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Lernen, mit Stolpersteinen umzugehen

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Depressionen thematisieren und in die Öffentlichkeit holen: Autorin Heide Fuhljahn bei ihrer Lesung in der Kapelle der Gießener Vitos-Klinik. © Czernek

»Von Wahn und Sinn« - Heide Fuhljahn stellte ihre Bücher zu Depressionen in der Kapelle der Vitos-Klinik in Gießen vor. Sie betonte: »Das Stigma psychischer Erkrankungen muss kleiner werden«.

Gießen. Volkskrankheit Depressionen - mehr als sechs Millionen Deutsche leiden an dieser Krankheit. Der Suizid des Torwarts Robert Enke hat in der Nachschau viel dazu beigetragen, dass sich der Umgang mit dieser Krankheit langsam verändert.

Doch was bedeutet dieses Krankheitsbild für einen Betroffenen? Dies hat die Journalistin und Autorin Heide Fuhljahn in zwei Büchern versucht niederzuschreiben und für Außenstehende etwas mehr begreifbar zu machen. Auf Einladung des Bündnisses gegen Depression in Gießen kam sie am Donnerstagnachmittag zu einer Lesung in die Kapelle der Vitos Klinik.

Sie weiß, wovon sie spricht und schreibt. Sie lebt seit vielen Jahren mit dieser Erkrankung, hatte etliche Therapien und Krankenhausaufenthalte hinter sich. Heute spricht sie offen darüber und sagt von sich: »Ich bin heute nicht mehr depressiv. Ich bin aber noch nicht gesund.« Doch wie definiert man »gesund« eigentlich?« Ihre Botschaft lautet: Depressionen sind therapierbar, allerdings dauert es sehr lange bis man die richtige Therapie für sich gefunden hat. »Es ist leider nicht so wie bei einer körperlichen Verletzung. Da sieht man, der Person muss geholfen werden und wenn man dieses oder jenes Medikament anwendet, dann wird er wieder gesund«.

Allerdings gehe eine seelische Erkrankung immer mit auch mit einer körperlichen einher. Bei ihr sei es das Übergewicht, mit dem sie zu kämpfen habe.

Die Gründe für das Schreiben ihrer beiden Bücher sind pragmatischer Natur: Ihr fiel auf, dass dass es unendlich viele Fachbücher zu und über Depressionen gibt, aber nur sehr wenige, die das Thema allgemeinverständlich aufarbeiten. Das war der Anstoß für ihr 2013 erschienenes Buch »Kalt erwischt«, in dem sie sehr gelungen den Leser in die Gedankenwelt einer depressiven Person mit hineinnimmt. Das Buch ist durch die Aufarbeitung der Thematik genauso aktuell wie zu seinem Erscheinungstermin vor neun Jahren. Schrittweise erläutert Fuhljahn die verschiedenen Stufen ihrer Krankheit, wie sich die verschiedensten Therapieansätze sich für sie anfühlten und was ihr letztlich geholfen hat. »Ihr helft mir heute sehr, in dem ihr heute da seid«, sagte sie zu dem Publikum. Zu spüren, dass man nicht allein ist, das allein helfe ihr schon gegen Depressionen.

Daher sei die Corona-Zeit mit allen ihren Einschränkungen besonders schwierig für sie und für alle Menschen mit einer solchen Beeinträchtigung gewesen.

»Das Stigma dieser und aller psychischen Erkrankungen muss kleiner werden«, unterstreicht sie. Aufgrund der immer noch in den Köpfen herumspuckenden Vorstellung von psychiatrischen Krankenhäusern, habe auch sie sich lange Zeit dagegen gewehrt, sich stationär behandeln zu lassen. Nach einem totalen Zusammenbruch war aber nichts anders mehr möglich.

Ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Therapieformen bilden die Grundlage zu ihrem zweiten Buch »Von WAHN und SINN - Behandler, Patienten und die Psychotherapie ihres Lebens«. In dem Buch erzählen Psychotherapeuten und Patienten ihre bewegendsten Therapiesitzungen. Ergänzt werden diese persönlichen Schilderungen durch fachliche Erklärungen der jeweiligen psychischen Erkrankungen und deren verschiedenen Therapieformen.

»Es hat ewig gedauert, bis ich meine richtige Therapie gefunden hatte. Heute weiß ich mit den Stolpersteinen umzugehen«. Doch was ihr geholfen hat, das muss automatisch nicht das Richtige für jemand anderen sein. »Plattitüden wie «Das wird schon wieder«, oder »Nun reiß dich mal zusammen« helfen jedenfalls gar nichts«, betonte sie und wünschte allen, dass sie den für sich passenden Lösungsansatz finden.

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