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Lebensqualität am Lebensabend

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Von: Julian Spannagel

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Gitta Baumgartl-Weber (Einrichtungsleitung »Haus Samaria«), Erwin Kuhn und Marion Lücke-Schmidt wollen eine Lanze für Hospizarbeit brechen. Foto: Spannagel © Spannagel

Der Hospizverein gießen stellt seine Arbeit im Seniorenbeirat vor und wirbt weiter für ehrenamtliche Mitarbeiter. »Gäste« sollen sich im Hospiz wie »Haus Samaria« so wohl wie möglich fühlen

Gießen ((red). Für Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr lange zu leben haben, ist es eine Option, in ein Hospiz zu gehen. Auch in Gießen gibt es diese Möglichkeit. Erwin Kuhn, Vorsitzender des Hospiz-Vereins Gießen und Marion Lücke-Schmidt, Koordinatorin und ebenfalls Vereinsmitglied, stellten ihre Arbeit dem Seniorenbeirat vor.

»Sterbende nicht alleinlassen. Zuhören, reden, sich deren Anliegen annehmen«, so erklärt Erwin Kuhn das Wesen der Hospizarbeit. Sie solle den »Lebensabend nicht künstlich verlängern.« Vielmehr stehe Lebensqualität im Vordergrund. Um diese zu gewährleisten, bietet der Verein Aus- und Weiterbildungen für ehrenamtliche Helfer an. In diesen lernen die Helfer, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Betroffenen, wie etwa Trauer oder Abschied zu nehmen, einzugehen. Etwa in Form eines »Letzte Hilfe«-Kurses, der Begleitung beim Tod vermitteln soll. Meistens sind es Frauen, die sich qualifizieren lassen., aber: »Es kommend zunehmend mehr Männer zu uns«,freut sich Kuhn. Beruflich finde sich unter den Qualifizierten »alles, was sich in unserer Gesellschaft bewegt«. Das Alter spielt ebenfalls keine Rolle. Die jüngste Person erfülle das Mindestalter von 18 Jahren, während eine weitere kürzlich 90 geworden sei.

Des Weiteren gehe es bei der Hospizarbeit auch darum, Zu- und Angehörige zu entlasten. Kuhn erklärte zudem, dass sich verändert habe, was mit Sterben in unserer Gesellschaft einhergehe. So müssten sich Hinterbliebene beispielsweise mit PIN-Nummern oder Passwörtern von Accounts der Verstorbenen auseinandersetzen. Der Gießer Verein besteht seit 25 Jahren, zählt mittlerweile über 300 Mitglieder, von denen 100 gelernt haben, wie Hospizarbeit funktioniert. Möglich ist all dies unter anderem durch eine im Sozialgesetzbuch festgeschriebene Finanzierung durch Krankenkassen.

Der Verein könne jedoch »überhaupt keine Vollfinanzierung akquirieren«, so Kuhn. Um nicht ökonomischen Zwängen zu unterliegen und zudem den ideellen Kern der Tätigkeit zu bewahren, werden die übrigen Ausgaben durch Spenden gedeckelt. Hospizarbeit in Anspruch zu nehmen selbst ist kostenfrei.

Marion Lücke-Schmidt stellte das »Haus Samaria« vor und wollte »eine Lanze brechen« für die Hospizarbeit. Oft höre sie etwa: »Willst du nicht was Schönes machen?« Es sei jedoch so, dass die Menschen, die dort arbeiten, mehr zurückbekämen, als sie geben. »Es wird auch herzlich gelacht bei uns«, so die Koordinatorin. Zehn Betten gibt es in dem Gebäude unmittelbar beim Evangelischen Krankenhaus, noch einmal ebenso viele an Standorten in Wetzlar und Marburg. Gut 80 Prozent der Menschen, die die letzte Zeit ihres Lebens hier verbringen, leiden an Krebs oder Tumorerkrankungen. Viele hätten ihre Chemotherapie abgebrochen und kommen von sich aus oder nach ärztlicher Weisung in das Hospiz. Eine Bindung an die Stadt gibt es nicht, Sterbende und Schwerstkranke kommen auch von außerhalb. Einmal sei sogar jemand aus Frankreich hierhergekommen, um nah bei den Kindern zu sein.

Voraussetzung für eine Aufnahme ist die Prognose, unausweichlich in »Tagen, Wochen oder Monaten« zu sterben. Das Mindestalter liegt zudem bei 18 Jahren, jüngere Menschen könnten nach Wiesbaden ausweichen. Lücke-Schmidt nennt die Menschen, die ins »Haus Samaria« kommen, »Gäste«. Auf Nachfrage aus dem Beirat erklärt sie, dass wir alle auf dieser Welt zu Gast sind. »Patient« habe außerdem einen »klinischen Touch«. Im Hospiz gehe es jedoch nicht mehr um heilen. Möglichst wohl sollen sich die Gäste zudem fühlen. Dafür ist mit verschiedenstem Personal gesorgt. Hauswirtschafter kochen täglich frisch, es gibt Ergo- und Physiotherapie. Wer wolle, könne zudem spirituelle Begleitung durch eine Seelsorgerin in Anspruch nehmen. Und dann sind da natürlich Fachkräfte und Ehrenamtliche.

Hinter der Arbeit im »Haus Samaria« steht ein Menschenbild, welches nicht »dogmatisch« sei, erklärt die Lücke-Schmidt. »Wir akzeptieren den Menschen als ganzheitliches Wesen«, erklärt sie. Auch sie vertritt die Idee eines Lebensabends mit Fokus auf dessen Qualität. Beschwerden sollen so gering wie möglich gehalten werden. Sollten sie noch länger als erwartet leben, sei zudem eine Verlängerung des Aufenthalts möglich. Auch im »Haus Samaria« ist man teilweise auf Spendengelder angewiesen. Rund 85 000 Euro, etwa fünf Prozent des Budgets, kommen auf diesem Wege zusammen. Den Rest tragen Kranken- und Pflegekassen.

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