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»Lacht mal über euch selbst!«

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Das Lächeln ist dem Schuldnerberater der Caritas, Wolfgang Haasler, nicht vergangen, obwohl er sehr genau registriert, dass die Zeiten zunehmend härter werden. Foto: Hitzel © Hitzel

Nach 31 Jahren im Zentrum der sozialen Not in Gießen geht Wolfgang Haasler in den Ruhestand. Mit den Problemen wuchsen auch die Aufgaben, denen er sich bei der Caritas stellen musste.

Gießen. Wolfgang Haasler wirkt ein wenig müde an diesem Arbeitstag, einem seiner letzten nach mehr als 30 Jahren bei der Caritas. Im Gespräch aber lebt er schnell auf. Die kecken Haarstacheln und seine jungen Augen konterkarieren die Falten, die das Leben und wohl auch die Arbeit in sein Gesicht gegraben haben.

Im Juli 1991 hatte er als Sozialarbeiter begonnen und sich später auf die Allgemeine Lebens- und Sozialberatung und dabei speziell die Schuldnerberatung spezialisiert. In dem Maße, in dem die sozialen Probleme in der Stadt größer wurden, wuchsen auch die Aufgaben, denen Haasler sich stellen musste: Migrationsberatung, Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle, Betreutes Wohnen für Menschen mit psychischen Erkrankungen, das Projekt »Wegbereiter« (für Langzeitarbeitslose), das Projekt »Sozialer Zusammenhalt Eulenkopf«, die Sozialarbeit an Schulen und zuletzt dann die Auswirkungen der Corona-Pandemie - Wolfgang Haasler dürfte wie kaum ein zweiter die Nöte und Sorgen der Menschen in Gießen kennen.

In den vergangenen Jahren spielten Fragen der Finanzierung von Angeboten und Anträge auf Fördermittel eine immer größere Rolle in seiner Arbeit. Diesem Teil seiner Aufgaben dürfte er wohl kaum nachtrauern. Die Anforderungen für einzelne Projekte seien mittlerweile wesentlich kompakter und dynamischer geworden. »Fristen für Projekte werden kürzer, gleichzeitig müssen wir uns mit einer Überfülle an Auflagen auseinandersetzen, die unsere Arbeit ziemlich erschweren«, meint der scheidende Bereichsleiter.

Eine Art von Kontrollwahn

Das sei ein Geschwür, das in vielen Berufen wuchere. Auch Ärzte beklagten ja, dass sie einen immer größeren Teil ihrer Arbeitszeit fürs Protokollieren statt fürs Therapieren aufwenden müssten. »Kontrolle ist natürlich wichtig, zumal wenn Fremdmittel im Spiel sind«, sagt Haasler, »es handelt sich aber auch um eine Art Kontrollwahn«. Wäre er ein Zyniker (was er nun wirklich nicht ist), würde er vermuten, dass manche mit den Jahren immer größer gewordene Verwaltungen so auch ihre Existenzberechtigung nachwiesen. »Das ist manchmal grausam, wenn man spürt, dass es da nicht um eine notwendige Kontrolle geht, sondern dass etwas künstlich konstruiert wird, um den einen oder anderen Sachbearbeiter beim Bund oder beim Land zu beschäftigten.«

Wenn man über 30 Jahre die Finger am Puls der Menschen hat, kann man auch langfristige Entwicklungen beobachten - und gerade die machen Haasler Sorgen. Immer mehr Menschen seien mit den alltäglichsten Anforderungen überfordert. Und das seien nicht nur digital überforderte Ältere oder wenig sprachkundige Migranten, sondern immer häufiger auch junge Menschen.

