Licht und Schatten in der Corona-Adventszeit in Gießen

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Jetzt geht der Corona-Halbschlaf also weiter: Dass der Teil-Lockdown bis mindestens zum 10. Januar verlängert wird, ist beschlossene Sache - war, weil die Dynamik des Infektionsgeschehens höchstens abgebremst ist, aber vermutlich auch zu erwarten. Im Winter noch mit Schnee zu rechnen, ist dagegen gar nicht mehr so selbstverständlich. Insofern waren die ersten Flocken zum 1.

Dezember rund um Gießen wenigstens ein kleiner Lichtblick, der kurz für Abwechslung sorgte. Jedenfalls für diejenigen, die sich für eine kurze Rodelpartie ihre Schlitten schnappen oder eine Schneeballschlacht machen konnten und nicht witterungsbedingt im Stau standen, gar einen Blechschaden oder Schlimmeres erlitten.*Apropos Lichtblick: Angesichts all der Tristesse und Unsicherheiten lohnt in diesen Tagen auf jeden Fall ein Gang durch die Fußgängerzone. Mit entsprechendem Abstand und Mundschutz, versteht sich. Das freut dann nicht nur die Einzelhändler, deren Weihnachtsgeschäft ohnehin schon durch die Einschränkungen arg beeinträchtigt ist. Nein, auch die bummelnden Passanten dürfen sich freuen auf eine weihnachtliche Beleuchtung, die im wahrsten Sinne sehenswert und ein echter Hingucker ist. Bereits im 16. Jahr kümmern sich die BIDs Seltersweg und Marktquartier um Finanzierung und Organisation. Und man mag es kaum glauben, dass einem ein helles Funkeln und Strahlen so leicht ein etwas wohligeres Gefühl bereitet. Manchmal hilft es daher vielleicht, die Welt - wenngleich nur für einen kurzen Moment - mit Kinderaugen zu betrachten. Denn die Kleinen lassen sich, mit ihrem unbeschwerteren und unbedarfteren Blick, noch einfacher von vermeintlich banalen Dingen begeistern, die für Erwachsene längst an Reiz verloren haben. Achten Sie, liebe Leserinnen und Leser, doch zum Beispiel mal auf das diebische Vergnügen und die Neugierde bei den Jungs und Mädchen, die ungeduldig dem nächsten Morgen entgegenfiebern, um endlich das nächste Türchen am Adventskalender zu öffnen.*Viele Menschen berührt hat in der vergangenen Woche das Schicksal einer Wiesecker Familie. Alle drei Töchter von Bahia Günes und ihrem Mann Malke leiden nämlich an der seltenen spinalen Muskelatrophie. Dabei schwindet die Muskulatur oder ist derart geschwächt, dass Betroffene etwa Probleme beim Laufen oder Aufstehen haben. Allein mit ihrer ältesten Tochter Angelina mussten sie sechs Jahre von Arzt zu Arzt "tingeln", um herauszufinden, was nicht stimmt. Im vergangenen Jahr kam dann die erschütternde Diagnose: Auch die beiden Jüngeren, Celina und Jolina, sind daran erkrankt. "Seit diesem Zeitpunkt leben wir nicht mehr. Nichts ist mehr schön", erzählte die Mutter im Gespräch mit dem Anzeiger. Dagegen wirkt das Gejammer darüber, wie schlimm es doch sei, überall Masken zu tragen, geradezu lächerlich. Ein Perspektivenwechsel kann da ganz nützlich sein, um zu erkennen, was wirklich belastend ist. Nach unserem exklusiven Artikel gab es zwar erste Anfragen von Menschen, die die Familie Günes gerne unterstützen möchten. Und auch der Hessische Rundfunk hat sich bereits für einen Beitrag angekündigt. Eine größere, barrierefreie Wohnung - und das ist ja ihr entscheidendes Anliegen - haben die Konditorin und der Raumausstatter allerdings auf die Schnelle noch nicht gefunden. Wer hier Rat weiß oder einen Tipp hat, kann sich per E-Mail an bahia82@hotmail.de wenden.*Wenig Grund, euphorisch zu sein, haben zudem die nicht-ärztlichen Beschäftigten des Uniklinikums Gießen und Marburg. Im Gegenteil: "Der Unmut ist so groß wie nie zuvor", betonte der Betriebsratsvorsitzende Marcel Iwanyk während des zweitägigen Warnstreiks, zu dem die Gewerkschaft Verdi aufgerufen hatte - obwohl die Geschäftsführung zuvor die große Keule herausholte, es würden durch die Arbeitsniederlegung "ohne Not Patientenleben gefährdet". Besteht diese Gefahr eigentlich nicht, wenn Mitarbeiter permanent über Überlastung und Personalmangel klagen? Deren Frust scheint insofern verständlich. Und wer findet es schon toll, für die gleichen Tätigkeiten, wie sie in öffentlichen Kliniken geleistet werden, schlechter bezahlt zu werden (was übrigens auch für andere Branchen gilt, in denen Arbeitgeber mitunter schon lange aus Tarifverträgen ausgestiegen sind). *Dass dadurch der Eindruck mangelnder Wertschätzung entsteht, kann wohl niemanden überraschen. "Garniert" wird die Enttäuschung noch dadurch, dass die Pflegekräfte in Gießen beim wohl eher symbolischen, denn finanziell lukrativen "Corona-Bonus" leer ausgegangen sind. Bloß, weil bis zu einem bestimmten Stichtag offenbar ein paar zum Teil schwerkranke Corona-Patienten "zu wenig" versorgt wurden respektive wieder entlassen werden konnten. Eine seltsame Logik, die Aufwand und Engagement irgendwie völlig außen vor lässt - und damit die verdiente Anerkennung versagt. Aber möglicherweise wird ja nochmal nachjustiert. Immerhin ist die Kritik inzwischen auch im Kanzleramt angekommen, nachdem die Streikenden ihren Protest vor die Gießener Parteizentralen getragen hatten und der CDU-Kreisgeschäftsführer Markus Schmidt den Kreisvorsitzenden und Kanzleramtschef Helge Braun über die "suspekten Zahlenspielchen" informierte. Das könnte ein Hoffnungsschimmer sein. Ist ja schließlich Wahl im nächsten Jahr.

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