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Lohnende Blicke an die Decke

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Eine Oper im Stadttheater sorgte für Inspiration: die Aquarelle von Annabel Herget. © Heiner Schultz

Insekten, Stäbe, Dirigenten: Eine Gemeinschaftsausstellung der Gießener Ateliergemeinschaft Trafo lädt im KiZ zur Entdeckungsreise ein.

Gießen. Nach langer Pause zeigt das Gießener Künstlerkollektiv Trafo endlich wieder eine neue Ausstellung. Der Titel: »Von allen Seiten«. Die Galerie Kultur im Zentrum (KiZ) ist mit ihrer abwechslungsreichen Beschaffenheit dafür genau der richtige Ort.

Knapp hundert Besucher wollten bei der Vernissage die Arbeiten sehen, die Julia Erb, Annabel Herget, Daniel Horvat, Elena Kosamanidis, Anne-Kristina Schmidt, Katja Schöwel und Georgia Wölfle präsentieren. Die große Resonanz ist ein Beweis dafür, dass Trafo zu Recht weiterhin einen festen Platz im Bewusstsein der hiesigen Kunstgemeinde innehat.

Nähere Angaben zu den Werken fehlen jedoch, es gibt nur eine Skizze der zwei Räume mit Autorenangaben. Eine formal derart karg gehaltene Präsentation erschwert natürlich den Zugang zu den Arbeiten, das Minimum einer Werkliste ließe wenigstens Rückschlüsse auf die Vielfalt der gewählten Verfahren zu. Die Schau besitzt jedenfalls expressiv eine große Üppigkeit, des Öfteren gewürzt mit ungewöhnlichen Ansätzen.

Kunstkenner Christian Fleißner, der früher den Kunstraum »Doppelzimmer« in der Ludwigstraße führte, erhellte in seiner Einführung die Lage nur unwesentlich. Er blickte zurück auf die Geschichte des Vereins, der seit zehn Jahren besteht und zunächst in der Kirche in der Ederstraße, später bei der THM in der Moltkestraße in nun in der Bismarckstraße im ehemaligen Weltladen angesiedelt ist. Zu den Künstlern und ihren Arbeiten wollte Fleißner allerdings nichts sagen, um die Besucher in keine bestimmte Richtung der Betrachtung zu drängen, wie er erklärte.

Künstlerin Annabel Herget wurde da schon deutlicher. Sie zeigt gegenüber dem Eingang eine attraktive Aquarellarbeit mit zwölf Blättern und einer daraus erstellten Videoanimation. Sie geht auf eine in Gießen gezeigte Humperdinck-Oper zurück, »bei der ich den sehr expressiven Dirigenten Mario Hofstetter gezeichnet habe. Das war so dynamisch, dass ich es nochmal in ein bewegtes Bild bringen musste«, erklärte sie die Entstehung ihres kombinierten, sehr gelungenen Werks. Schon die Blätter selbst vibrieren förmlich vor Bewegungsenergie.

In einer zweiten Werkgruppe beschäftigt sich Herget mit Insekten: Ameisen, Marienkäfern, Kakerlaken oder auch einer Zebra-Springspinne. Die Tiere lässt sie als selbst gezeichnete und aus Papier geschnittene Individuen im Raum herumschwirren und dabei auch Sicherungskästen und Steckdosen kreuzen. Es ist eine »Sammlung« gestickter Exemplare von großer Schönheit und sanfter Subversion.

In der gut inszenierten Schau zeigt Daniel Horvat im Untergeschoß abstrakte Ölmalerei von beträchtlicher Vielfalt des Stils mit kraftvollen Farbflächen und sicherer Komposition. Ausdrucksvoll sind seine Tuschearbeiten auf Steinpapier, einem ungewöhnlichen Material, das die Tusche nicht einziehen lässt. In zwei solchen Arbeiten zeigt er organisch wirkende Strukturen, dann wieder verwischte, vielleicht von einem Luftstrom verwehte Strukturen.

Verheißungsvoll hermetisch wirkt eine Arbeit von Katja Schöwel, die auf einer hohen Wand im Untergeschloss zu sehen ist. Darin ist ein vorgelagertes Bündel wuchtiger, entfernt spargelähnlich geformter Stäbe von einem Band aus Wachs umgeben. Die oben angeräucherten oder von Kohle bestäubten Objekte wirken wie aus Stein oder Holz und verraten nichts über sich, regen jedoch zu assoziativem Nachdenken an.

Prägend sind auch die beiden großen Gemälde in Acryl und Pigment im Obergeschoss von Elena Kosamanidis, die durch ihre kraftvolle, weitwinklige Gestaltung zweier Straßenzüge das Augenmerk fast schon magnetisch anziehen - irgendwie düster und durch einen sonnig anmutenden Hintergrund auch wieder verheißungsvoll.

Auf der Gegenseite zeigt Anne-Kristina Schmidt vor einem gemalten Hintergrund drei sich kreuzende Sprungbretter mit zwei Figuren, die eigentlich nicht richtig sprungbereit wirken. Die vor dem abstrakten, strukturbetonenden Hintergrund schwebende Eigenschaft des asymmetrisch platzierten Hauptbildes schafft mit seiner vorgeblichen Natürlichkeit einen attraktiven Kontrast.

In dieser Schau lohnt, schon allein um keins von Annabel Hergets umherschwirrenden Insekten zu verpassen, auch der Blick an die Decke. Denn dorthin projiziert Julia Erb ein farbiges Dia mit architektonischen Elementen und stark gewölbten Flächen. Erb zeigt diese Arbeit im Inneren eines der röhrenförmigen Lichtschächte, die das KiZ prägen.

So stimmig, in sich oder im Ambiente des Kunstraums, sind die allermeisten der gezeigten Arbeiten. Aufmerksame Besucher finden hier und da auch noch Objekte, die wie zufällig hinterlassen wirken, vergessene Kunstwerke sozusagen. Nur dass an der Innenseite des Geländers um die Öffnung zur unteren Etage keinesfalls zufällig ein ungeklärtes Werk seinen Platz findet: Katja Schöwels Objekt wirkt organisch, seltsam bedrohlich, mit wie heraushängenden Tentakeln ausgerüstet. Aber in dieser sorgfältig inszenierten Schau gibt es natürlich keine Zufälle.

Die Trafo-Ausstellung ist bis zum 3. April im KiZ (Kongresshalle) zu sehen. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

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Ausdrucksstarke Arbeiten zeigt die Ateliergemeinschaft Trafo in der Galerie KiZ. © Schultz

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