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Landschaften sollen wieder blühen

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Die Demonstranten wendeten sich unter anderem gegen das Baugebiet »In der Roos« in Rödgen, durch das eine alte Wiese verschwinden wird. © Wißner

Gießen (twi). »In der Roos soll für immer blühen!«, stand auf einem auf dem Gießener Rathausvorplatz angebrachten Transparent zu lesen. Zwei Schlepper demonstrierten derweil am Berliner Platz tatkräftig »Power to the Bauer« der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Sie hatten eine Weissagung der Cree-Indianer an die eigenen Belange angepasst:

»Erst wenn der letzte Schmetterling gefangen, das letzte Baugebiet erschlossen, die letzte Wiese versiegelt ist, werdet ihr merken, das wir Beton nicht essen können!«

Anlass der Innenstadt-Aktion war der Internationale Welt-Boden-Tag. Unter dem Motto »Alle Böden bleiben! - Lebensgrundlagen erhalten!«, fand auf dem Rathausvorplatz eine Kundgebung mit anschließendem Protestmarsch zum Sitz des Regierungspräsidiums Gießen statt. Finn Becker konnte nach den musikalischen Darbietungen von Annemi Möhring von »Mehr Impulse« rund 80 Teilnehmer begrüßen. Die machten nicht nur ihren Unmut über das Baugebiet »In der Roos« in Rödgen Luft, sondern wendeten sich auch grundsätzlich gegen immer mehr Flächenversiegelungen.

So waren auch Vertreter von Bürgerinitiativen aus der Stadt sowie aus Garbenteich, Buseck und Linden vertreten, um darauf aufmerksam zu machen, wie unverzichtbar intakte Böden für unser aller Leben sind. »Verlieren die Menschen den Boden unter den Füßen?«, fragte Beate Allmenröder von der Busecker Verkehrswende-initiative. Trotz aller Warnzeichen wie Arten- und Waldsterben, Hitzesommer, Unwetter, Überschwemmungskatastrophen werde weiter der Boden unter unseren Füßen zerstört. »Sorgen wir dafür, dass sich die Menschheit wieder erdet«, warb sie dafür, weder die Roos in Rödgen noch der Mollbornsweg in Großen-Buseck zu bebauen.

Elke Jandrasits ging als Unterstützerinnen der Parents/People for Future auf das Thema Boden und Klima ein. Wurden in den Jahren 2016 bis 2019 demnach täglich 50 Hektar für den Bau neuer Siedlungen und Verkehrswege in Anspruch genommen, so soll der Flächenverbrauch bis 2030 auf weniger als 30 Hektar pro Tag reduziert werden. »Doch das wird nicht reichen. Der Raubbau an unserer Natur darf nicht so weitergehen. Kämpft für jedes Fleckchen intakte Bodenstruktur, vernetzt und organisiert euch, protestiert, schreibt an Verantwortliche, lasst euch nicht abwimmeln und freut euch über jeden Erfolg!«

Moni Lux und Daniel Witt gingen auf einen am 19. Juli veröffentlichten Offenen Brief zur »Roos« ein und verwiesen auf bundesweit über 1000 Unterschriften von Unterstützern, darunter über 500 aus Gießen. ›In der Roos‹ ist Rödgens letzte alte Wiese innerorts. Dort leben unter anderem die nach Naturschutzrecht streng geschützten Schmetterlinge Dunkler und Heller Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Die Wiese wird extensiv, biologisch und bläulingsgerecht bewirtschaftet und gepflegt. Das artenreiche Biotop sei durch monetäre Interessen und überkommenes städtebauliches Denken massiv bedroht.

Unterschriften gesammelt

Bereits Ende 2019 sei im »Vereinfachten Verfahren für die Wiedernutzbarmachung von ehemals bebauten innerörtlich gelegenen Bereichen« ein Bebauungsplan beschlossen worden. »Somit kam die Behörde um die Umweltverträglichkeitsprüfung herum. Aber das vereinfachte Verfahren hätte nicht angewendet werden dürfen, weil ›In der Roos‹ nie bebaut war. Und mit fachgerechter Bewertung der Vorgaben hätte es so nicht zum Bebauungsplan kommen dürfen«, warf Witt den Verantwortlichen rechtswidriges Verhalten vor.

»Beschämend« sei es, dass sich keiner der Verantwortlichen aus Stadtverwaltung und Magistrat bereiterklärt hätten, die Unterschriften entgegenzunehmen. Sie wurden daher dem Grünen-Stadtverordneten Fabian Mirold-Stroh überreicht. Unter dem Protest der Teilnehmer erklärte er, dass man an dem getroffenen Beschluss festhalten werde, es solche Beschlüsse in Zukunft aber nicht mehr geben werde.

Stefanie Plüschke unterstrich in ihrem abschließenden Redebeitrag, dass Boden- und Waldschutz Klima- und vor allem auch Trinkwasserschutz seien. »Boden schützen bedeutet, den Stopp von weiterem Ressourcenverbrauch und Abholzung weltweit. Dies ist der Klimaschutz, den wir vorrangig brauchen.« Statt immer neuer Autobahnen, Gewerbegebiete, Logistikzentren und Kraftwerke brauche das Land den intakten Boten zur Speicherung von Trinkwasser und zum Binden von CO2. Dies bedeute jedoch auch die Abkehr von Bio-Treibstoffgewinnung mit Pflanzenmonokulturen sowie die Abkehr von industrieller Massentierhaltung. Und auch der Wald dürfe nicht für Straßen und die Industrie geopfert werden.

Angeführt von einem Schlepper bewegte sich anschließend der Protestzug in Richtung Regierungspräsidium, um auf den Flächenverbrauch im neuen Regionalplan aufmerksam zu machen.

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