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Corinna Ewelt-Knauer möchte Studentinnen ermutigen zu promovieren.

Lehre als »Herzstück der Universität«

Gießen (fley). Seit sechs Jahren ist sie an der Justus-Liebig-Universität (JLU) und wurde vor wenigen Tagen als erste Frau überhaupt zur Dekanin des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft gewählt: Corinna Ewelt-Knauer ist keine klassische Dozentin, mehr eine Mentorin. »Ich habe ein extremes Herz für Studierende. Ich finde, die Lehre ist das Herzstück der Universität«, sagt die 38-Jährige.

Sie möchte ihren Fachbereich künftig moderner gestalten und hat dazu ab dem 1. April 2022 offiziell die Möglichkeit.

Den Fokus hat Ewelt-Knauer bereits klar gesetzt. »Wir müssen die digitalen Erfahrungen aus der Coronazeit in eine Welt nach Corona bringen. Eine Präsenzveranstaltung als Frontalvorlesung über Buchführung mit 550 Studierenden im Hörsaal und ich stehe vorne und erzähle von Soll an Haben - das wird es bei mir nicht mehr geben«, betont die Diplom-Kauffrau. Das könne einfach nicht die Lehre der Zukunft sein, zumal Corona die Digitalisierungsprozesse massiv beschleunigt habe. »Wir dürfen nicht in alte Muster fallen. Ich vermisse die Studierenden sehr, aber wir müssen das Moderne mitnehmen. Es steht künftig noch stärker im Fokus, wie wir das hybride Modell für alle gewinnbringend gestalten«, mahnt Ewelt-Knauer. Das Studium müsse digitaler werden, da viele Studierende nebenbei berufstätig seien, um ihr Studium zu finanzieren. »Es ergibt keinen Sinn, dass ich jemanden für Frontallehre in den Hörsaal zwinge. Asynchron funktioniert das besser und wenn man sich trifft, dann setze ich mehr auf Interaktion«, erläutert die Professorin.

Gerechte Chancen für Studierende

Künftig, das unterstreicht Ewelt-Knauer, müsse sich der Fachbereich noch fortschrittlicher aufstellen und den Geist der maximalen Modernität vermitteln, um der studentischen Realität gerecht zu werden. »Alle Studierenden müssen dieselben Rahmenbedingungen haben. Das hat auch etwas mit Chancengerechtigkeit zu tun, gerade denjenigen gegenüber, die noch 20 Stunden die Woche arbeiten«.

Sie selbst erinnert sich noch an ihr eigenes Studium in den 2000er-Jahren. »Als ich studiert habe, hat man im Hörsaal noch ganz viel darüber gesprochen, wieviel Geld wir verdienen können. Das war die klassische Wirtschaftstheorie: Wie verdiene ich schnell viel Geld.« Das habe sich inzwischen gewandelt, vor allem, da sich das gesellschaftliche Klima verändert habe. Heute seien Unternehmen nicht länger Sprungbrett für finanzielle Unabhängigkeit, sondern fungierten als Teil der Gesellschaft. Das nennt Ewelt-Knauer »License to operate«, also die »Lizenz zum Tätig sein«. Wenn die Professorin an heutige Studierende denkt, blickt sie auf eine Generation, die mehr auf »Fridays for Future« schaue, statt auf die Frage, wie Einkommen am besten maximiert werden können.

Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften sei ganz klassisch in Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre unterteilt gewesen, bis in den vergangenen Jahren neue Akzentbereiche gesetzt wurden. »Das eine ist ›Responsible Leadership and Governance‹, da wo es um Nachhaltigkeit geht. Das zweite ist ›Data Driven Economy‹. Da geht es um die Frage, was du mit den Daten tust, die du als Unternehmen sammelst«, sagt Ewelt-Knauer. Diese Daten würden zwar auf der einen Seite helfen, unternehmerische Entscheidungen zu treffen. Auf der anderen Seite jedoch müsse sich das Unternehmen die Frage stellen, was es mit den Daten machen dürfe. Das, so die Dozentin, müsse künftig kritisch diskutiert werden. »Wir haben uns das Leitbild ›Verantwortungsvoll, Digital und International‹ gegeben. Das finde ich gut. Damit haben wir uns inhaltlich extrem zukunftsgewandt und extrem modern aufgestellt«. Sie sieht den Fachbereich gut gerüstet für die kommenden Jahre, möchte während ihrer Amtszeit den Fokus vermehrt auf diese Themen richten.

Mit Gleichstellung beschäftigt

Wie kam es dazu, dass sich die 38-Jährige dafür entschieden hat, Dekanin werden zu wollen? »Das war so ein bisschen wie ein Prozess«, erzählt Ewelt-Knauer lachend. Sie habe die Universität schon immer spannend gefunden, vor allem als Einrichtung mit vielen klugen Köpfen. »Als ich damals im Senat war, habe ich auch die Universität als Verwaltungskomplex entdeckt und hatte Freude daran. Es hat sich einfach ergeben. Ich bin mit Herzblut am Fachbereich und ich habe Lust auf die Aufgaben«.

Einen weiteren Aspekt verfolgt Ewelt-Knauer beharrlich weiter: Die Frauenförderung am Fachbereich »Wir haben uns im Senat mit Gleichstellung beschäftigt und uns gefragt, wie viele Frauen wir auf den einzelnen Stufen der Universität haben, nach Fachbereichen aufgegliedert«. Es stellte sich heraus, dass rund 50 Prozent der Studierenden am Fachbereich weiblich sind. Wenn es jedoch darum geht, zu promovieren, dann sinkt die Anzahl der weiblichen Promovierenden auf nur noch rund 30 bis 35 Prozent. »Wir haben uns gefragt: Warum ist das so? Ich habe dann sehr gute Studentinnen angesprochen und die Antwort war: ›Ach, das traue ich mir nicht zu.‹ Das hat mich persönlich erschrocken«, erzählt Ewelt-Knauer. Mit dem Frauenförderprogramm sollen Studentinnen ermuntert werden, Chancen, die sie sich selbst erarbeitet haben, zu ergreifen. Das ist eine weitere Säule, die die Professorin in ihrer künftigen Tätigkeit als Dekanin vertiefen will. Das Kernziel bleibt dabei klar formuliert: Den Fachbereich noch moderner zu gestalten.

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