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Mangelnde Gastfreundschaft beklagt

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Der Nitzan-Kammerchor der Städtischen Musikschule Netanya unter der Leitung von Vita Gurewitz gestaltet die musikalische Eröffnung der Jubiläumsfeier. Foto: Wißner © Wißner

Die Feierstunde und der Umgang mit den Gästen aus Netanya empörten die Partnerschaftsvereinsvorsitzende Marion Balser beim 25-jährigen Jubiläums des Partnerschaftsverein Gießen-Netanya.

Gießen . »Wir müssen uns über Gastfreundschaften in diesem Hause unterhalten. Wenn man ein Jubiläum feiert, dann macht man das mit Partnern. Es sind nicht die finanziellen Mittel, an erster Stelle steht der Wille«, empörte sich Partnerschaftsvereinsvorsitzende Marion Balser über den Umgang mit den Gästen aus Gießens Partnerstadt Netanya und die Feierstunde anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Partnerschaftsverein Gießen-Netanya.

Kritik geäußert

Gerade mal zwei Dutzend Gäste waren gekommen und Balser monierte den Umgang mit den Gästen aus der Partnerstadt, dem Nitzan-Kammerchor. Das berühmte Fass zum Überlaufen brachte eine Anfrage am Tag der Feierstunde, als die Chormitglieder in die Innenstadt gehen wollten und anfragten, ob sie in dieser Zeit im Rathaus ihre Sachen abstellen könnten. »Nein, das geht nicht«, lautete die Antwort, die Balser in Rage brachte. »Das ist keine Gastfreundschaft. Das müssen wir verbessern, wenn wir weitermachen wollen. Wir müssen hier Gläser und Teller mitbringen zur Feier. Wenn man dies alles konstruktiv weitermachen möchte, dann muss sich etwas ändern«, so die Vorsitzende.

Dem pflichtete auch Kassenwart Gerd Zörb bei: »Ich appelliere an die Verantwortlichen im Rathaus, dass man unbedingt mit den Partnerschaftsvereinen näher zusammenrücken muss, um das Auflösen der Vereine zu bremsen. Nur auf der Schulter privater Personen kann eine Partnerschaft auf Dauer nicht gut gehen.« Zuvor hatte Zörb in seiner Rede die Gastfreundschaft in Israel gelobt, die er bei 17 Besuchen wie in keinem anderen Land der Erde erfahren habe.

Technische Schwierigkeiten

Bereits der Beginn der Feierstunde war geprägt von technischen Schwierigkeiten, weshalb nicht, wie eigentlich geplant, die beiden Nationalhymnen und die Europahymne erklangen, sondern die Eröffnung dem bereits zum fünften Mal in Gießen zu Gast weilenden Nitzan-Kammerchor der Städtischen Musikschule Netanya unter der Leitung von Vita Gurewitz zufiel.

Ministerpräsident a. D. Volker Bouffier, der 1978 zu »Stadt Lahn«-Zeiten als »District-Mayor Gießen« die Städte-Partnerschaftsurkunde mitunterzeichnet hatte, hielt die Festansprache und blickte auf den Beginn der Städte-Partnerschaft zurück, die 1996 zur Gründung des Partnerschaftsvereins im Dach-Cafe führte. Am 30. Juni 1978 wurden im damaligen alten Stadtverordnetensitzungssaal die Urkunden unterzeichnet und die Partnerschaft begründet. Für Gießen hatte Bouffier gemeinsam mit Oberbürgermeister Hans Görnert unterzeichnet. »Ich bin der letzte, der noch lebt, der damals diese Partnerschaftsurkunde mitunterzeichnet hat. Diese Partnerschaft hat eine gänzlich andere Bedeutung für uns als alle andern Partnerschaften. Städtepartnerschaften sind der Versuch, Menschen auf lokaler Ebene zusammenzuführen, sich besser zu verstehen und es war nach dem Krieg grandios, Menschen in England und Frankreich, die so unter uns gelitten hatten, auf diese Weise zu verbinden. Wenn sie auf Dauer Erfolg haben sollen, müssen diese die offizielle Seite überwinden. In Demokratien kommen und gehen Mandatsträger, deshalb ist es wichtig, dass diese Partnerschaften in der Bevölkerung ankommen.«

Diese Partnerschaft sei begründet durch Albert Osswald und Abraham Bar Menachem. Der als Alfred Gutsmuth geborene Bürgermeister von Netanya und Gießener Ehrenbürger Abraham Bar Menachem, der vor fünf Jahren im 105. Lebensjahr verstarb, und der ehemalige Ministerpräsident und Gießener Oberbürgermeister Albert Osswald machten dieser Partnerschaft so einzigartig. »Beide kannten sich, wohnten in der Wassergasse«, ging Bouffier auf den Werdegang Bar Menachems ein, der Jura studierte und gegen den Widerstand der Nazis promovierte, bevor er floh. »Beide haben beschlossen, ein neues Kapitel für eine gemeinsame Zukunft aufzuschlagen, bei einem Treffen in Israel«, ging Bouffier auf 1978 ein, als auch durch Prof. Jakob Altaras die Neugründung der Jüdischen Gemeinde in Gießen erfolgte. »Das war alles zu dieser Zeit und deshalb war ich damals überzeugt von dieser Partnerschaft. Diese war in Netanya sehr umstritten. Dreimal wurde die Abstimmung im Parlament verschoben. Wir fühlten uns besonders geehrt, als Bar Menachem und der israelische Botschafter zur Unterzeichnung kamen. Damals hatte Netanya 60 000 Einwohner, heute sind es 300 000 Einwohner - und ich war damals der einzige, der nach dem Krieg geboren war. Es war mehr als nur eine Partnerschaft. Es war diese Besonderheit, dass ein Gießener Junge, dem die Nazis Familie und Zukunft genommen haben, zu uns kam und sagte, wir beginnen ein neues Kapitel«, so Bouffier. Astrid Eibelshäuser sagte: »Die Begründung der Städtepartnerschaft zwischen Gießen und Netanya ist ein wichtiger Teil unserer Stadtgeschichte, der hoffentlich noch viele Jahre fortgeschrieben wird. Als Schuldezernentin bin ich froh über die Schulpartnerschaft, die mit der Ricarda-Huch-Schule, der Eldad-High-School Netanya und der beiden Musikschulen entstanden ist. Städtepartnerschaft braucht zivilgesellschaftliches Engagement und dafür steht der Verein seit mehr als einem Vierteljahrhundert.« Weitere Grußworte kamen von Simon Sosoun von Keren Hayesod Vereinigte Israel Aktion, welche Spenden für Israel sammelt und der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Gießen, Marina Frankfurt.

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