Digitalisierung ist da für ihn ein gutes Beispiel. Immer mehr Behörden erwarteten, dass Anträge online gestellt werden. »Aber wenn ich unsere Klientel sehe, fehlt es da oft schon an Zugangsmöglichkeiten zum Internet. Das ist dann fast schon so grotesk, wie die realitätsfernen Sparvorschläge für Menschen, die ohnehin schon jeden Euro dreimal umdrehen müssen.«

Die vielbeschworene Krise, die im Winter auf das Land zukommen soll, sei für die Menschen am unteren Rand der Einkommenspyramide längst bittere Realität. »Wir haben hier Leute in der Beratung, die sich nur noch zwei, dreimal in der Woche eine richtige Mahlzeit leisten können.«

Erschreckend hoch sei auch die Anzahl psychisch kranker Menschen, die quer durch alle Altersgruppen im Laufe seines Berufslebens drastisch zugenommen habe. »Wir haben heute schon Wartelisten für das Betreute Wohnen von mindestens einem halben Jahr.« Das gelte nicht nur für die Caritas, sondern auch für die Großen wie Vitos, die ebenfalls keine Aufnahmekapazitäten mehr hätten.

Das Problem werde letztlich durch das ganze System weitergereicht, konstatiert der Experte. Menschen, die stationär untergebracht seien, blieben in den Kliniken, weil sie draußen keine Möglichkeit für Betreutes Wohnen finden würden, obwohl das für die Gesellschaft billiger wäre.

»Auch in der Sozialarbeit haben wir immer weniger Zeit, uns den einzelnen Menschen zu widmen«, meint Haasler nüchtern. Anfangs habe man den Menschen »Luft und Muße« gelassen, sich mit ihren Sorgen an die Caritas zu wenden. Heute sei die Schuldnerberatung fast schon das Abspulen eines Programms, mit dem man Betroffene möglichst schnell in die Entschuldung bringe. »Wir haben kaum noch Zeit, um herauszufinden, warum jemand in die Überschuldung geraten ist und wie man verhindert, dass das wieder geschieht. Unser Anspruch der Ganzheitlichkeit bleibt dabei auf der Strecke«, resümiert er kritisch.

Häufiger Grund für Überschuldung seien Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit, aber auch Selbstüberschätzung. »Man will unbedingt mithalten in der Konsumgesellschaft und nimmt dafür Kredite auf, die man nicht bezahlen kann.« Hinzu komme die immer mehr verbreitete Kartenzahlung. »Wenn ich mit ein paar Klicks etwas bestellen kann, sehe ich ja das Geld nicht.« Er kennt Menschen, die prinzipiell nur bar bezahlen, damit sie sehen, was aus dem Portemonnaie wandert.

Überschuldet im Winter

Haasler rechnet im Winter mit einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen Selbstständiger, aber auch von Privathaushalten. Die hätten bereits in der Corona-Krise ihre Rücklagen verbraucht und müssten jetzt angesichts der drastisch steigenden Energiepreise aufgeben. »Dann werden andere Dinge nicht bezahlt: Raten, Handyverträge, damit man eben sein Gas, seine Miete bezahlen kann und damit geht die Schuldenspirale los. Erst machen die Gläubiger Druck, dann ist man mit der Miete in Verzug und dann wird es existenziell gefährlich.«

Hat sich Haaslers Klientel in der Schuldnerberatung verändert? Das Problem der vielen Handyverträge der Jüngeren sei zurückgegangen, meint er. Dafür seien mehr Ältere überschuldet und Selbstständige »oder ehemals Selbstständige«.

Ist er angesichts solch düsterer Aussichten froh, von Bord gehen zu können oder bedauert er, dass er jetzt, wo die Not wächst, nicht mehr selbst mitanpacken kann? Wolfgang Haasler denkt einen Augenblick nach. »Ich würde für mich sagen, dass ich immer mehr bekommen habe als ich gegeben habe. Aber ich bin nun an einem Punkt angelangt, da ist für mich Schluss. Es reicht jetzt auch. Man wird immer mehr zu einem betriebswirtschaftlich denkenden Leitungsmenschen, statt sich um seine Mitarbeiter zu kümmern, weil der Alltag uns so auffrisst.«

