ist.

Haben Sie auch das musikalische Programm geändert?

Nicht das ganze Programm. Aber wir haben kurzfristig einen Block mit Bezug zu Osteuropa eingebaut. Das Thema wird ja gerade intensiv diskutiert. Ich habe mich dabei bewusst für Musik aus der Ukraine, Belarus und Russland entschieden, um ein Zeichen gegen Ausgrenzung zu setzen. Denn die Kultur sollte immer ein verbindendes Element haben, das versuchen wir mit diesem Programm zum Ausdruck zu bringen.

Glauben Sie, dass die Musik etwas im Bewusstsein der Leute bewirken kann?

Ich würde es mir sehr wünschen. Wir haben ja gehört, dass der ukrainische Botschafter in Deutschland getwittert hat, dass er »auf russische Kultur gerade keinen Bock« hat. Es steht mir nicht zu, das zu bewerten. Aber wir sind in einer anderen Situation als die angegriffenen Ukrainer und sollten versuchen, länder- und menschenverbindend zu wirken. Da ist unser Konzert ein kleiner Beitrag. Vielleicht kann es helfen, darüber nachzudenken und eine positive, verbindende Haltung einzunehmen.

Ist es nicht gerade für Musiker schwer zu begreifen, dass Nationalitäten plötzlich so eine wichtige Rolle spielen?

Absolut. Ich habe gerade von einem Akkordeonwettbewerb in Sachsen gehört, bei dem diskutiert wurde, ob russische Teilnehmer mitmachen dürfen. Ich finde, das ist etwas ganz anderes als etwa eine Fußball-WM, bei der eine Mannschaft ein Land vertritt. Hier geht es um Einzelpersonen, die nichts dafürkönnen, dass es zu diesem Krieg gekommen ist. Ich finde es nachvollziehbar, wenn Künstler, die bislang sehr kreml- und putinnah agiert haben, um eine Positionierung gebeten werden. Aber ich kann nicht per se von jedem Menschen verlangen, der in Russland geboren wurde, dass er sich vom Weltgeschehen zurückzieht. Ich finde es grauenvoll, wenn das miteinander vermischt wird.

Wie ist das bei Ihren Sängerinnen und Sängern?

Wir haben den Chor in Richtung Ukraine geöffnet. Es ist ja ein Land mit ausgeprägter Gesangskultur. Und das beste Beispiel: Gerade kam eine geflüchtete Ukrainerin zur Chorprobe, die jetzt von einer Sängerin aus St. Petersburg betreut wird. Die beiden sitzen zusammen vor mir und der Krieg spielt da überhaupt keine Rolle. Für mich ist es das beste Zeichen, wie man diesem Thema begegnen kann.

Sie haben für den Gießener Auftritt Chormusik zum Thema Frieden ausgewählt. War die Zusammenstellung schwierig?

Das kam zunächst eher zufällig. Michael Gilles fragte nach Titeln, ich bin unsere Liste durchgegangen - und so kamen wir zum Titel »Verleih uns Frieden«. Das war im November, als die Zahnräder der Weltpolitik schon arg geknirscht haben. Stücke zum Thema gibt es aber en masse. Wir stellen ein Sammelsurium mit Werken aus verschiedenen Epochen vor. Da sind Komponisten dabei, die selbst intensive Kriegserfahrungen gemacht haben. Etwa Rudolf Mauersberger, ehemaliger Kreuzkantor in Dresden, der angesichts der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg das Dresdner Requiem geschrieben hat. Im Programm geht es auch um das Sterben, den Trost und das Ewige Leben oder den Tod im Allgemeinen.

Sie haben selbst vor wenigen Tagen Hilfsgüter an die polnisch-ukrainische Grenze und gebracht. Wie kam es dazu?

Es war eine spontane Aktion. Wenn ich ehrlich bin, war das auch ein Versuch, der eigenen Ohnmacht zu begegnen. Ich wollte dem Drama irgendetwas entgegensetzen, auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war. Wir haben dann benötigte Güter hingefahren und drei Frauen mit zwei Kindern auf dem Rückweg nach Leipzig mitgenommen. Es war berührend zu sehen, wie dort geholfen wird. Eine intensive Erfahrung. Und es war erschütternd: Wir wurden Zeuge des ersten Angriffs auf den Flugplatz von Lwiw auf der anderen Seite der Grenze.

Wollen Sie noch einmal fahren?

Als wir dort standen, dachten wir sofort, wir müssen das wieder machen. Aber jetzt ist der Kalender voll und ich muss schauen, wann sich wieder eine Lücke ergibt.

Ist der Konzertkalender also mittlerweile wieder gut gefüllt?

Es gab in der Corona-Zeit harte Phasen, die sehr herausfordernd waren. Wir sind mit dem Chor aber gut durch die Pandemie gekommen. Und jetzt ist es genau das Gegenteil zum erzwungenen Nichtstun: Man rennt von einem Termin zum Nächsten. Aber das ist ja auch ganz schön (lacht).

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