Lichtblicke, aber kein Grund zu Übermut nach einem merkwürdigem Jahr

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Nun ist es doch vorüber, dieses merkwürdige Corona-Jahr 2020, das unseren Alltag so gehörig auf den Kopf gestellt und durcheinandergewirbelt, Existenzen gefährdet, die Gesundheit teilweise arg beansprucht, leider auch viele Opfer gefordert und Leben gekostet hat. Passenderweise sollten wir uns davon nicht mit großem Knall, leuchtenden Farben und Menschenansammlungen verabschieden, sondern ruhiger und bedächtiger.

Naja, das hat nicht überall geklappt wie beabsichtigt. Das gezündete Feuerwerk dürfte ausgereicht haben, um genug "böse Geister" zu vertreiben. So oder so: Eigentlich kann es doch nur besser werden. Für 2021 wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, jedenfalls das Allerbeste - verbunden mit der Hoffnung, die Pandemie in überschaubarer Zeit überwunden zu haben und vielleicht sogar als Gesellschaft gestärkter aus der Krise hervorzugehen.*Ein Anfang ist immerhin gemacht, die ersten Impfdosen sind für Ältere, Risikopatienten, Pflegekräfte und Menschen im Gesundheitswesen verabreicht worden. Pathetisch ausgedrückt, könnte man in Anlehnung an die erste Mondlandung 1969 von einem kleinen Piks für jeden Einzelnen, aber einem großen Piks für die Menschheit sprechen. Gerne werden in solchen Fällen auch die "historischen" oder "denkwürdigen" Tage bemüht, wird der Signalcharakter betont oder auf den erreichten "Meilenstein" verwiesen. Und natürlich hat es auch eine gewisse Symbolik, wenn der Kanzleramtsminister und Mediziner Helge Braun - wie angekündigt - selbst mit gutem Beispiel voranschreitet und beim Impfen, wie Anfang der Woche am Uniklinikum geschehen, mithilft. Dabei wollen wir ihm ausdrücklich zugutehalten, dass ihm diese Unterstützung als Arzt tatsächlich ernst und ein wichtiges Anliegen ist und nicht neun Monate vor der Bundestagswahl gute Showeffekte eine Rolle spielen. *Manchen mag das alles nicht schnell und reibungslos genug funktionieren. Und noch scheint es in der Tat einige Ungereimtheiten, Verunsicherungen und Irritationen zu geben: etwa, wer zuerst und wann überhaupt geimpft wird, wie man davon erfährt und auch, warum andere Länder zügiger vorankommen. Das hat sicher alles seine Berechtigung und ist angesichts des Ausmaßes der zu bewältigenden Herausforderung nachvollziehbar. Aber genau das sollten wir uns vielleicht hin und wieder vor Augen führen: um welche Dimensionen es sich hier handelt und dass dafür keine Blaupause existiert. Insofern sollte nicht zu leichtfertig darüber geurteilt werden, was richtig oder falsch, angemessen oder inkonsequent ist. Die Corona-Krise und der Umgang damit ist, wie Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz im Silvester-Interview treffend gesagt hat, "für alle ein großes Erfahrungensammeln". Wäre zum Beispiel schon viel früher mit dem Impfen begonnen worden, hätten sich bestimmt viele Skeptiker gemeldet, ob das denn alles schon ausgereift respektive ordentlich geprüft sei oder ob die Bürger als "Versuchskaninchen" herhalten müssten. Und damit meine ich noch nicht einmal jene Verschwörungstheoretiker, die glauben, Bill Gates wolle uns allen einen Mikrochip einpflanzen, um die totale Kontrolle zu erlangen. Der Impfstart ist zweifellos ein Lichtblick, weil wir alle dieser bleiernen Corona-Müdigkeit überdrüssig sind und wenigstens die Aussicht brauchen, dass die zahlreichen Einschränkungen alsbald wegfallen. Grund, zu euphorisch oder gar übermütig und unvorsichtig zu werden, ist das allerdings noch nicht.*Trotz all der negativen Begleiterscheinungen, die das Coronavirus mit sich gebracht hat (und bringt), lässt sich selbstverständlich auch ein Blick auf das Positive werfen: Außer der enormen Hilfs- und Spendenbereitschaft sowie der gewachsenen Solidarität ist das nicht zuletzt eine deutlich bewusstere Wahrnehmung, welche Power in Wissenschaft und Forschung stecken. Das, was dort geleistet wird, hat im zurückliegenden Jahr in ganz besonderem Maße die gebührende breite Öffentlichkeit und Wertschätzung erfahren. Wer weiß, wie viele Mädchen und Jungen in den Kitas und Grundschulen für sich den Berufswunsch Virologe oder Virologin entdeckt haben. Denn die haben sich ja regelrecht zu neuen Superhelden entwickelt. Wobei auch nicht vergessen werden darf, den zahlreichen anderen Helden im Gesundheits- und Betreuungswesen, den Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften Respekt zu zollen.*Und in mindestens einer Hinsicht hat es sich sogar als vorteilhaft erwiesen, dass wir Corona-bedingt eher zu Hause bleiben mussten. Dadurch gehören nämlich Wohnungseinbrecher mangels Tatgelegenheiten definitiv nicht zu den Krisengewinnern. Konkrete Zahlen für Gießen liegen zwar noch nicht vor, hessenweit wird nach ersten Einschätzungen der Sicherheitsbehörden indes ein Rückgang von rund 20 Prozent erwartet, wie das hessische Innenministerium auf Anfrage mitteilt. "Home Office" und gestrichene Reisen machen's möglich. Denn traditionell nutzen Täter gerade die Urlaubszeit und die "dunklen" Monate für ihre Beutezüge. Auf gewerbliche und mitunter verwaiste Immobilien sollen die Kriminellen aber wohl auch nicht verstärkt ausgewichen sein.*Abschließend haben sich noch die Organisatoren des CVJM Gießen ein dickes Lob verdient, denen es gelungen ist, auch unter Corona-Bedingungen die Tradition der Veranstaltung "Wohin an Heiligabend?" zu bewahren - um Wohnsitzlosen, Einsamen und Verlassenen, die nicht einmal im engsten Kreis ihrer Familie das Weihnachtsfest feiern konnten, wenigstens ein paar besinnliche Stunden mit gutem Essen, Gesprächen und kleinen Geschenken zu bereiten.

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