Aber kann man 30 Jahre so einfach abstreifen? Haasler schüttelt den Kopf. »Ich bin schon ein Mensch, der die Tür zumachen kann. Ich war nie mit meinem Job verheiratet, was ich sehr wichtig finde. Klingt das jetzt kalt?« Letztlich sei es auch mental nicht immer der einfachste Job gewesen. »Ich habe ein Budget gehabt, das ist dermaßen angestiegen, dass mir selbst schwindlig wurde, weil ich ja die Verantwortung hatte.«

In der Regel übernimmt die Katholische Kirche 30 Prozent der laufenden Kosten bei der Caritas Gießen, 70 Prozent sind Fremdmittel. Für die Zukunft plane man angesichts der hohen Zahl an Kirchenaustritten mit einem Rückgang von Kirchensteuern. Macht Haasler diese Entwicklung Sorgen? Er nickt. Viele seien enttäuscht von dem, was über die Missbrauchsfälle in der Kirche in den vergangenen Jahren bekannt geworden sei. Die Caritas sei da noch das letzte Schild, was hochgehalten werde und was große Teile der Gesellschaft schätzten.

Themenwechsel: Was nimmt er aus vielen Jahren Migrantenberatung mit? Da habe er viel gelernt über fremde Kulturen und die Konflikte, die auftreten können, wenn diese unserer Kultur begegnen. Interessant sei, dass entgegen landläufiger Klischees häufig die Frauen die Initiative ergreifen, wenn es Probleme gebe. »Der Mann lehnt sich oft zurück und die Frau kümmert sich um Familie und Finanzen«.

Viele Kulturen seien auch von Eigenschaften und Verhaltensmustern geprägt, die ihn anfangs befremdet hätten. Zum Beispiel sei ihm zunächst die Penetranz aufgestoßen, mit der manche Familien ihre Ansprüche durchsetzen wollten, bis ihm klar geworden sei, dass das in den oft korrupten Herkunftsländern die einzige Möglichkeit gewesen sei, etwas zu erreichen. Solche Sozialisationen versuche man durch kulturelle Bildung zu überwinden: »Die Menschen müssen lernen, in welchem Land sie leben und welche Regeln und Vorgaben hier gelten.«

Die Schulen werden allein gelassen

Zehn Jahre hat sich Wolfgang Haasler auch um Schüler gekümmert. Die Tendenz sei, dass Lehrer nicht länger nur Wissensvermittler seien, sondern inzwischen auch pädagogisch gefordert würden. In den Schulen tauchten immer mehr Erziehungsfragen auf, für die diese eigentlich nicht zuständig seien. Mittlerweile gebe es auch Sozialarbeiter an vielen Schulen, aber das sei oftmals nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. »Bei 800 oder 1000 Kindern nur eine Vollzeitstelle oder gar nur Halbtagskraft an Sozialarbeit, da kann ich nur ein bisschen auffangen, aber keine Defizite beseitigen.«

Ein Grundproblem sei hier, dass Land und Bund den Schulen Vorgaben für Integration und Inklusion machten, die Schulen dann aber bei deren Umsetzung sich selbst überlassen würden.

Wolfgang Haasler hatte, wie gesagt, nie ein Problem damit, zwischen Beruf und Privatleben zu trennen. Was aber wird er jetzt machen, wenn es nichts mehr gibt, was er trennen muss und jeder Monat nur noch aus Sonntagen besteht? Er lacht: »Erstmal werde ich genießen, dass ich morgens nicht aufstehen muss. Ich werde ein wenig wandern, ich habe mir aber bewusst keine Pläne gesetzt. Ich muss erst einmal herausfinden, was der Ruhestand mit mir macht. Aber ich bin niemand, der in ein Loch fällt.«

Und dann ist da ja auch noch seine große Sammlung an Cartoon-Bänden. »Für mich ist das eine Betrachtungsweise der Welt, die aufzeigt, dass wir alle Fehler machen und trotzdem weiter nach vorne schauen.« An seine Mitarbeiter habe er immer appelliert: »Lacht mal über euch selbst.«

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