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Lesen, leiden, jauchzen

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Japan ist ein Land, das schwer zu entschlüsseln ist. Hier der traditionelle Hanazono-Schrein in Tokio. © dpa

Wenn von japanischer Literatur die Rede ist, dann denkt man im deutschen Sprachraum zunächst an Haruki Murakami, den viele als Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis sehen. Manchmal auch an Kenzaburo Oe, der den Literatur-Nobelpreis 1994 erhielt. Vielleicht auch an Kazuro Ishiguros »Alles was wir geben mussten«, vielleicht an Banana Yoshimoto. Doch es gibt eine Vielzahl weiterer Autoren und Autorinnen aus Fernost, die die Lese(r)welt erobern.

Die japanische Gegenwartsliteratur ist, so der Eindruck, eine gegenwärtigere Literatur als die deutsche, die, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (und da kommt man schon ins Grübeln), derzeit kaum etwas von universeller Bedeutung hervorbringt.

Nun ist es andererseits aber auch so, dass die japanische Literatur in ihren Höhen derart in die Tiefe geht, dass es oft schwerfällt, ihr zu folgen. Japanische Literatur, auch beim populären Murakami ist das so, ist mit dem europäischen Blick nicht immer zu ergründen. Oft ist nicht zu fassen, was da erzählt wird, denn das Pendel schlägt, selbst in zunächst konventionell angelegten Plots, heftig aus - in surrealistische Sequenzen, Traumbilder, das, was man wohl magischen Realismus nennt. Das ist, wie bei Murakami, oft fantastisch. In doppeltem Wortsinn.

Manchmal aber auch vermag man nicht zu folgen, mit seinem Rucksack voll europäischer oder nordamerikanischer Leseerfahrung, die uns den Zugang zur südamerikanischen, afrikanischen, aber eben auch asiatischen Literatur erschwert. Hiromi Itos »Dornauszieher« ist so ein Roman, den man sich erkämpfen muss.

Der Dornauszieher, ein antikes Motiv der bildenden Kunst, zeigt einen nackten Knaben, der einen Dorn aus dem linken Fuß zieht. Und so setzt sich die Erzählung in Bewegung, Itos Anfänge als avantgardistische Lyrikerin nicht verleugnend. Der »Dornauszieher« ist schwere Kost, die dann und wann, was arg verblüfft, aber auch überraschend leichtfüßig und fast schon banal daherkommt, dann aber im nächsten Kapitel wieder alles abverlangt.

Eine Frau namens Ito Hiromi, was nicht allzu schwer als »Alter Ego« zu deuten ist, pendelt zwischen Kalifornien und Japan hin und her. Unterwegs zwischen dem 30 Jahre älteren (und jüdischen) Ehemann, kranken Eltern, pubertierenden Töchtern, auch: zwischen den Kulturen. Lyrische Passagen wechseln sich ab mit autofiktionalen Elementen, Rückgriffe in die Mythologie changieren mit realistischen Sequenzen. Hunde, Bäume, das Wachsen und Vergehen in der Natur spielen eine zentrale Rolle. Geschwülste, Eiter, Scheiße und Urin kommen dicht an dicht mit feinsinnig gesponnenen Betrachtungen blühender Bäume zur Sprache. Und Kafka, auch Kafka ist dabei. Im Kapitel »Der geworfene Pfirsich fault, und Ito gewinnt ihre animalische Kraft zurück«.

Und so liest und kämpft und leidet und jauchzt man sich durch über 300 Seiten, die ein Roman, kein Roman, eine Erzählung, keine Erzählung, ein Gedicht, kein Gedicht, die alles und nichts sind, aber eben Literatur. Die uns erhöht, aber oft auch erniedrigt. Es liegt an uns, wenn wir nicht alles verstehen. Aber wir lesen weiter. Bis zum Schluss. Was bleibt uns übrig? Wir wollen doch wissen, wie es endet. Und es endet gut. Das hätte man allerdings nicht gedacht.

Hiromi Ito: Dornauszieher. 336 Seiten. 22 Euro. Matthes & Seitz.

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