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»Man muss die Kinder ernst nehmen«

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Dieter Bachmann (rechts) und Önder Çavar. © Czernek

Lich. Ein kurz vor der Pensionierung stehender Lehrer und seine sechste Gesamtschulklasse mit Kindern, die aus zwölf Nationen stammen: Davon erzählt der Dokumentarfilm »Herr Bachmann und seine Klasse«, der zum Überraschungshit des Jahres 2021 wurde. Der titelgebende Pädagoge Dieter Bachmann war nun zusammen mit seinem jungen Kollegen Önder Çavar zu Film und Filmgespräch im Kino Traumstern zu Gast.

Der bei der Berlinale mit dem Preis der Jury ausgezeichnete Film von Maria Speth begleitet ein halbes Schuljahr der 6b der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf. Am Ende wird im Sommer 2018 entschieden, mit welcher Schulform es für die Kinder weitergehen soll. So schwingt die Frage nach der jeweiligen Zukunft der Schüler unterschwellig immer mit.

Die Kinder kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, manche sprechen kein Wort Deutsch, wenn sie das erste Mal den Klassenraum betreten. Der Bevölkerungsanteil von Migranten in der oberhessischen Industriestadt liegt bei rund 25 Prozent. »Stadtallendorf ist bunt und der Ausländeranteil in der Schule entsprechend hoch«, merkte Önder Çavar im Traumstern an.

Der Film nimmt auch diese Stadt-Geschichte in den Blick: Zunächst siedelten die Nationalsozialisten dort Munitionsfabriken an, in denen Zwangsarbeiter schuften mussten. In den 60ern lockte das stahlverarbeitende Gewerbe sogenannte Gastarbeiter an. Heute kommen zahlreiche Flüchtlinge dazu.

In dieser Situation sorgt Bachmann dafür, den Kindern Selbstbewusstsein zu vermitteln. »Das sind nur Noten, das bist nicht Du. Das sagt gar nichts über Dich aus«: Diese Botschaft versucht der Pädagoge seinen Schülern mitzugeben. »Man muss sie ernst nehmen, darf sie nicht fertigmachen«, sagte er im anschließenden Gespräch. Für ihn ist wichtig, auch die Eltern, die oft des Deutschen nicht mächtig sind, zu informieren und miteinzubeziehen.

Mit klaren Ansagen, aber auch viel Verständnis führte Bachmann zahlreiche Klassen durch die Schuljahre. Und der Erfolg gibt ihm recht: 14 der 19 6b-Kinder besuchen heute ein Gymnasium. Damit liegt diese Klasse deutlich über dem Durchschnitt.

Das Filmteam war während der Dreharbeiten so oft während des Unterrichts dabei, dass es der Klasse irgendwann kaum mehr auffiel. »Sie gehörten zum Schluss dazu. Und die Kinder versteckten die Aufnahmemikros routiniert in den Federmäppchen«. So entstanden 250 Stunden Aufnahmen, von denen am Ende dreieinhalb Stunden mit beeindruckenden Filmmaterial übrig blieben.

Für Bachmann ist dieser Film auch eine Dokumentation seiner mehr als 30-jährigen Arbeit. »Das Soziologie- und Lehramtsstudium musste ich erst einmal wegschieben, das war eher hinderlich, um zu dem Lehrer zu werden, den man im Film sieht«. Ob das Werk mit seiner Erfolgsgeschichte auch zu einer Veränderung des Bildungssystems beitragen könne? Das sieht Bachmann nüchtern: »Der Film hat keinen erhobenen Zeigefinger. Das finde ich gut. Aber ich glaube nicht daran, dass er etwas verändert, trotz vieler Preise und Belobigungen.« Mittlerweile ist Bachmann pensioniert - aber noch immer voller Tatendrang. Er arbeitet bereits an einem neuen Projekt: Ein Verlag bot ihm an, seine beruflichen Erlebnisse zu Papier bringen möchte. Ein Angebot, das er gerne annimmt.

Wer die Kinovorführung in Lich verpasst hat: Der Dokumentarfilm »Herr Bachmann und seine Klasse« ist seit wenigen Tagen per Video on Demand (VoD) und ab 18. Februar auf DVD erhältlich.

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