1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Lernen, reden und vergessen

Erstellt:

gikult_volpe3504_281122_4c
Entspannte Atmosphäre beim Damespiel. Foto: Volpe © Volpe

Gießen. In einem gemütlichen Raum der evangelischen Studierendengemeinde, die Treppe runter links, hängt eine große Ukraineflagge. Angestrahlt von bunten Lichterketten, direkt im Blickfeld, lässt sie sofort erkennen: Hier treffen sich Menschen die den Krieg erlebt haben - oder ihn nicht erleben wollen, die ihrem Heimatland Ukraine vor Kurzem oder schon vor Monaten den Rücken kehrten.

Ein wenig wie ein Jugendzentrum wirkt dieser Ort, das Sprachcafé »genau«, ohne wirklich eins zu sein, denn hierher können nun junge wie alte Menschen einmal pro Woche kommen, um die Deutsche Sprache zu lernen, um Unterstützung zu erhalten oder einfach nur, um zu reden; und reden wollen viele.

Mit dem orangenen Sofa, der Bar und cooler Musik, Softgetränken und Knabbereien lässt sich die Sprache auf entspanntere Art erlernen. Fast eine kleine, eigene Welt; ein Zufluchtsort vor dem Alltag - und den schrecklichen Nachrichten. Nach der Ankunft in Deutschland ist dieses Angebot für viele Ukrainer und Ukrainerinnen eine Möglichkeit, anzukommen in einem neuen, fremden Land. »Der Krieg verändert das Gefühl füreinander«, erzählt Arri und hält die Hand seiner Frau Kateryna, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen. Die beiden kamen zu Beginn des Krieges nach Gießen. »Es ist schwer zu glauben, dass so etwas im 21. Jahrhundert passieren kann«, stumm blickt der Familienvater auf die Tischplatte vor ihm.

Heute wird Dame gespielt. In geselliger Runde, zu acht gegen den viermaligen Weltmeister Artjom Solotar, ohne den Beigeschmack eines ernsten Wettkampfes. Denn darum geht es nicht im Sprachcafé. »Wir wollen eine Begegnungsstätte schaffen«, erzählt Organisator Eugen Safronov in einer ruhigen Minute. Auch er fühlte sich damals allein, die neue Situation war überfordernd, als er nach Deutschland kam. »Das soll den anderen nicht passieren. Das ist mein großer Wunsch«, bekundet er. Dann fügt er noch hinzu: »Natürlich ist es auch mein Wunsch, dass das Sprachcafé für Ukrainer irgendwann einmal in anderen Städten angeboten werden kann«.

Kurz nach seiner Ankunft wandte er sich an Ruben Biewald, den er im Sozialamt kennenlernte. Die beiden verstanden und mochten sich sofort. Durch seine Ukrainisch-Kenntnisse kann Biewald Menschen helfen, die in Deutschland ratlos vor einem Berg bürokratischer Herausforderungen stehen. Jetzt mache es ihn stolz, dass das Angebot so gut genutzt werde.

Der studierte Slavist wollte Anfang 2022 eigentlich in die Ukraine gehen, doch dann kam der Krieg. Also entschied er sich dazu, Ukrainern die deutsche Sprache näherzubringen. Lehrer auf die klassische Art wolle er aber nicht sein, sondern ein Ansprechpartner, ein Freund. Na gut, Lehrer vielleicht auch. Er lacht. »Wir sind Ruben und der evangelischen Studierendengemeinde so dankbar«, bekundet Eugen. Biewald wird rot, das Kompliment schmeichelt ihm.

Nachdem die Damepartien mit freundlichen Handschlägen beendet werden, spricht Ruben in einem Vortrag über deutsche Kultur. Bei der Vorbereitung packen alle mit an. Selbstverständlich, denn in der Ukraine helfe man sich, wo man kann, erklärt Eugen. Alles geht schnell, Ruben kann starten und schmeißt über den Laptop anschauliche Bilder an die Wand. In der Präsentation spricht er davon, was ein Adventskalender ist und warum man hier zu Kaffee und Kuchen einlädt. Gespannt hört die versammelte Gesellschaft zu; und beginnt bald selbst zu erzählen. So viele Termine gäbe es in Deutschland zu beachten, das seien sie nicht gewohnt. Ja, und natürlich die gespielte Freundlichkeit von Supermarktkassierern, obwohl sie doch, so ein Kommentar, immer schlechte Laune haben. Jemand in der Menge lacht und ruft: »Hier müssen wir so viele Briefe empfangen.« Ein Seufzen geht durch die Gruppe, denn in der Ukraine sei inzwischen alles digitalisiert. Eine junge Frau hält ihren elektronischen Ausweis in die Höhe: »Gar keine Briefe, nix. Hier schon.«

Dame spielen und Vorträge halten, Tanzen lernen und vielleicht auch einmal eine professionelle Malerin in das Sprachcafé einladen. Verbindung zueinander schaffen und für einen Augenblick, mag er auch nur kurz sein, alles vergessen. Genau das wolle Eugen erreichen - und in diesem Moment hat er es geschafft.

gikult_volpeG_05351_2811_4c
Ruben Biewald (links) beim Vortrag über Kultur und Leben in Deutschland. Foto: Volpe © Volpe

Auch interessant