1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Lehrreich trotz Fehlschlägen

Erstellt:

gihoch_1203_THM_Raketenj_4c
Die Gruppe der THM-Studierenden muss bis nach Bremen reisen, um dort das Experiment mit den beiden Raketen durchzuführen. © privat

Sieben Studierende der THM hatten nur wenige Monate Zeit, um ihr Raketen-Experiment vorzubereiten. Als es dann endlich soweit war, ging fast alles schief, was nur schiefgehen konnte.

Gießen . »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit«. Dieses Zitat von Neil Armstrong während der Mondlandung 1969 im Rahmen der Apollo-11-Mission ist vielen Menschen auf der Welt bekannt. Der Weg bis zur erfolgreichen Mondlandung war steinig und von Rückschlägen geprägt. Die zuständige Behörde NASA brauchte rund ein Jahrzehnt, bis die Landung final möglich gemacht wurde. Den sieben Studierenden der Technischen Hochschule Mittelhessen stand keine Dekade Zeit zu Verfügung, sondern nur wenige Monate.

Pionierarbeit mit Hindernissen

»Wir haben wochenlang daran gearbeitet und als wir dann alle Systeme zusammengefügt hatten, ging die Arbeit richtig los. Die letzten drei Tage vor dem Start waren richtig stressig«, schilderte Yannik Langewitz. Er und seine sechs Mitstreiter studieren Physik und Technologie für Raumfahrtanwendungen und hatten bereits vor einigen Monaten erstmals dieser Zeitung von ihren Plänen berichtet. Den Winter über wurde fleißig getüftelt, programmiert und geplant. Pionierarbeit für die Studierenden, die im Rahmen ihres Studiums eine Rakete zu Messzwecken starten lassen sollten. Zwar nicht bis in die Stratosphäre, aber doch immerhin hoch genug, um ausreichend Messdaten zu sammeln.

Bordcomputer stürzt ab

Als dann der Start näher rückte, wurden die Nachwuchsingenieure immer nervöser, wie sie selbst erzählen. »Wir konnten nicht in Gießen starten, weil alle Gebiete, die wir angepeilt hatten, Vogelschutzgebiete waren. Wir mussten bis nach Bremen ausweichen«, schilderte die Gruppe. »Wir haben die Fahrt über die Bedingungen für den Start diskutiert und uns bis zum Ende Gedanken gemacht.« Alle Gedanken und Ideen der sieben Tüftler seien die letzten Monate in die Rakete investiert worden. Schlussendlich entschied sich die Gruppe, zwei Raketen fliegen zu lassen. Das erwies sich später als weise Entscheidung. »Bei der ersten Rakete hat sich der Bordcomputer aufgehangen. Sie ist zwar hochgegangen, hat dann aber einen schönen ballistischen Flug hingelegt. Kein Fallschirm ging auf und die Rakete, bestückt mit acht Treibsätzen, war danach natürlich hinüber«, erzählte Morris Vath. »Ich hatte den Flight Computer angeschaltet. Die Piepfrequenz des Systems wurde immer leiser und ich schaute den Flug der Rakete an und realisiere gar nicht, was gerade los ist«, schilderte Yannic Ewert seine müdigkeitsbedingten Erlebnisse.

Den Rückschlag verkrafteten die angehenden Ingenieure schnell. Bei der zweiten Rakete dann ein neues Problem. »Bei der zweiten Rakete hat dann das Fallschirmsystem auf der Startrampe ausgelöst. Das war aber ein Fehler in der Sensorik, den wir umprogrammieren konnten«, so Yaris Winter. Die vollkommen übermüdete und hungrige Gruppe tüftelte und analysierte jedoch solange die Sachlage, bis der Fehler gefunden war. »Wir dachten, dass das ganze Projekt vielleicht eine Stunde dauert, aber wir waren dann acht Stunden vor Ort«, so Vath lachend.

Die zweite Rakete startete und es kam, was kommen musste. »Die Rakete flog rund 250 Meter hoch und plötzlich fiel alles auseinander. Bei der maximalen Geschwindigkeit war die Belastung zu hoch und die Rakete fiel einfach auseinander«, so Winter. Rückschläge, die auch die amerikanische und sowjetische Raketenforschung in den ersten Jahren machen musste.

Landung im Moor

Was ist aber mit den Daten, die die Crew sammeln sollte? »Ja, das mit den Daten ist auch noch eine Sache. Wir hätten die Daten eigentlich in Echtzeit bekommen sollen, haben aber die Transponder ausgeschaltet, damit es keine Interferenzen gibt«, erzählte Langewitz. Die Folge: Da die Rakete zerstört wurde, flog der Bordcomputer mit den Daten in ein nahegelegenes Moor. »Das war echt Murphys Gesetz. Alles, was schiefgehen konnte, ist schiefgegangen«, sagte Adrian Brandmeier. Also zog die Gruppe die mitgebrachten Gummistiefel an und watete durchs Moor, auf der Suche nach dem Bordcomputer. Der hatte den Absturz tatsächlich überlebt und funktionierte größtenteils. »Die ganzen Probleme waren bei den Tests nie aufgetreten, aber dann bei den beiden Raketen«, ergänzte Winter.

Der ganze Aufwand sollte sich aber für die sieben Jungforscher dennoch auszahlen. »Wir haben die Flugdaten, die beiden Starts haben funktioniert und somit war nicht alles umsonst«, sagte Langewitz. Die vollständige Integration aller Komponente der Rakete sei viel Arbeit gewesen und die Gruppe ist sich einig, dass eine dritte Rakete im Endeffekt eine kluge Wahl gewesen wäre. Die Reaktion des Dozenten der siebenköpfigen Crew fasste nach Ansicht der Studierenden gut zusammen, was sie selbst in Erfahrung bringen mussten. »Willkommen im Leben eines Ingenieurs, sagte unser Dozent zu uns«, so Simon Spier lachend. »Ihm war es wichtig, dass viel daraus gelernt wurde. Bei künftigen Projekten werden wir versuchen, mit allen Unwägbarkeiten zu rechnen.« Damit den Nachwuchswissenschaftlern eines Tages womöglich das gelingt, was der NASA seit rund 60 Jahren praktiziert - Raketen ins Weltall fliegen zu lassen.

Auch interessant