1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Magistrat möchte Wunsch erfüllen

Erstellt:

giloka_1003_Erweiterung__4c
Alle diese Bäume am südwestlichen Rand des Firmengeländes (im Hintergrund) sollen wie viele andere für die Erweiterung gefällt werden. Doch sind Ausgleichsflächen mit Neuanpflanzungen im Kreisgebiet geplant. © Docter

Der erfolgreiche Stahlhändler Bieber+Marburg will seinen Gießener Standort im Steinberger Weg um vier Hektar erweitern. Dafür müsste allerdings eine Waldfläche weichen.

Gießen . Wer auf dem südlichen Abschnitt des Gießener Rings zwischen den Anschlussstellen Bergwerkswald und Schiffenberger Tal entlangfährt, kann sie nicht übersehen: die Firmengebäude der Bieber+Marburg GmbH + Co. KG mit ihren markanten blau-weißen Außenfassaden und dem großen Schriftzug auf dem Dach. Das mittelständische Familienunternehmen, das sich auf seiner Homepage als »Vollsortimenter für Stahl, Röhren und Bauprodukte« beschreibt, ist bereits seit rund sechs Jahrzehnten am Standort Gießen beheimatet und beschäftigt im Steinberger Weg etwa 220 Mitarbeiter. Die Geschäfte laufen offenbar sehr gut, doch hinsichtlich der räumlichen Kapazitäten auf dem Gelände ist die Firma inzwischen an ihre Grenzen gelangt. Daher ist man mit dem Wunsch, sich zu erweitern, an die Stadt Gießen herangetreten. Der Magistrat möchte diesem Wunsch gerne nachkommen und hat nun die Aufstellung eines sogenannten vorhabenbezogenen Bebauungsplans in die Wege geleitet. Demnach ist eine circa vier Hektar große Mischwaldfläche, die südwestlich angrenzt, für die Erweiterung des Betriebsgeländes vorgesehen. Die Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung steht allerdings noch aus, vorher wird es im Bauausschuss beraten.

»HessenForst« hat Verkauf zugestimmt

Der Landesbetrieb »Hessen Forst« habe bereits dem Verkauf der Waldfläche neben dem Firmengelände zugestimmt, berichtete Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne), als sie das Projekt vorstellte. Die wegfallenden Bäume sollen durch Ausgleichsflächen mit Neuanpflanzungen im Kreisgebiet kompensiert werden, da innerhalb der Stadtgrenzen hierfür keine geeigneten Flächen vorhanden seien. Dennoch erwartet die erfahrene Kommunalpolitikerin, dass das Fällen so vieler Bäume für »Ärger« in städtischen Gremien wie auch in Teilen der Öffentlichkeit sorgen könnte. Gerade vor dem Hintergrund des Zieles, Gießen bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu machen (Initiative »2035Null«), und natürlich dem Thema Klimawandel im Allgemeinen.

Laut Weigel-Greilich wäre dem Unternehmen jedoch als Alternative nur übriggeblieben, seinen Standort komplett zu verlegen, was mit einer »sehr schlechten Ökobilanz« verbunden gewesen wäre. Müssten dafür doch zusätzlicher Boden versiegelt und weitere Verkehrsflächen und Infrastruktur geschaffen werden. Das Gail-Gelände im Schiffenberger Tal sei ebenfalls nicht infrage gekommen, wie mangels freier Flächen dieser Größe auch keine andere Stelle im Stadtgebiet. Nicht zuletzt sei die Firma in all den Jahrzehnten der Stadt immer »ein verlässlicher Partner«, ergänzte die Dezernentin. Die wegfallende Waldfläche würde zudem einen hohen Anteil an Kiefern aufweisen, die dort »nicht standortgerecht sind« und überdies Dürreschäden hätten, nannte sie als weitere Argumente. Die Grünen-Politikerin machte allerdings auch deutlich, dass Gießen trotz aller notwendigen Bemühungen für mehr Klimaschutz »keine Insel sein kann«.

Fast eine Million Euro Gewerbesteuer

Ein Wegzug aus Gießen würde auch dem Stadtsäckel sehr wehtun. So sind die Gewerbesteuer-Zahlungen der Firma seit Jahren stetig angewachsen. Nach rund 600 000 Euro in 2020 werden es dieses Jahr voraussichtlich 950 000 Euro sein. Diese Zahlen sind dem mehrseitigen Antrag des Unternehmens auf Geländeerweiterung zu entnehmen, welcher der Stadtverordnetenvorlage angeheftet ist, und wurden auch von Weigel-Greilich bestätigt. Ferner ist in dem Papier zu lesen, dass man an diesem Standort - ein weiterer befindet sich in Bischoffen - in den kommenden Jahren 50 bis 80 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen möchte.

Bieber+Marburg sei mittlerweile »einer der leistungsfähigsten Stahlhändler in Deutschland«, heißt es weiter. So betrug der Jahresumsatz im Geschäftsjahr 2020/21 rund 120 Millionen Euro. Wie Geschäftsführer Sven Bieber auf Nachfrage des Anzeigers berichtet, lagern im Steinberger Weg auf der jetzigen Betriebsfläche mit einer Größe von 55 000 Quadratmetern »mehr als 25 000 Tonnen Stahl in mehr als 10 000 unterschiedlichen Profilen und Güten«. Damit werde die gesamte stahlverarbeitende Industrie im Umkreis von bis zu 300 Kilometern versorgt, wie etwa Maschinen- und Anlagenbau, Drehereien oder Stahl- und Metallbau. Auf Wunsch von Kunden werden auch Teile der Vorproduktion übernommen, wie das Sägen, Bohren oder Lasern des Materials. Der Fuhrpark umfasse circa 40 Lkw. 20 Prozent der Stahl- und Rohstofflieferungen kommt per Bahn, weshalb der Gleisanschluss direkt am Firmengelände »unverzichtbar ist«, heißt es im Antragsschreiben. Laut dem Diplom-Kaufmann sei die Erweiterung, die den »schon jetzt dringend notwendigen Bau von zwei weiteren Hochregalanlagen« ermögliche, »eine ganz wichtige Voraussetzung für eine auch zukünftig erfolgreiche Unternehmensentwicklung«.

Auch interessant