1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Lützellindener Wald eine »Perle«

Erstellt:

giloka_0809_wald_ebp_070_4c_2
Gut zwei Dutzend Interessierte kamen in den Oberwald. Foto: Jung © Jung

Im Wald in Lützellinden gibt es zu viel Rehwild - das ist nur ein Punkt, den die Teilnehmer bei der Führung mit Stadtförster Kriep erfahren haben

Gießen (kg). »Dieser Wald ist eine Perle«, sagte Stadtförster Ernst-Ludwig Kriep zu Beginn der Waldführung, zu der der Heimatverein Lützellinden eingeladen hatte. Und die Teilnehmenden, darunter viele Bewohner des Stadtteils, hörten das natürlich gerne. Unter ihnen war Herbert Schnorr, der mit Blick auf die Eingemeindung von Lützellinden in die Stadt Lahn und später nach Gießen meinte: »Die Stadt hat damals mit der Übernahme des Waldes ein Riesengeschäft gemacht«. Er zitierte am Rande der Begehung den damaligen Leiter des Forstamtes Gießen, Klaus Schwarz, der seinerzeit geäußert hatte, einen solchen Bestand wie in Lützellinden müsse man suchen. Schon auf dem Weg in das Waldstück zeigte der Stadtförster ein »Notsignal« zur Situation des Waldes bei dieser Dürre. Ein grünes Blatt auf dem Weg zu dieser Jahreszeit mache deutlich, wie es um die Bäume bestellt sei. Zudem zeigte sich ein breiter Riss im Weg, nicht ungefährlich für Radfahrer und Fußgänger, Folge der Trockenheit. Bunte Diagramme zeigte der Forstexperte an der ersten der beiden Stationen den Gästen. Das reiche eigentlich schon, meinte er. »Bunte Diagramme bedeuten bunter Wald!« Jede Farbe steht nicht nur für eine Baumart, sondern für eine ganze Baumartengruppe. Auf dem großen weißen Blatt dominierten gelbe und braune Balken. In brauner Farbe sind alle Buchenarten zusammengefasst, die Eichenarten kennzeichnen gelbe Diagramme. Kriep teilte mit, dass die Daten aus 2016 stammen.

»Was wir in den letzten Jahren erleben, ist eine Zäsur«. Letzten Winter wurden knapp 2500 Kubikmeter Holz eingeschlagen, der Anteil der Einschlagsmenge von kranken Bäumen habe bei 70 Prozent gelegen, sagte der Stadtförster. Trotzdem musste er viele Diskussionen oder auch Kritik über sich ergehen lassen. Wenn Leute, die im Wald unterwegs sind und erkennen, dass ein Baum zum Fällen mit einem roten Querstrich gekennzeichnet ist, empören sie sich und fragen wieso »diese schönen alten dicken Bäume« gefällt werden. Das Konzept der Waldbewirtschaftung lebe auch davon, dass einzelne Bäume entnommen werden, um auch die Lebensgrundlage Licht an den Boden zu bringen, lautete Kriep’s Erklärung. Ein natürlicher Buchenwald wächst sehr dicht aus, und auf dem Boden ist nur kahle Laubspreu. Kriep machte klar, eine Erholung in den Wäldern sei gewollt, dazu gehöre aber auch, die Gebiete sicher zu halten. Und das bedeutet die Einhaltung der Verkehrssicherungspflicht für den Waldeigentümer. Gewollt ist eine Nutzung von Holz in der Region, dazu müssen Bäume entnommen, das heißt, gefällt und dann verkauft werden. Aus seiner Sicht könnten in einem solch dicht besiedelten Bereich inselartig Flächen in Richtung Urwald, Naturwald entwickelt werden. Von den 1500 Hektar vorhandenem Wald wird dafür eine Fläche von 160 Hektar in Anspruch genommen. Die Bäume nimmt die Försterei aus der forstwirtschaftlichen Nutzung heraus und verwendet sie zu rein ökologischen Zielen. Pilzen, Flechten, Kleinsäugern und Vögeln Lebensraum zu geben, ist dazu die Intention. Mit H gekennzeichnet sind sogenannte Habitätbäume, bis zu zehn pro Hektar werden dafür auf den Waldflächen ausgewiesen. Im Moment herrsche ein großer Trend, der in Richtung Stilllegung tendiert. Die Menschen stellen sich vor, den Wald sich selbst zu überlassen, um ihn gesünder und länger erhalten zu können. Er glaube das nicht, wenn man sich die vergangenen fünf Jahre ansehe, machte der Stadtförster deutlich. Er sieht die Rolle als Forstbetrieb darin, die Prozesse zu steuern, genau zu beobachten, »das zu tun, was dem Wald nicht schaden kann und möglichst Dinge zu tun, die ihm noch mehr Anpassungfähigkeit verleihen«. Massiver Wildverbiss macht der städtischen Forstwirtschaft Sorge. »Wir haben zu viel Rehwild«, beklagte Kriep. Aus wissenschaftlichen Ergebnissen folgere man, wenn die Wildbestände nicht auf ein Maß reduziert würden, »dann müssen wir kapitulieren«.

Marian Mayr von der Bundes- Arbeitsgemeinschaft für naturgemäße Waldwirtschaft führt eine Inventur in den Gießener Wäldern durch und ist derzeit im Lützellindener Wald unterwegs. Dass dieser »eine Perle« ist, kann er durch seine reiche Erfahrung in den Wäldern Deutschlands nur bestätigen. Die Gefahr sei, dass man sich von einem Mischwald in eine Monokultur begebe, erläuterte der Fachmann.

Auch interessant