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»Leuchtturm für Medizinstandort«

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Von: Benjamin Lemper

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Eingeweiht: Auf 1800 Quadratmetern forschen 120 Mitarbeiter im CIGL zum Wohle der Menschen in der Region. Foto: Friese © Friese

Die international renommierte Gießener Lungenforschung hat mit dem CIGL eine neue, weithin sichtbare Adresse. Wie wichtig eine solche Einrichtung ist, hat die Corona-Pandemie gezeigt.

Gießen. Beim Spatenstich hat wohl niemand geglaubt, dass gut zwei Jahre später ein hochansteckendes Virus die Welt für lange Zeit in Atem halten und bis heute mehr als 6,6 Millionen Tote fordern würde. Im November 2017 galt die Sorge somit nicht einer »rätselhaften Lungenkrankheit in China«, die erst im Januar 2020 die Weltgesundheitsorganisation alarmierte, sondern vielmehr dem kalten Winter. Es war nämlich zu befürchten, dass eine bis ins Frühjahr dauernde Frostperiode die Bauarbeiten für das »Center for Infection and Genomics of the Lung« (CIGL) beeinträchtigen könnte.

Bei der offiziellen Einweihung inklusive symbolischer Schlüsselübergabe mit Gästen aus Wissenschaft und Politik war Corona nun jedoch sehr präsent. Immerhin habe die Pandemie »uns deutlich vor Augen geführt, wie wichtig der gemeinsame Kampf gegen infektiöse Lungenkrankheiten ist«, betonte Susanne Kraus, Kanzlerin der Justus-Liebig-Universität (JLU), in ihrer Begrüßung. Im Aulweg 132 hat die auch international überaus renommierte Gießener Lungenforschung inzwischen eine zusätzliche moderne Wirkungsstätte für zehn Professuren und Forschergruppen mit über 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bezogen.

Die Baukosten für den zweistöckigen sandfarbenen Komplex in direkter Nachbarschaft des optisch markanten Biomedizinischen Forschungszentrums Seltersberg betrugen circa 20 Millionen Euro. Hinzu kommen Gerätekosten von rund 6,4 Millionen Euro. Mit diesen Mitteln wurden unter anderem erstmalig in Deutschland die mit einem Robotersystem ausgestattete zentrale Biobank des hier ansässigen Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) und eine hochmoderne Einheit zur Genomsequenzierung errichtet, die sowohl die Wirts- als auch die Erregerseite erfasst.

Das CIGL ist vom Wissenschaftsrat empfohlen und von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) beschlossen worden. Dass hier anteilig Gelder des Landes und des Bundes geflossen sind, verdeutliche bereits den besonderen Stellenwert von Gießen als einem der führenden Gesundheitsstandorte, unterstrich die Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Ayse Asar. Sie dankte auch dem anwesenden ehemaligen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, der die strategische und bauliche Förderung der JLU »mit viel Herzblut« vorangetrieben habe. Susanne Kraus sprach zudem von einer Anerkennung für die schon über viele Jahre erbrachten »exzellenten Leistungen« der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Geschaffen worden seien hervorragende infrastrukturelle Bedingungen, die eine »enge Verzahnung« zu vorhandenen Einrichtungen ermöglichen und den interdisziplinären Austausch erleichtern. Damit handele es sich zugleich um eine »Investition in kluge Köpfe, die wir dringend benötigen«, so Ayse Asar. Wie ein eigener Organismus sei der Medizincampus »in ständiger Entwicklung«, die übrigens noch nicht abgeschlossen ist. In unmittelbarer Nähe entsteht auch noch ein Gebäude für das Institut für Lungengesundheit.

Appell des OB

Während Thomas Platte, Direktor des Landesbetriebs Bau und Immobilien Hessen, die städtischen Fachabteilungen, die Planer von hks Architekten sowie alle Beteiligten für die konstruktive Zusammenarbeit bei diesem technisch herausfordernden Projekt lobte, bekundete Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher seinen Stolz auf diesen »neuen Leuchtturm für den Wissenschafts- und Medizinstandort Gießen«. Vor allem erinnerte er daran, dass die »im Zusammenspiel von grundlegender Forschung und klinischer Praxis« gewonnenen Erkenntnisse für die Bürgerinnen und Bürger von Nutzen sein werden. Dafür sei allerdings ein »gut und zukunftsfest aufgestelltes Universitätsklinikum unabdingbar«, appellierte Becher und mahnte an, im Streit zwischen dem Land Hessen sowie Asklepios und Rhön AG rasch eine Einigung zu erzielen. Dies sei im Sinne der Beschäftigten, der Studierenden und der behandlungsbedürftigen Menschen in der Region. Nur wenn »Klarheit über die Zukunft« herrsche, könne das UKGM seiner »unentbehrlichen Rolle« als medizinischer Maximalversorger sowie als Forschungs- und Lehrkrankenhaus gerecht werden.

Prof. Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM und Vorstand des DZL, pflichtete dem bei und forderte beide Seiten auf, in der gegenwärtig »ambivalenten Auseinandersetzung« an einen Tisch zu kommen. »Denn wir müssen den Konflikt lösen, weil wir eine Situation brauchen, in der wir Investitionsmittel regelhaft erhalten, sonst kann ein Maximalhaus nicht funktionieren.«

In seinem Schlusswort blickte Seeger aber auch auf das Jahr 2006 zurück, in dem zwei Entwicklungen in Gang gesetzt worden seien, »die für den Medizinstandort eine erhebliche Bedeutung haben«. Zum einen nannte er die Privatisierung: Das Klinikum Gießen als seinerzeit »kranke Persönlichkeit« habe danach durch Neubauten und verbesserte Ausstattung schnell »sehr aufgeholt«. Zum anderen schnitten die Gießener damals mit ihrem Antrag für das »Exzellenzcluster Cardio-Pulmonary System« (ECCPS) erfolgreich ab. Ohne diese positiv ausgefallene Entscheidung hätte »die Power gefehlt«, um viele weitere richtungsweisende Projekte anzustoßen. Das Ergebnis sei eine »seltene Erfolgsgeschichte, bei der vieles manchmal am seidenen Faden hing«. Aber dank des Engagements aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der JLU und des Landes könne man heute selbstbewusst auftreten und sagen: »Gießen ist absolut das Zentrum der Lungenforschung in Deutschland« - ein Zentrum, das nicht nur wissenschaftlichen Output liefere, »sondern ganz konkret den Patientinnen und Patienten hilft«.

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Bei der Schlüsselübergabe: Werner Seeger, Susanne Kraus, Ayse Asar und Thomas Platte (von links). Foto: Friese © Friese

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