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Lehren, wenn andere fernsehen

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Will mehr Menschen für die Abendschule begeistern: die neue Leiterin Susanne Hansen. © Zielinski

Susanne Hansen ist neue Leiterin der Gießener Abendschule. Die Arbeit dort komme ihrem Biorhythmus entgegen«. Wir stellen die Pädagogin vor.

Gießen. »Es bereitet mir Freude mit Menschen zu arbeiten, die es nicht immer leicht im Leben hatten. Sie auf ihrem Weg zu einem Schulabschluss zu begleiten ist nicht nur eine schöne Aufgabe, sondern auch ein wesentlicher Beitrag zur Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe«, sagt Susanne Hansen. Seit 1. Februar ist die 51-Jährige neue Leiterin der Abendschule in Gießen.

Nach ihrem Abitur in Hamburg studierte Susanne Hansen in Braunschweig Deutsch, Physik und Philosophie auf Lehramt. Es folgte ein Referendariat in Ulm. Durch ihren damaligen Mann kam sie 2002 nach Hessen. Zunächst als Krankheitsvertretung in der Liebigschule Gießen tätig, bekam sie 2003 eine feste Anstellung und unterrichtete neben Deutsch, Physik und Philosophie auch Ethik. »Damals gab es dort noch einen Realschulzweig«, erinnert sie sich. Während ihrer Zeit an der Lio hat die Pädagogin alle Klassenstufen unterrichtet. »In den letzten Jahren war immer ein Abikurs dabei.«

2016 bekam Susanne Hansen eine halbe Stelle an der Justus-Liebig-Universität. Im Fachbereich Sprachwissenschaften leitete sie Seminare und begleitete Praktika. »Hier konnte ich meine eigene Unterrichtserfahrung reflektieren und mit den Studierenden teilen«, erzählt sie. Die andere halbe Stelle behielt sie an der Lio. »Die Arbeit in der Erwachsenenbildung hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mich um die Stelle der Studienleiterin an der Abendschule beworben habe«, berichtet Susanne Hansen. Im Dezember 2018 trat sie hier nicht nur ihre neue Stelle an, sondern beendete gleichzeitig das Wintersemester an der JLU und begleitete ihren Deutsch-Grundkurs an der Lio im Sommer 2019 zum Abitur.

Unterichtsbeginn 16.45 Uhr

Auch das abendliche Unterrichten habe sie gereizt. »Das kommt meinem Biorhythmus sehr entgegen«, erklärt sie lachend. Die erste Schulstunde beginnt in der Abendschule um 16.45 Uhr, die letzte endet um 21.40 Uhr. Voraussetzung für eine Aufnahme an die Schule ist Volljährigkeit sowie der Nachweis eines Berufs. Dieser könne allerdings auch durch Haushaltstätigkeit ersetzt werden. Aber auch Arbeitslose oder Menschen mit chronischen Erkrankungen könnten auf Antrag aufgenommen werden.

»Ich finde es schön, dass Menschen bei uns sowohl ihren Hauptschul- und ihren Realschulabschluss als auch ihr Abitur machen können«, unterstreicht sie. Um aufgenommen zu werden, müssen die angehenden Haupt- oder Realschulabsolventen einen Aufnahmetest in Deutsch bestehen, die zukünftigen Gymnasiasten werden in Deutsch, Mathe und Englisch getestet. Zwei dieser Tests müssen bestanden werden. Die Ferienzeiten entsprechen der Tagesschule. Auch der Lehrplan ähnelt den Tagesschulen, allerdings werden weniger Fächer unterrichtet. »Bei uns gibt es neben den Hauptfächern Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch, Naturwissenschaften, Powi und Geschichte«, erklärt Susanne Hansen. Für Haupt- und Realschüler gäbe es spezielle Abschlussprüfungen, die vom Kultusministerium vorgegeben seien, während die Gymnasiasten das gleiche Abitur wie an Tagesschulen schreiben würden.

Um zum Abitur zu gelangen, sind an der Abendschule drei Jahre nötig. Wer keinen Realschulabschluss, sondern nur einen Hauptschulabschluss und eine Berufsausbildung vorweisen kann, besucht zunächst einen halbjährigen Vorkurs. Ein Hauptschulabschluss erfordert ein Jahr Zeit, ein Realschulabschluss zwei Jahre. »Wir hatten eine Schülerin, die alle drei Abschlüsse bei uns gemacht hat und heute mit Mitte Vierzig studiert«, freut sich Susanne Hansen.

Einen Schulabschluss - vor allem das Abitur - nachzuholen ist kein Spaziergang. Zwischen 23 bis 26 Stunden verbringen die Studierenden an fünf Tagen der Woche in der Abendschule. Für viele mit Beruf oder Haushalt und Kindern eine Doppelbelastung. Aus diesem Grund brechen etwa ein Drittel der Studierenden ab. Die Gründe, die Abendschule zu besuchen, sind unterschiedlich: Schlechte Erfahrungen an der Tagesschule, früh Mutter geworden oder chronisch erkrankt, sind einige Beispiele. Mit etwa 50 Prozent machen Geflüchtete einen Hauptteil der Studierenden aus. »Der Altersdurchschnitt der Studierenden liegt bei Mitte Zwanzig, bei Gymnasiasten etwas höher«, weiß sie. »Gerade Literatur wird von Erwachsenen ganz anders reflektiert«, erklärt die Pädagogin. So hätten beispielsweise Geflüchtete einen völlig anderen Blickwinkel auf Werke von Kafka oder Borchert. »Sie haben erfahren, was es heißt, seinen ganzen Besitz in nur einem Koffer zu haben.« Schwieriger sei das Vermitteln von Naturwissenschaften. »Wer hier lange raus ist, findet schwerer wieder rein.« Hier würden von der Schule Fördermöglichkeiten angeboten.

1955 gegründet, befindet sich die Abendschule seit sieben Jahren in Räumlichkeiten der Gesamtschule Gießen-Ost. Neben Susanne Hansen sind 20 weitere Lehrer - Stammlehrkräfte, TVH-Kräfte oder abgeordnete Lehrkräfte - hier tätig. »Es macht den Reiz einer kleinen Schule aus, dass man als Leiterin nicht nur verwaltende Tätigkeiten hat, sondern selbst auch noch unterrichten kann«, betont sie. Elf Stunden pro Woche steht die Mutter von drei Kindern noch vor den bis zu 20 Studierenden in einer Klasse. Aktuell besuchen 240 Studierende die Gießener Abendschule.

Großes Einzugsgebiet

»Unser Ziel ist es, noch mehr Menschen für die Abendschule zu begeistern«, sagt die Susanne Hansen. Durch die Pandemie hätten viele sich nicht getraut, etwas Neues zu beginnen.. Aktuell hätten 25 Schüler einen Vorkurs Gymnasium begonnen. »Das sind deutlich mehr als im Jahr zuvor.« Die Schule sei gut ausgestattet und verfüge auch über IServ und eine Mediothek. Das Einzugsgebiet der Gießener Abendschule, die eng mit den Abendschulen in Wetzlar und Marburg zusammenarbeitet, reicht bis nach Dillenburg, Friedberg und in den Vogelsberg hinein.

Nach den Osterferien werden nach Auskunft von Susanne Hansen die nächsten Schüler für alle drei Schulzweige aufgenommen.

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